Vor der Weltklimakonferenz: Die Welt geht weiter unter
Klimaschutz leidet unter rechter Politik. Doch einige Staaten und Verbände kämpfen bei der Weltklimakonferenz weiter für den Ausstieg aus fossilen Energien.
Es sind besondere Zeiten, in denen die Weltklimakonferenz in diesem Jahr stattfindet. Das sagen die Menschen aus den Umweltverbänden und Behörden immer wieder beim Einschwören auf die COP31 – die 31. Klimakonferenz der Vereinten Nationen, die ab dem 9. November im türkischen Antalya stattfindet.
Da ist die Klimakrise, die weltweit so spürbar wütet wie nie zuvor. In Deutschland forderte die Hitze in den Sommermonaten mehr als 16.000 Todesopfer. In Nepal treibt die Erderwärmung das Schmelzen von Gletschern voran, was Katastrophen wie die tödliche Sturzflut Ende August auslösen kann.
Erst vor Kurzem hat das Unep, die führende Umweltbehörde der Vereinten Nationen, berichtet, dass die Staaten weltweit mit ihrer aktuellen Klimapolitik die Erde bis zum Jahr 2100 um 2,8 Grad Celsius aufzuheizen drohen, verglichen mit dem vorindustriellen Zeitalter. Das hat unumkehrbare Folgen wie das Absterben ganzer Ökosysteme. Im Unep-Bericht steht aber auch, dass die Welt bis 2100 mit einer 50-prozentigen Chance zu 1,5 Grad Erderwärmung zurückkehren könne, zum Beispiel durch Aufforstung oder Technologien zur CO2-Speicherung.
Weltklimakonferenz in der Türkei
Politiker*innen und Expert*innen aus aller Welt treffen sich zur 31. UN-Klimakonferenz im türkischen Antalya. Vom 9. bis 20. November beraten Vertreter*innen aus rund 200 Staaten über den Kampf gegen die Erderhitzung. Die taz ist mit einem Team vor Ort. Verfolgen Sie unsere Berichterstattung auf unserem Schwerpunkt auf taz.de, auf klima.taz bei Instagram, im Podcast klima update°, im Newsletter TEAM ZUKUNFT, im werktäglichen E-Paper und in der Wochentaz.
Die Erkenntnisse der Klimawissenschaft verteidigen
Dann gibt es da die geopolitischen Krisen und Kriege, die das Klima aus dem Fokus drängen. Autokratien sind erstarkt, rechtskonservative bis rechtsextreme Machthaber sagen dem Klimaschutz und denen, die sich dafür einsetzen, ganz unverblümt den Kampf an. Sie stampfen Gelder für Klimaschutz ein, drehen Errungenschaften der vergangenen Jahre zurück und verbrüdern sich mit fossilen Konzernen.
Dylan Kava erwartet, auf der Weltklimakonferenz in Antalya viel Zeit damit verbringen zu müssen, die Erkenntnisse der Klimawissenschaft zu verteidigen – so laut wurden zuletzt populistische Stimmen, die die Wissenschaft in Zweifel zogen. Kava ist Sprecher des Pacific Islands Climate Action Network (PICAN), in einer Region also, die wenig zur Klimakrise beigetragen hat, aber besonders bedroht ist von ihren Folgen. Und davon, dass große Industriestaaten nicht genug finanziellen Ausgleich für Klimaschäden zahlen.
Der Krieg wiederum, den US-Präsident Donald Trump gegen das iranische Regime angezettelt hat, hat nicht nur Menschen getötet, sondern auch die globale Energieversorgung unter Druck gesetzt. Einerseits schlagen fossile Konzerne Profit daraus – andererseits werden Erneuerbare erst recht attraktiv, weil sie sich als billiger und krisenfester erweisen.
Die Klimakonferenz hat diesmal eine Doppelspitze
Einzelne Ereignisse gehen gegen den Rechtstrend: In den USA haben die Midterms Trump einen deutlichen Dämpfer verpasst. In Brasilien hat der linke Präsident Lula da Silva sein Amt gegen den Rechtsaußen Flávio Bolsonaro verteidigt. Kurz vor Beginn der COP in Antalya hat Lula nun einen Plan für den Ausstieg aus fossilen Energien vorgelegt. In Serbien hat außerdem die Studentenliste überraschend über den langjährigen Machthaber Aleksandar Vučić gesiegt – klimapolitisch spannend in einem Land, in dem große Lithiumvorkommen hart umkämpft sind.
Schließlich gibt es in diesem Jahr die Besonderheit, dass die Klimakonferenz eine Doppelspitze hat: Die Türkei ist Gastgeberin, Australien führt die Verhandlungen. Beide Staaten setzen stark auf Kohleenergie, versuchen aber nun, sich auf der internationalen Bühne als pragmatische Klimaschützer zu profilieren. So hat etwa die türkische COP-Präsidentschaft den Aufschlag für ein globales Elektrifizierungsziel gemacht, der Verbrauchsanteil von Strom solle bis 2035 weltweit von derzeit 20 Prozent auf 35 Prozent steigen. Doch Vorgaben dafür, dass der Strom aus erneuerbaren Quellen kommt, enthält der Vorschlag nicht.
Der Kanzler bleibt zuhause
In dieser Gemengelage fordern Verbände aus Deutschland, dass die deutsche Delegation bei der Konferenz eine Vorreiterrolle einnimmt. Der 2023 beschlossene Ausstieg aus fossilen Energien müsse mit Maßnahmen und verbindlichen Zwischenzielen untermauert werden, sagt die Deutsche Umwelthilfe. Zudem müsse die Bundesregierung ihre Finanzierungszusagen einhalten, verlangt die Entwicklungsorganisation Germanwatch. Bei der COP30 vor einem Jahr in Brasilien wurde vereinbart, dass bis 2035 deutlich mehr Geld in Klimaanpassung investiert werden müsse. Die afrikanische Ländergruppe will sich den Beschluss nun in Antalya noch mal vornehmen, um Umsetzungsschritte für das 2035er-Ziel festzulegen.
wochentaz
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Ob Deutschland da eine Vorreiterrolle einnimmt? Die Bundesregierung hat das Budget für Entwicklungszusammenarbeit deutlich gekürzt, aus dem 85 Prozent der deutschen Klimafinanzierung kommen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) bremst den Ausbau der Erneuerbaren. Kanzler Friedrich Merz (CDU) selbst will wegen „anderweitiger Verpflichtungen“ nicht zur Weltklimakonferenz reisen. Und auch die EU hat neue Finanzierungszusagen ausgeschlossen.
Wie viel den Industriestaaten bei der COP31 abgerungen werden kann, weiß auch Dylan Kava vom Klimaschutznetzwerk der Pazifischen Inseln nicht. Er sagt, er will sich die Hoffnung trotzdem nicht nehmen lassen.
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