Russischer Menschenrechtler: Nicht einmal im Gefängnis ist er sicher
Der Historiker Juri Dmitrijew sitzt seit Jahren in russischer Haft. Nun soll sich sein Gesundheitszustand drastisch verschlechtert haben.
Foto: Peter Kovalev/Itar-Tass/imago
Der Gesundheitszustand von Juri Dmitrijew ist ernst. Angaben der russischen Gruppe „Für Menschenrechte“ (ZPTSCH) zufolge wurde der inhafierte Historiker aus der Strafkolonie Nr. 18 in Potma in der Republik Mordwinien in eine medizinische Besserungsanstalt verlegt. Die Diagnose lautet: Verdacht auf einen Schlaganfall.
Es gebe erhebliche Zweifel, ob diese Einrichtung über die nötigen Möglichkeiten für Diagnose und Therapie verfüge, zitiert das russischsprachige Webportal Nastojaschee vremja eine namentlich nicht genannte Quelle. Ob Dmitrijews Anwalt zu seinem Mandanten vorgelassen werde, sei fraglich.
Der heute 70-Jährige wurde 1956 in Petrosawodsk, Hauptstadt der Republik Karelien, geboren. Zunächst wuchs er in einem Waisenhaus auf, dann wurde er adoptiert. Der Adoptivvater, ein Militäroffizier, diente in der DDR. Seine Kindheit verbrachte Dmitrijew in Dresden.
Als Historiker forschte er seit dem Ende der 80er Jahre zum Terror und zu politischer Verfolgung in Karelien während der Stalin-Zeit und stieß in diesem Zusammenhang auch zu der Menschenrechtsorganisation Memorial. 1997 übernahm er die Leitung des regionalen Ablegers von Memorial in Karelien. Memorial wurde in Russland in einem mehrstufigen Verfahren zunächst aufgelöst und dann verboten.
Vorwurf der Herstellung von Kinderpornografie
Nicht zuletzt Dmitrijews Engagement ist es zu verdanken, dass 1997 eine Gedenkstätte in Sandarmoch eröffnet wurde. Auf dem Höhepunkt der Stalinschen Säuberungen wurden hier zwischen Oktober 1937 und Dezember 1938 fast 10.000 Menschen hingerichtet.
2016 bekam Dmitrijew zu Hause Besuch von Sicherheitskräften und wurde festgenommen. Dabei ging es um neun Nacktfotos seiner Adoptivtochter, die das Mädchen im Alter von drei, vier und sechs Jahren zeigen. Dmitrijew gab an, die Fotos gemacht zu haben, um die Entwicklung des unterernährten Kindes zu dokumentieren.
Im April 2018 sprach ihn das Stadtgericht von Petrosawodsk vom Vorwurf frei, kinderpornografisches Material hergestellt zu haben. Das Oberste Gericht Kareliens hob diesen Urteilsspruch später wieder auf. 2021 wurde Dmitrijew zu 15 Jahren Strafkolonie unter verschäften Bedingungen verurteilt – wegen Vornahme sexueller Handlungen an Minderjährigen, der Herstellung von Kinderpornografie sowie Waffenbesitzes.
Während seiner Haft war Dmitrijew häufig in eine Strafzelle verlegt worden, unter anderem wegen „mangelhafter Ausführung der Übungen beim Morgensport“. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich erheblich. Doch trotz mehrfacher Versuche gelang es ihm nicht, eine umfassende medizinische Untersuchung zu erwirken.
Dmitrijews älteste Tochter, Ekaterina Klodt, versucht die Arbeit ihres Vaters, im Rahmen der Möglichkeiten, weiterzuführen. Im Sommer 2023 verlas sie anlässlich der jährlichen Gedenkveranstaltung für die in Sandarmoch Getöteten eine Botschaft ihres Vaters.
Darin heißt es: „Unsere Aufgabe ist es nicht nur, den Behörden zu zeigen, dass wir uns erinnern, und den Angehörigen die Namen der verleumdeten und erschossenen Menschen zurückzugeben. Unsere Aufgabe ist umfassender. Wir sind die Bewahrer des Gedächtnisses – und ohne Gedächtnis gibt es kein Volk.“ Für Menschen wie Dmitrijew ist 2021 in Russland unter Wladimir Putin, wo die Geschichte umgeschrieben wird, kein Platz. Nicht einmal im Gefängnis.
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