Humanitäre Krise in Ukraine: Kaum Essen, kein Entkommen in Oleschky
In der russisch besetzten Stadt Oleschky in der Südukraine sind die Menschen von Versorgung und Evakuierung abgeschnitten. Eine ukrainische Drohnenaktion bringt kurzfristig Hilfe.
Foto: Anna Watson/Camera Press/laif
In der Nacht vom 26. auf den 27. September überflogen Dutzende schwerer Frachtdrohnen, begleitet von Aufklärungsdrohnen, den Dnipro im Süden der Ukraine. Unter russischem Beschuss ließen sie insgesamt vier Tonnen Lebensmittel in die russisch besetzte Stadt Oleschky hinab. Oleschky liegt am linken Ufer des Dnipro, nur neun Kilometer von der südukrainischen Hafenstadt Cherson entfernt. Es war die bislang größte Hilfsaktion zur Lieferung von Lebensmitteln in die Stadt, in der schon seit acht Monaten eine humanitäre Katastrophe herrscht.
„Wir haben Mehl, Getreide, Öl, Konserven, Dauergebäck und Brot an hundert Stellen in der Stadt abgeworfen. Bis dahin waren die Menschen am Rande des Hungertodes“, erklärt Oleksandr Tolokonnikow, stellvertretender Leiter der Militärverwaltung des Gebietes Cherson.
Oleschky wurde gleich zu Beginn der russischen Invasion 2022 besetzt. Laut Tolokonnikow hätten russische Truppen die Stadt faktisch in eine Sperrzone verwandelt. Alle Wege zur Evakuierung von Menschen aus und zur Lieferung von Waren und Hilfsgütern nach Oleschky sind vermint.
„Genaue Zahlen kennt niemand, weil es keinen Zugang zur Stadt gibt. Aber nach Angaben von Einwohnern und dank der Beobachtungen unserer Aufklärung leben dort noch etwa 2.000 Menschen, darunter 50 Kinder. Mehr als einmal haben wir uns an Russland und an die internationale Gemeinschaft mit der Bitte gewandt, einen humanitären Korridor einzurichten, um diese Menschen evakuieren zu können“, sagt Tolokonnikow. „Aber die Russen weigern sich und nutzen die Menschen in Oleschky quasi als Schutzschild. Das ganze Gebiet wird von russischen Drohnen kontrolliert“, erklärt er.
Kein Strom, keine Medikamente
Bis zu Beginn der Vollinvasion 2022 lebten in Oleschky nach Behördenangaben 24.000 Menschen. Einige konnten in den ersten Kriegstagen die Stadt verlassen. Andere starben während der Überschwemmung nach der Sprengung des Kachkowka-Staudamms im Juni 2023. Wieder andere starben durch russischen Beschuss.
In Oleschky gibt es seit 2023 weder Strom noch funktionierende Geschäfte, keine Medikamente, keine Feuerwehrwagen und keine Schulen. Wasser holen die Menschen aus selbst gegrabenen Erdlöchern und Brunnen.
An der humanitären Hilfsaktion zur Lieferung von Lebensmitteln waren sechs ukrainische Militäreinheiten und -verbände beteiligt. Die Aktion wurde von Einheiten der Streitkräfte der Ukraine, der Nationalgarde und des staatlichen Grenzschutzdienstes mit der Militärverwaltung des Gebietes Cherson durchgeführt.
Foto: Oleksandr Prokudin/Telegram/ap
„Die Drohnen flogen extra nachts, indem sie die toten Winkel der Russen aufgespürt und Wärmebildkameras eingesetzt haben, um nicht abgeschossen zu werden. Mit diesen Lebensmitteln kommen die Menschen in Oleschky jetzt über die nächsten zwei, drei Wochen“, erzählt Tolokonnikow. Und fügt noch hinzu, dass er nicht wisse, ob eine solche Operation noch ein zweites Mal gelänge, da die Russen künftig wohl wachsamer wären.
Hin und wieder eine Verbindung
Freiwillige und Behördenvertreter des Gebietes Cherson sagen, die humanitäre Blockade in Oleschky wurde bekannt, weil Zivilisten es hin und wieder gelänge, telefonisch Nachrichten an die ukrainische Seite zu übermitteln. Diejenigen, die einen Generator besitzen, laden die Telefone auf und versuchen dann, ein ukrainisches Mobilfunksignal zu finden.
