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Polarisierung in den USAEin „Marxist“ im Maßanzug auf Twitch

Der Polit-Influencer und Streamer Hasan Piker verschiebt die Grenze des Sagbaren in den USA nach links. Damit trifft er vor den Midterms einen Nerv.

In der Zeit um Halloween werden in den USA die Häuser geschmückt: mit Spinnweben, Totenschädeln – und natürlich mit Kürbissen. So hat es auch der linke Streamer Hasan Piker gemacht. Nur tragen bei ihm die orangefarbenen Rübenköpfe, die man in seinen Videos im Regal hinter ihm sieht, die schaurigen Fratzen von Elon Musk, Benjamin Netanjahu und Donald Trump.

Dabei gruseln sich viele eher vor Piker selbst. Denn der 35-jährige Sohn türkischer Eltern aus New Jersey, der inzwischen in Los Angeles wohnt, ist zu einer berüchtigten Stimme im amerikanischen Politikgeschäft geworden. Mit 3,1 Millionen Followern auf Twitch, einer sonst vor allem für Gaming bekannten Plattform für Livevideos, und weiteren Millionen auf Youtube, Tiktok & Co. ist er einer der erfolgreichsten politischen Streamer weltweit. Unter dem Namen „HasanAbi“ kritisiert er dort den Einfluss von Lobbyorganisationen, die Ungleichheit in den USA, vor allem aber Israels Krieg in Gaza – und das auch mal mit eher derben Worten. E ist das linke Enfant terrible der US-Streamerszene.

Bei Rechten, Republikanern und Demokraten der Mitte ist er verpönt. Donald Trump nannte Piker einen „kommunistischen Agitator“, und Hakeem Jeffries, der Minderheitenführer der Demokraten im Repräsentantenhaus, befand Pikers Israel-Kommentare als „gefährlich und antisemitisch“. Selbst Israels Premier Benjamin Netanjahu holte in seiner Rede vor der UN-Generalversammlung im September gegen den Streamer aus.

Für seine 9/11-Aussage entschuldigt

Der Grund: der bekennende Antizionist Piker überschreitet gerne, was in den USA lange als Grenze des Sagbaren galt. So nannte er Mao Zedong einmal einen „großen Anführer“, die Hamas wiederum bezeichnete er als das geringere Übel und „tausendmal besser“ als Israel. Für seine Aussage aus dem Jahr 2019, die USA hätten „den 11. September verdient“, hat er sich inzwischen entschuldigt. Antisemitismusvorwürfe weist er von sich und gibt sie stattdessen an seine Kritiker zurück: Diese würden Israel mit dem Judentum gleichsetzen.

Wer das alles einordnen will, braucht einen langen Atem. Denn Piker sagt viel, wenn der Tag lang ist. Der breit gebaute Brillenträger streamt teilweise acht Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Neben durchaus scharfsinniger Politikanalyse liefert er viel Überspitzung und Provokation. Piker, der meist in weit geschnittenen Anzügen zu sehen ist und vor der Kamera auch mal asiatische Nudeln aus der To-go-Box löffelt, spricht dabei ein Publikum an, das noch vor Kurzem scharenweise in die Arme der Republikaner lief: es ist unter 30, männlich und heterosexuell. Wenn es in seinem Kanal mal nicht um Politik geht, dann um Videospiele oder Krafttraining.

Piker nennt sich selbst einen „Marxisten“. Dabei sind viele seiner innenpolitischen Forderungen wenig radikal: Krankenversicherung für alle, Reichensteuer und öffentlicher Wohnungsbau. Mit dem Kapital, das er selbst aus seinen Twitch-Abos schlägt, scheint er kaum Probleme zu haben. Auch wenn ihm sein knapp drei Millionen Dollar teures Haus in West Hollywood einige Kritik von seinen Followern eingebracht hat. „Ich wäre lieber ein reicher Sozialist als ein armer Schlucker, der den Kapitalismus verteidigt“, sagte Piker mal in einem Stream.

Demokraten sollen sich distanzieren

Von ihm unterstützt zu werden ist eine zweischneidige Sache. Vor den Midterms am 3. November überbieten sich Demokraten und Republikaner förmlich darin, alle Kandidaten, mit denen Piker sympathisiert, aufzufordern, sich von ihm zu distanzieren. Das war schon beim New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani der Fall. Jetzt trifft es unter anderem den Senatskandidaten aus Michigan, Abdul El Sayed. Beide haben das halbherzig getan, denn offen von ihm abzuwenden lohnt sich nicht: dafür ist er zu einflussreich.

Man muss Hasan Piker nicht mögen, weder seine politische Haltung noch seine selbstdarstellerische Art. Doch er trifft offenbar einen Nerv in einem Land, in dem viele, vor allem junge Menschen, inzwischen sehr kritisch auf Israel schauen – und auf Milliardäre wie Donald Trump.

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