Selbstenttarnung des NSU vor 15 Jahren: Noch immer bleiben Fragen
Andächtig erinnern Menschen im Dom von Zwickau an die Opfer des NSU. In der Stadt beging das Kerntrio keine Morde, sondern fühlte sich zu Hause.
Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa
Mandy Boulgarides hält kurz inne, schluchzt leise, holt Luft und spricht dann weiter. Ihre Stimme hallt an diesem Mittwochnachmittag von den hohen Steinwänden des kühlen Doms in Zwickau wider. Es ist die offizielle Gedenkveranstaltung der Stadt, genau 15 Jahre nachdem sich der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) selbst enttarnt hat. Boulgarides steht vorne am Redepult, erzählt von Theodoros Boulgarides, dem Einzelhändler in München, ihrem Vater. Und sie erzählt vom unersetzlichen Verlust, als ihn der NSU 2005 ermordete.
In Zwickau, der gar nicht so kleinen Stadt in Sachsen, lebte das Kerntrio des NSU über Jahre unbehelligt in verschiedenen Wohnung. Von dort aus planten sie Anschläge, Morde und Raubüberfälle, unterstützt von einer bis heute unbekannten Zahl von Mitwisser:innen.
Aber beim Gedenken im Zwickauer Dom am Mittwoch stehen die zehn Ermordeten und ihre Angehörigen im Fokus. Neben Theodoros Boulgarides tötete die Terrorgruppe Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter.
Nach der Rede von Mandy Boulgarides treten mehrere Vertreter:innen der Bundesregierung und der sächsischen Regierung ans Pult. Minister:innen oder Staatsminister:innen sind nicht da. Dafür räumt unter andrem Sebastian Wüste, Staatssekretär im Bundesministerium des Innern, Fehler der Polizei ein. „Die Sicherheitsbehörden haben in viele Richtungen ermittelt, aber nicht in die richtige.“ Statt der Rechtsextremen gerieten die Angehörigen in den Fokus – bis zur Selbstenttarnung vor 15 Jahren.
Der NSU in Zwickau
Doch bis heute sind Fragen ungeklärt. Das betonen die Betroffenen und Angehörigen der Opfer des NSU-Terrors. Auf Flyern, die auf den Holzbänken im Dom ausliegen, stehen acht Forderungen. „Wir fordern nachhaltige psychologische und unbürokratische Unterstützung für unsere Betroffenen“, heißt es da. Oder: „Wir fordern die Ermittlung und Anklage aller Unterstützer:innen des NSU.“
Von diesen Unterstützer:innen lebten einige auch in Zwickau. Mutmaßlich etwa in der Polenzstraße, einen Kilometer vom Dom entfernt. Genau dort wohnte von 2001 bis 2008 auch das Kerntrio, Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Wenige Stunden vor dem offiziellen Gedenken drängen sich dort etwa 40 Personen auf den schmalen Gehweg. Sie hören zu, wie eine Person vom Dokumentationszentrum Offener Prozess erzählt, wie wohl sich die drei Täter:innen in der Stadt fühlten.
Das Kerntrio habe, anders als es das Wort „Untergrund“ im selbstgewählten Name vermuten lasse, nicht abgeschottet von der Gesellschaft gelebt, erzählt die sich nur mit dem Vornamen Momo vorstellende Person vom Dokumentationszentrum. Unter falschem Namen hätten sie stattdessen Kontakt zu Nachbar:innen und Urlaubsbekanntschaften gepflegt. Die Polenzstraße ist die zweite Station eines Rundgangs, den das Dokumentationszentrum Offener Prozess an diesem Mittwoch, 15 Jahre nach der Selbstenttarnung, zum ersten Mal anbietet.
Den letzten Wohnort in der Frühlingsstaße des NSU-Kerntrios überspringt der Rundgang allerdings. Anders als die Polenzstraße sei der weitgehend bekannt, erklärt Momo. Nachdem sich Mundlos und Böhnhardt nach einem gescheiterten Bankraub im 150 Kilometer entfernten Eisenach erschossen hatten, zündete Zschäpe vor genau 15 Jahren die Wohnung in der Frühlingsstraße an, jagte sie damit in die Luft, um Beweise zu vernichten.
Umkämpftes Gedenken
Statt in der Frühlingsstraße endet der Rundgang im Gedenkhain am Schwanenteich von Zwickau. Zehn Bäume erinnern dort nicht nur an die Mordopfer des NSU. Sie erinnern auch daran, dass das Gedenken in Zwickau lange Zeit ein schwieriges Thema war.
Als Bürger:innen 2016 zum 5. Jahrestag zunächst mit Gedenkbänken an die Opfer erinnerten, wurden diese innerhalb weniger Tage teils angesägt, mit Farbe bespritzt und geklaut. Auch einen 2019 gepflanzten Gedenkbaum für den als Erstes vom NSU ermordeten Enver Şimşek sägten Unbekannte nach wenigen Wochen ab.
Erst etwas später pflanzte die Stadt dann die zehn Bäume des Gedenkhains für die Mordopfer. Doch dabei bezog sie die Hinterbliebenen der Opfer nicht ein. Mehrere Namen auf den Gedenktafeln waren falsch geschrieben. Dann legte noch die AfD einen Gedenkkranz nieder und löste einen Tumult aus.
Inzwischen sind die Namen auf den Tafeln korrigiert. Dass die zehn Gedenkbäume noch immer stehen, liege vielleicht daran, dass die Polizei sie bewacht habe, vermutet Momo, kurz bevor der Rundgang endet. Die Blätter der zehn immer noch jungen Bäume haben sich schon herbstlich verfärbt. Neben ihnen stehen wieder Holzbänke, bunt bemalt, auf denen ebenfalls die Namen der Mordopfer stehen.
Ein paar Stunden später ziehen dann auch die Teilnehmer:innen der Gedenkfeier aus dem Dom zum Hain. Es ist inzwischen dunkel geworden. Zum Abschluss bilden die etwa hundert Menschen einen Halbkreis, sprechen noch einmal gemeinsam die Namen der Mordopfer und schweigen schließlich für eine Minute.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert