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Socialwashing bei PlattformunternehmenAirbnb will Teil der Lösung sein

Illegale Ferienwohnungen könnten in Berlin bald Geschichte sein. Um weiterer Regulierung vorzubeugen, setzt die Firma verstärkt auf soziales Engagement.

„Ein angespannter Wohnungsmarkt darf nicht darüber entscheiden, wer in Berlin studieren kann.“ Anlass für dieses bemerkenswerte Zitat der Airbnb‑Geschäftsführerin Kathrin Amseln ist das „Wohnstipendium“, das die Kurzzeitvermietungsplattform in Kooperation mit der Technischen Universität zum Semesterstart an vergibt.

Mit einem 1.580‑Euro-Gutschein können sich 250 Stu­di­en­an­fän­ge­r:in­nen aus dem Ausland zunächst für einige Wochen auf der Plattform eine Unterkunft buchen, um etwas mehr Luft für die Wohnungssuche auf dem leer gefegten Berliner Wohnungsmarkt zu haben.

In Berlin galten Plattformen wie Airbnb bislang als Mitverursacher der Wohnungskrise. Während die Kurzvermietungsplattform bei Tou­ris­t:in­nen beliebt ist, für die Hotels zu teuer und zu spießig sind, ist Airbnb für Ber­li­ne­r:in­nen ein weiterer Konkurrent auf dem ohnehin schon angespannten Wohnungsmarkt. Je nach Schätzung werden weiterhin 10.000 Wohnungen in Berlin illegal als Ferienwohnung vermietet.

Genau deshalb ist es nicht überraschend, dass Airbnb sich jetzt als Lösung präsentiert. „Wir sehen in der internationalen Forschung zu Plattformen, dass diese Kooperationen enorm wichtig sind, damit sich diese Unternehmen lokal als gute Partner präsentieren können“, erklärt Christina Hecht. Die Soziologin hat für ihre Dissertation Airbnb in Berlin und Kapstadt geforscht.

Ein neues Image aufbauen

Gerade sei der Zeitpunkt günstig für das Unternehmen, sagt Hecht, auf die öffentliche Meinung Einfluss zu nehmen. Die Debatte über das Geschäftsmodell der Kurzzeitvermietung sei in den vergangenen Jahren weitgehend abgeflacht. „Es ist nicht mehr so ein Hot Topic wie vor ein paar Jahren“, sagt Hecht. Nun könne sich Airbnb ein neues Image aufbauen.

Und das tut Airbnb geschickt, indem es sich als systemrelevanter Akteur auf dem Berliner Wohnungsmarkt darstellt. Mit dem Wohnstipendium gebe man Studierenden in den ersten Wochen eine verlässliche Unterkunft. Damit zeige man, was „flexibles Wohnen über den Tourismus hinaus“ leisten könne, erklärt die Airbnb-Geschäftsführerin Kathrin Amseln in einer Pressemitteilung zum Start des Wohnstipendiums. „Es schließt die Lücke zwischen Ankommen und Bleiben, für Studierende genauso wie für Familien und Berufstätige in Übergangsphasen.“

Den Vorwurf, Airbnb würde durch sein Geschäftsmodell die Zweckentfremdung von Wohnraum vorantreiben und damit die Wohnungsnot verstärken, dreht das Unternehmen dabei einfach um. „Studierende werden ermutigt, in Privatzimmern und bei Homesharern unterzukommen, sodass vorhandener Wohnraum effektiv genutzt wird.“

Mit Homesharer meint Airbnb Eltern, die die frei gewordenen Zimmer ihrer Kinder vermieten, oder WGs, die ihre Zimmer für ein paar Wochen vermieten, wenn sie im Urlaub sind. Diese Ver­mie­te­r:in­nen gibt es nach wie vor auf der Plattform, doch sind sie in der Minderheit. Die Forschungen von Hecht und ihrem Kollegen Simon Pohl haben ergeben, dass rund 85 Prozent der Inserate in Berlin von gewerblichen An­bie­te­r:in­nen angeboten werden.

Jedes Inserat benötigt eine Registriernummer

Ein nicht unerheblicher Teil der Inserate wird nach wie vor illegal vermietet. Nach dem 2021 verschärften Zweckentfremdungsverbotsgesetz ist die Vermietung von Wohnraum auf Kurzzeitvermietungsplattformen nur noch eingeschränkt möglich. So benötigt jedes Inserat eine Registriernummer. Zusätzlich ist jedes Airbnb-Angebot genehmigungspflichtig, wenn die Wohnung länger als 90 Tage im Jahr vermietet und weniger als die Hälfte der vermieteten Wohnfläche selbst genutzt wird.

