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Nachruf auf Autor Joseph von WestphalenDer Sterbesalat

Joseph von Westphalen konnte mit dem Montblanc-Füller umgehen wie Errol Flynn mit dem Degen. Nun ist der Romanautor und begnadete Polemiker gestorben.

Es war schon lange still um ihn geworden. Dabei hatten wir in den Neunzigern und Nullerjahren häufig und manchmal stundenlang telefoniert. Er erzählte von seinen neuen Entdeckungen alter Jazz- und Bluesstücke, von neuen Romanen, an denen er gerade arbeitete und die meistens mit einer neuen Amour fou zu tun hatten, der Joseph von Westphalen immer wieder verfiel. Vor allem in seinem letzten großen Roman „Der Liebessalat“, den er nur schrieb in der Hoffnung, dass das Buch in die Hände einer unbekannten Schönen fiele, die er auf einer seiner Lesungen gesehen hatte.

Westphalen schrieb also nicht aus Gründen des Ruhms und des Ehrgeizes, sondern aus dem einzigen Motiv, das die Mühe lohnt, ein Buch zu schreiben. Ohne die von ihm begehrte Frau, die schon eine fast mystische Aura verbreitet, wäre er „im Handumdrehen verhungert, verblödet, verrottet“, schrieb er.

Ihm war das Lächerliche durchaus bewusst, das hinter der schmachtenden Liebe zum Vorschein kommt und sich nicht selten als klebriges Selbstmitleid entpuppt. Das heißt, er stellte sich auch selbst infrage, wozu ein Breton in seinem Frauenanbetungsroman „Nadja“ nicht fähig gewesen wäre. Insofern hatte Westphalen mehr mit Balzac zu tun, der ebenfalls auf verschwenderische Weise der Liebe seinen Tribut zollte.

Ein besessener Vielschreiber

1945 in der Oberpfalz geboren, studierte er in München Literaturwissenschaften, war kurze Zeit von den Maoisten fasziniert und veröffentlichte schon bald im Haffmans Verlag, in dem fast die gesamte Riege der Neuen Frankfurter Schule erschien. Mit seinen Duckwitz-Romanen „Im diplomatischen Dienst“ landete er bei Hoffmann & Campe einen großen Erfolg. Westphalen war ein besessener Vielschreiber, der in mehreren Verlagen gleichzeitig veröffentlichte.

Dabei sorgte er im Kulturbetrieb immer wieder für Aufregung, weil er auch ein begnadeter Polemiker war, der kein Blatt vor dem Mund nahm, wenn er Neigungen zum Mainstream und zur allgemeinen Verblödung feststellte. Dies war vor allem während der Wiedervereinigungseuphorie der Fall. 1990, nicht lange nach dem Fall der Mauer, erschien ein Pamphlet mit dem Titel „Von deutscher Bulimie. Diagnose einer Freßgier“, wobei ihm die Vergeblichkeit seiner Kritik an der deutschen Einheit natürlich bewusst war.

Jahre, nachdem die Zeit Monika Maron und ihn zu einem wöchentlichen Ost-West-Dialog eingeladen hatte, bedauerte er seine „Beißhemmung“ gegenüber der „maulig-mopsigen Zonnentussi-Art meiner Briefpartnerin“, der er viel zu geduldig den Westen zu erklären versuchte, „als gälte es, eine misstrauische Behörde zu besänftigen“. Er schreckte vor Beleidigungen nicht zurück, die er allerdings immer mit hinreißender Verve begründete.

Als 1998 die Anthologie mit Bestsellerverrissen „Sorge dich nicht, lese!“ in der Edition Tiamat erschien und das Scherz-Verlagsimperium sich in seiner den Titel betreffenden Urheberrechtsehre verletzt fühlte, weil man glaubte, der jahrelang Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste belegende Ratgeber „Sorge dich nicht, lebe!“ von Dale Carnegie müsse vor unzulässiger Kritik mit einer einstweiligen Verfügung geschützt werden, ließ es sich Joseph von Westphalen nicht nehmen, unter dem Titel „Sorge dich nicht, zahle!“ eine furiose Anklage in der Süddeutschen Zeitung zu verfassen.

Beinahe ein Verlagsruin

Er forderte den Scherz-Verlag auf, die angedrohte Strafe bei Zuwiderhandlung von 10.000 Mark fallenzulassen, Scherz solle sich vielmehr entschuldigen und als Wiedergutmachung die Restauflage aufkaufen. Tatsächlich brachte der Artikel Westphalens Scherz dazu, die Klage aus Imagegründen zurückzuziehen. Der Verlagsruin war abgewendet. Mit seiner Montblanc-Feder wusste er so elegant umzugehen wie Errol Flynn mit dem Degen.

Anfang dieses Jahres verfasste Westphalen einen Nachruf auf seinen Freund Ulrich Enzensberger („es ist wirklich fürchterlich mit dieser Sterberei“) in der Süddeutschen. Ein Anlass, wieder mit ihm in Kontakt zu treten. Postwendend kam eine lange Mail, dass er wie eigentlich immer dabei sei, einen Roman zu schreiben, aber da er mit ihm „keine Frauen mehr beeindrucken“ wolle, fehle der Druck, aber der Impuls, einer bewunderten Frau bis ans Ende der Welt zu folgen, sei noch da.

Der Roman bleibt unvollendet, denn der literarische Freigeist und Husar Joseph von Westphalen ist mit 81 Jahren in München gestorben.

Klaus Bittermann ist der Verleger der Edition Tiamat.

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