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Sexarbeit für FrauenRosa steht für Nähe, Rot für Lust und Leidenschaft

Die Berliner Sexarbeiterin Rosa Rot hat ihr gleichnamiges Projekt ins Leben gerufen. „Rosa Rot“ bietet Sexarbeit nur für Frauen an.

„Meine Sexualität ist Hure“, sagt Rosa Rot, ihre Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt. Rosa Rot heißt eigentlich anders und arbeitet unter diesem Namen als Independent Escort. „Ich liebe es, mit vielen, unterschiedlichen Menschen Sex zu haben, unabhängig vom Geschlecht.“

Rosa Rot ist seit fünf Jahren als selbstständige Escort tätig – bisher unter dem Pseudonym Niki Blau. Anfang 2026 hat die Berliner Sexarbeiterin ihr Schwesterprojekt „Rosa Rot“ ins Leben gerufen: Sexarbeit nur für Frauen. „Rosa“ steht für Nähe und Fürsorglichkeit, „Rot“ für Lust und Leidenschaft, liest man auf der Website.

„Rosa Rot“ soll zugleich Experiment und Antwort auf die Frage sein, warum es kaum weibliche Kundschaft in der Sexarbeit gibt. „Ich halte es für einen Mythos, dass Frauen grundsätzlich wenig Interesse an bezahltem Sex haben“, sagt Rosa Rot.

Die 31-Jährige spaziert entlang der Spree und nippt am Matcha-Latte, in dem sich der grüne Tee mit der cremeweißen Milch vermischt. Das Ziel ist ein Hotel. Am Abend hat sie dort ein Date mit einer neuen Kundin. Eine 50-Jährige, die zum ersten Mal Sex mit einer Frau haben möchte.

Neue Seiten ihrer Sexualität

Auch Carmen Flores (Name geändert) erlebte ihr erstes Mal mit einer Frau durch Rosa Rot. Im Urlaub auf Mallorca nimmt sich die 64-jährige Zeit für einen Videocall. Sie ist gerade erst in dem Ferienhaus nahe der Küste des Mittelmeers angekommen. „Ich war auf einer Wanderung in den Bergen der Insel. Rund 90 Kilometer bei knapp 30 Grad!“, sagt sie munter und erleichtert.

Die Ingenieurin hat ein Kind und ist seit 40 Jahren verheiratet. Seit einer Weile erkunden sie und ihr Mann neue Seiten ihrer Sexualität. Dabei entstand Flores' Wunsch nach körperlicher Intimität mit Frauen. „Ich habe mich für Escort entschieden, um den Sex in einem geschützten, vertrauensvollen Rahmen ohne weitere emotionale Verpflichtungen ausprobieren zu können“, erklärt sie. „Ich wollte mit meinen Unsicherheiten in guten Händen sein. Und da hat mein Mann Rosa empfohlen, weil er sie als Kunde von Niki Blau kennt.“

Laut der Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes sind 6 Prozent der 3.470 befragten Kun­d*in­nen weiblich, während unter den 2.350 befragten Sex­ar­bei­te­r*in­nen 83,5 Prozent weiblich sind. In Deutschland wird Sexarbeit seit 2002 gesetzlich reguliert. Das Gesetz wurde im Auftrag des Bundesfamilienministeriums durch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen von 2022 bis 2025 evaluiert.

„Ich habe lange mit mir gerungen“, erzählt Carmen Flores. Fragen nach Selbstbestimmung und Ausbeutung von Frauen beschäftigten sie. Gespräche mit ihrem Mann und Rosa Rot nahmen schließlich die Zweifel. „Vor dem ersten Date war ich sehr aufgeregt. Beim zweiten Treffen war meine Scheu verschwunden“, sagt sie und überlegt kurz: „Wir haben im Hotelzimmer getanzt, uns dann gegenseitig berührt und gutgetan.“

Nicht die Nachfrage fehlt, sondern ein Angebot

Zurück in Berlin: Neben der Spree verläuft ein Kiesweg unter Bäumen. Im Schatten einer Trauerweide setzt sich Rosa Rot auf die graue Flussmauer und trinkt den letzten Schluck von ihrer Matcha-Latte und sagt: „Ich wusste schon lange, dass ich auf Frauen stehe, fühlte mich aber unsicher und unerfahren.“

Ein Kunde schlug ihr daraufhin vor, ein Date mit einer Escort zu bezahlen, damit sie Sex mit einer Frau ausprobieren kann. „Bei der Suche fühlte ich mich als Kundin nie wirklich angesprochen. Es gibt viele tolle Frauen, aber die Escort-Webseiten sind für Männer“, erzählt sie. Am Ende habe sie eine Escort mit „lesbian energy“ ausgewählt. „Sie hatte kurze Haare, war tätowiert und trotzdem super feminin“, schwärmt Rosa Rot.

„Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass nicht die weibliche Nachfrage fehlt, sondern ein Angebot, das Frauen als Kundinnen mitdenkt und anspricht. Frauen werden, wenn überhaupt, nur mitgemeint“, sagt Rot. „Meine Kunden klagen meist über zu wenig Sex. Für Frauen ist Sex zwar leicht verfügbar, aber es fehlt oft an Qualität. Das kann ihnen Sexarbeit bieten.“

Mittlerweile liegt Rosa Rots privates Escort-Date zwei Jahre zurück und sie lebt in einer lesbischen Beziehung. Irgendwann fühlte sie sich sexuell selbstbewusst mit Frauen. „Dann habe ich gedacht: Business!“, erklärt Rot lachend. Ihre männlichen Kunden beschreibt sie als engagierte Unterstützer ihrer rosaroten Idee. „Die haben mir Geschäftspläne formuliert, Mindmaps geschickt und potenzielle Kundinnen genannt“, sagt Rosa Rot schmunzelnd: „Es passiert schnell, dass ich mit meinem Kunden nackt im Bett liege und wir über Business reden.“

Auf dem Weg zum Hotel erklärt sie, Rosa Rot sei grundsätzlich nicht anders als Niki Blau. Ihr neues Alter Ego ermögliche aber den Raum für eine weibliche Sexualität, die nicht im Vergleich zur männlichen existiere: „Wenn Frauen unter sich sein wollen, geht es einfach nur darum, unter Frauen zu sein. Alleine die Beschreibung ohne Männer oder gegen Männer setzt bereits eine Relation zu ihnen.“

Das gesellschaftliche Bild von Sexarbeit

„Die geringe Nachfrage von Kundinnen liegt wahrscheinlich auch am Stigma in der Gesellschaft, über das sich Männer schneller hinwegsetzen. Und Frauen tun sich schwerer mit der Trennung von Sex und Liebe“, vermutet Carmen Flores. Rosa Rot beschreibt das Stigma als unsichtbaren Schleier, der durch alle Köpfe wandere. „Das Letzte, was du willst, ist, dass dein Kind Hure wird.“

Dem gesellschaftlichen Bild von Sexarbeit stehe eine weibliche Sozialisierung gegenüber, die auf Fürsorge ausgerichtet sei und Promiskuität verurteile. „Frauen geben ihren sexuellen Bedürfnissen weniger Raum“, bestätigt Flores. Darauf geht Rot in ihrer Onlinepräsenz mit poetischer Sprache ein: „Wir verteilen Wärme an unsere Geliebten und merken dabei manchmal gar nicht, wie unser eigenes Feuer langsam erstickt. Gib deinem Rosa Rückhalt und deinem Rot Zunder.“

Rosa Rot möchte Unsicherheiten willkommen heißen und zeigen, inwiefern auch Frauen von bezahltem Sex profitieren können. Unabhängig von gesellschaftlichen Erzählungen. Auf ihrer Website schreibt sie: „Ich nehme dich mit allem, was du schon bist, und sage dir nicht, was dir noch fehlt.“ Das bestätigt auch ihre Kundin Carmen Flores: „Durch die Treffen mit Rosa spüre ich meinen Körper intensiver und kenne meine Bedürfnisse besser.“ Ein drittes Date ist bereits vereinbart.

Außer ihrem Mann wisse jedoch niemand davon. Flores' Angst vor Unverständnis ist groß. Sie kenne die Vorurteile, denn auch ihr eigenes Bild von Sexarbeit habe sich verändert: „Früher dachte ich, das tut man nicht, die armen Frauen. Nun weiß ich, dass prekäre Lebenssituationen oder Zwang nicht pauschal für alle gelten.“

Im mittleren bis höheren dreistelligen Bereich

Das 4-Sterne-Hotel liegt direkt am Fluss. Ein rotbraunes Backsteingebäude inmitten von Industrieromantik. In der Lobby wird Rosa Rot später die Kundin abholen. Den Preis für ein Date vereinbart sie individuell. Die Basis liegt im mittleren bis höheren dreistelligen Bereich. Viele Frauen könnten das Geld für ein solch luxuriöses Erlebnis nicht ausgeben. Aber Rot glaubt nicht, dass fehlendes Einkommen der zentrale Grund für die geringe Nachfrage ist. „Die Prioritäten sind anders. Ich habe Kunden, die nicht in den Urlaub fahren, weil sie mich stattdessen buchen.“ Rot meint, eine Frau würde eher den Urlaub nehmen.

Nacheinander holt sie diverse Utensilien heraus. Zuerst zwei große Vibratoren. Zum gemeinsamen Masturbieren, erklärt Rosa Rot so, als würde sie beschreiben, wie sie morgens Kaffee zubereitet

Das Zimmer ist geräumig. Es gibt drei Toiletten, eine große Badewanne und ein breites Sofa mit Sesseln. Rot holt eine Cola aus der Minibar. Der rote Kronkorken der Glasflasche ploppt, die Kohlensäure zischt. Rot lässt sich auf das Sofa fallen. Auf ihrem Schoß liegen zwei Taschen. Nacheinander holt sie diverse Utensilien heraus. Zuerst zwei große Vibratoren. „Zum gemeinsamen Masturbieren“, erklärt Rot so, als würde sie beschreiben, wie sie morgens Kaffee zubereitet. Es folgen Seidentücher, Handschuhe, Kokosöl, Gleitgel, eine Feder, zwei Kristalldildos, Kondome sowie ein kleines Metallrad mit spitzen Zacken.

Ganz ohne Männer wird der Abend nicht auskommen. An den Wänden befinden sich gerahmte Schwarzweißfotos von Politikern wie Kurt Georg Kiesinger. Neben dem Bett hängen Bilder von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle. Das einzige Foto mit einer Frau: „Ludwig Erhard mit seiner Gattin 1963“ steht darunter.

„Die Männer schleichen sich immer irgendwie rein“, empört sich Rosa Rot. Sie überlegt, die Fotografien später gemeinsam mit der Kundin als Ice Breaker abzuhängen, ohne sie wieder aufzuhängen. „Um ein Zeichen zu senden.“

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