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Machtmissbrauch in KrankenhäusernEin Klima der Angst und des Schweigens

Die Zahlen zu Machtmissbrauch und sexueller Belästigung in Krankenhäusern sind erschreckend. Ein runder Tisch soll für Veränderung sorgen.

Eine Ärztin berichtet: „Ein Vorgesetzter hat mich gebeten, die Unterhaltung auf seinem Schoß sitzend zu führen, er könne sich dann besser konzentrieren“: Danach habe er das Ganze als „einfachen Scherz“ abgetan. Vorgesetzte, die an Brüste fassen, anzügliche Bemerkungen machen, im Beisein anderer Kol­le­g*in­nen demütigen: Eine ganze Reihe solcher Ereignisse beschreiben Ärz­t*in­nen in einer Befragung der Ärz­t*in­nen­ge­werk­schaft Marburger Bund zu Machtmissbrauch und sexueller Belästigung im Krankenhaus. Ein runder Tisch soll jetzt für Veränderung sorgen. Daran beteiligen sich führende Organisationen der deutschen Kliniklandschaft.

Zahlen aus der Befragung, die der Marburger Bund bereits im Frühjahr veröffentlicht hatte, sind erschreckend. Knapp die Hälfte der über 9.000 Befragten gab an, in den zwölf Monaten zuvor Machtmissbrauch durch vor allem männliche Vorgesetzte erlebt zu haben, gut die Hälfte von ihnen mehrmals, 14 Prozent sogar wöchentlich. Zu den häufigsten Formen von Machtmissbrauch gehörten ein herablassender Umgangston, grundloses Infragestellen von Kompetenz und öffentliches Bloßstellen.

Mehr als jede zehnte der befragten Personen berichtete außerdem von sexueller Belästigung innerhalb der zurückliegenden zwölf Monate – drei Viertel der fast ausschließlich weiblichen Betroffenen sogar mehrmals. Es handele sich nicht um bedauerliche Einzelfälle, sondern um ein strukturelles Problem, sagte Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger Bundes, bei der Vorstellung des runden Tischs am Mittwoch.

Pflege ist kaum erforscht

Besonders alarmierend sei, dass 74 Prozent der Betroffenen von Machtmissbrauch die Vorfälle nicht meldeten. Bei sexueller Belästigung seien es sogar 84 Prozent. Die Betroffenen hätten kein Vertrauen in das Beschwerdesystem, erwarteten keine Konsequenzen für die Verursacher, wohl aber für sich selbst. In der strengen Hierarchie der Krankenhäuser sind junge Ärz­t*in­nen abhängig von der Fürsprache ihrer Vorgesetzten.

Die Befragung der Kli­nik­ärz­t*in­nen war die bisher größte ihrer Art. Aber die Dimensionen des Machtmissbrauchs in Krankenhäusern dürften noch weit größer sein. So gibt es für Pflegekräfte bislang keine vergleichbaren Befragungen. Dabei gehörten gerade Auszubildende oder aus dem Ausland angeworbene Pflegekräfte zu den gefährdetsten Gruppen, betonte Christine Denk, Geschäftsführerin des Deutschen Pflegerates. Auch der Pflegerat beteiligt sich deshalb am runden Tisch.

Schweigen mit Folgen

Mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft und weiteren Klinikverbänden sind auch die Leitungsebenen Teil des runden Tisches. „Wir haben dem Thema in der Vergangenheit zu wenig Aufmerksamkeit gegeben“, räumte Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft, ein. Offensichtlich seien aber gerade jüngere Kol­le­g*in­nen nicht mehr bereit, überkommene Hierarchien hinzunehmen. Auf dem Deutschen Ärztetag im Mai in Hannover hatten zudem Medizinstudentinnen von Belästigungen berichtet, die sie auf dem Kongress selbst erlebt hatten.

Das bisherige Klima des Schweigens und der Angst habe auch Folgen für Patient*innen, betonten Denk vom Pflegerat und Johna vom Marburger Bund. Wenn zum Beispiel eine junge Ärztin oder Pflegekraft sich nicht traue, zu sagen, dass der Oberarzt vergessen habe, die Hände zu desinfizieren, bevor er eine Wunde versorge, könne das ernste Folgen haben.

Der runde Tisch tagte am Mittwoch zum ersten Mal, zuvor hatten die Beteiligten bereits ein Leitbild formuliert. Ziel sind konkrete Maßnahmen zur Sensibilisierung der Beschäftigten in Kliniken und zur Verbesserung der Beschwerdemöglichkeiten. „Wir wollen in einem Jahr gefragt werden, was sich verändert hat und dann auch Antworten haben“, versprach Gaß.

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