„In der Stadt herrscht Hungersnot. Es gibt riesige Probleme mit der Wasserversorgung, es gibt keine Heizmaterialien, weder Gas noch Strom. Das Krankenhaus wurde bislang über Generatoren mit Strom versorgt. Aber jetzt wird kein Heizöl mehr geliefert, deshalb musste es den Betrieb einstellen. Die Lieferung von Lebensmitteln, Medikamenten und der am dringendsten benötigten Waren ist seit Mai nicht mehr möglich. Das ist ein Genozid. Die Leichenhalle ist nicht mehr in Betrieb, seit Februar werden die Leichen in Kellern gelagert“, erzählt die Mitbegründerin der humanitären Organisation „Humanity“, Iryna-Ester Wratarjewa, die den Kontakt zu den Einwohnern der Stadt hält.
Wratarjewa sagt, dass sie Anfang September Nachrichten bekam, in denen es hieß, die Leute in Oleschky äßen praktisch nichts mehr als ein paar Löffel Brei pro Tag. Aber die schwerste Zeit für die Menschen in der besetzten Stadt steht noch bevor. Denn im Winter können sie nicht einmal mehr Gemüse anbauen.
„Brot haben die Menschen dort schon lange nicht mehr, aber im Sommer konnten sie dank Mohrrüben, Tomaten und Rote Bete aus ihren Gärten noch überleben. Aber jetzt erwartet sie ein Hungerwinter“, sagt Oleksandr Tolokonnikow. Er hält einen humanitären Korridor zur Evakuierung für den einzigen Ausweg.
Eine Flasche Wasser
Wratarjewa sagt, die Besatzer nutzten Oleschky als Schutzschild, da die ukrainische Seite die Stadt wegen der dort lebenden Zivilisten nicht beschieße. „Unter den Zurückgebliebenen sind viele ältere und in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen. Viele haben bei der Überflutung nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms ihre Dokumente verloren. Die Besatzer hinderten sie daran, diese wiederzubeschaffen“, berichtet die Freiwillige.
2023 verbrachte die 43-jährige Unternehmerin Katerina Krupitsch sieben Monate mit ihren beiden Kindern in ihrem Ferienhaus auf einer der Inseln nahe Oleschky. Kurioserweise war es die Katastrophe am Kachowka-Wasserkraftwerk, die der Frau half, der Besatzung und der Blockade zu entkommen.
Als das Wasser am 6. Juni 2023 nach der Zerstörung des Kachowka-Wasserkraftwerks begann, Oleschky und die umliegenden Inseln zu überfluten, waren Kateryna und ihre Kinder gezwungen, sich auf dem Dachboden eines dreistöckigen Ferienhauses vor den Wassermassen in Sicherheit zu bringen.
„Wir waren einen ganzen Tag lang ohne Wasser und Essen, als uns eine Drohne der ukrainischen Grenzschützer entdeckte. Sie kehrte zurück, warf für uns eine Flasche Wasser ab – mit einer Notiz darauf, dass eine Evakuierung stattfinden würde“, erinnert sich die Frau unter Tränen. Inzwischen lebt sie weiter von der Frontlinie entfernt. Kateryna wurde damals von einem Boot ukrainischer Rettungskräfte gerettet, das die Familie nach Cherson brachte.
Tragödie und Wunder
Oleksandr Tolokonnikov, stellvertretender Leiter der Militärverwaltung
„Wären jene Tragödie und das Wunder, dass eine ukrainische Drohne uns entdeckte, nicht gewesen, würden wir jetzt Hunger leiden wie die Bewohner von Oleschky. Denn wir waren sieben Monate lang auf jener Insel von der Außenwelt abgeschnitten. Wir aßen Fisch, den wir im Fluss fingen, und Gemüse, das wir anbauen konnten. Als ich heute gesehen habe, wie Lebensmittel per Drohne dorthin gebracht wurden, musste ich weinen“, erzählt Katerina.
Die Lage in Oleschky sorgt inzwischen für internationales Aufsehen. Am Rande der UN-Generalversammlung in New York rief der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha die internationale Gemeinschaft dazu auf, sich für humanitären Zugang und die Evakuierung der Zivilbevölkerung einzusetzen. Menschen suchten nach Essensresten und sammelten Gras, weil es keine andere Nahrung gebe, erklärte Sybiha.
„Wir befürchten, dass russische Soldaten den Menschen die Hilfsgüter wegnehmen könnten“, sagt Oleksandr Tolokonnikow. Geheimdienstinformationen zufolge gingen russische Soldaten von Haus zu Haus und kontrollierten, was die Menschen erhalten hätten – weil die Lebensmittel von ukrainischer Seite kämen.
Wegen Minenfeldern und russischer Drohnen könnten die Menschen Oleschky nicht selbstständig verlassen. Tolokonnikow richtet deshalb eine Frage an die internationalen Organisationen: „Warum beteiligen sie sich nicht an der Rettung der Zivilbevölkerung von Oleschky?“
Aus dem Russischen Gaby Coldewey und Barbara Oertel
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