Das Verfolgen von illegalen Ferienwohnungen wird zur Detektivarbeit

Die strengen Regelungen lassen sich von Ver­mie­te­r:in­nen leicht umgehen, wenn die Bezirksämter nur sehr zögerlich mit Daten versorgt werden. Das Unternehmen weiß zwar, wer sich hinter den Registrierungsnummern verbirgt, gibt diese aber nicht weiter. Außerdem sind auf der Plattform selbst keine Adressen einsehbar – das Verfolgen von illegalen Ferienwohnungen wird zur Detektivarbeit, für die die Bezirke nicht ausreichend Personal haben.

Abhilfe könnte die bereits im Mai in Kraft getretene EU-Richtline bieten. Die Kurzzeitvermietungsverordnung sieht vor, dass der Datenaustausch mit den Kommunen künftig automatisch und in Echtzeit erfolgen soll. Die Bezirke könnten dann mit wenigen Mausklicks sehen, welche Airbnb-Inserate illegal sind.

Zumindest theoretisch, denn in noch keinem Bezirk findet der Datenaustausch statt, wie eine taz-Anfrage bei den Bezirken ergab. „Die technische Umsetzung ist noch nicht aktiv gegangen. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen konnte der Arbeitsgruppe Zweckentfremdung die Software noch nicht bereitstellen“, heißt es etwa aus Charlottenburg-Wilmersdorf.

Guter Draht zu den Behörden

Klar ist, Airbnb dürfte sowohl an neuen Geschäftsfeldern als auch an einem guten Draht zu den Behörden interessiert sein. Das Wohnstipendium in Kooperation mit der TU war da nicht der einzige Vorstoß. Anfang September verschickte Airbnb.org, eine von Airbnb gegründete gemeinnützige Stiftung, eine Einladung für ein „Fachgespräch“ an verschiedene Senatsverwaltungen, die Sozialämter der Bezirke, dem Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten und Unterbringung (LFU) sowie diverse Hilfsorganisationen.

In einer E-Mail an ein Sozialamt, die der taz vorliegt, schlägt Airbnb vor, „mit Ihnen in den Austausch zu treten und zu diskutieren, wie Airbnb.org das Krisenmanagement in Berlin und Deutschland in den kommenden Jahren durch die Bereitstellung kostenfreier, temporärer Unterkünfte unterstützen kann“. Dabei schlägt Airbnb.org vor, bei der kurzfristigen Notunterbringung im Katastrophenfall helfen zu können. Die Bezirke lehnten eine Beteiligung ab, aber nach Angaben der Senatsverwaltung für Soziales nahm mindestens ein Mitarbeiter an dem Treffen teil.

Wahrscheinlich werden sich solche Anfragen in Zukunft häufen. Erst am Mittwoch kündigte das Unternehmen an, künftig 10 Cent pro Buchung an die Stiftung spenden zu wollen, sagt Unternehmenssprecherin Julia Fiechtner der taz. Das wären weltweit rund 500 Millionen pro Jahr. Mit dem Geld wolle die Stiftung ihre Arbeit auch auf weitere Gruppen ausweiten: „Familien, die für eine medizinische Behandlung reisen müssen, Menschen, die vor häuslicher Gewalt und Ausbeutung fliehen, sowie Veteraninnen und Veteranen in den USA“, sagt Fiechtner.

Es ist absolut illegitim, dass sich so ein umstrittener Konzern an offizielle Institutionen ranwanzt

Katalin Gennburg, Bundestagsabgeordnete (Die Linke)

Für die Bundestagsabgeordnete Katalin Gennburg (Die Linke) ist diese Strategie mehr als nur ein harmloser Marketing-Move. „Es ist absolut illegitim, dass sich so ein umstrittener Konzern an offizielle Institutionen ranwanzt“, sagt Gennburg.

Übernimmt ein Unternehmen wie Airbnb so sensible staatliche Aufgaben wie die Katastrophenhilfe oder die Unterbringung von Geflüchteten, mache sich das Land später erpressbar, wenn es um strengere Regulierungen gehe, sagt Gennburg.

Bis dahin dürfte es zum Glück noch ein wenig dauern. Die 250 Stipendien, die gerade mal für einen Monat reichen, sind nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Kurz vor Beginn des Semesters standen über 3.000 Be­wer­be­r:in­nen auf der Warteliste für einen Wohnheimplatz.

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