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Neue Ausgabe der „Idiome“Wo die dark tourists des Literaturbetriebs Urlaub machen

Im Wiener Literaturmagazin „Idiome“ erscheint seit 20 Jahren Abseitiges und Morbides. Auch die neue Ausgabe glänzt mit schaurig-frechen Texten wenig bekannter Autor:innen.

Ist es nicht das gleiche leise Schicksal jedes Literaturmagazins, das sich als Gegengründung inszeniert, im Limbus zu landen, oder im Establishment? Wer wüsste noch zu sagen, was „Lichtwolf“ war oder „Delirium“ oder „Gegenstrophe“? Das unvermeidliche „Schreibheft“ ging, tief in den Siebzigern, als Stadtrevue mit Antiattitüde und im Kollektiv an den Start. Auch die „Idiome. Hefte für neue Prosa“ haben sich eine defensiv wirkende Ausrichtung erhalten.

Seit 19 Jahren sperrt man sich „gegen marktgängige Romanschreiberei“ und gegen „narrative Clichés“. Begründet hat sie der Essayist und Kulturjournalist Florian Neuner. Seit ein paar Jahren wird Neuner durch Ralph Klever, den Inhaber des gleichnamigen Verlages, verstärkt. Im aktuellen Heft hat Klever ein knappes, aber bewegendes Dossier zum jüngst verstorbenen Meister der Kürzestprosa Gerhard Ochs, zusammengestellt.

In Deutschland war Ochs fast völlig in Vergessenheit geraten, man darf ihn in einem Atemzug mit Lettaus Meisterschüler Jan Peter Bremer nennen: „Mit Sicherheit ist der Erdkern schön. Das Herumlaufen im Diesseits ist schön. Der Augenblick der Levitation ist schön. Jedes Liebesnest gleichwo ist schön. Wer dich von der Wahrung der Menschenwürde überzeugt ist schön“, heißt es im Auszug aus einem kunstvollen Sudelbuch mit dem Titel „DU. Aufzeichnungen“.

Die Zeitschrift

„Idiome. Hefte für neue Prosa“. Klever Verlag, Wien 2026. 115 Seiten, 15 Euro

Nicht weniger eindrucksvoll als die edierten Texte der jeweiligen Hefte sind die rasanten „Werkstattgespräche“ mit Größen einer emphatischen Sprachkunst wie Elke Erb, Alexander Kluge, beide inzwischen verstorben, und Elisabeth Wandeler-Deck, der Repräsentantin einer spezifisch schweizerischen Essayistik; zu der auch Li Mollet und Wolfram Malte Fues zu zählen sind. Mit Letztgenanntem führte Florian Neuner in Heft 17 eine angeregte Diskussion über die Midcult-Thesen des Literaturwissenschaftlers Moritz Baßler.

Perfekte Eröffnung einer Schauergeschichte

Im soeben erschienenen Heft 19 ist Li Mollet vertreten, die ihre frech-nihilistische Sprechinstanz Mathilda auf klischierte Naturschönheit und Artefakte hetzt: „wovon handeln die Liebesgeschichten von Robert Walser“? „Die Erinnerungen, die du dieser Stadt aufdrückst,“ heißt es im Text „30 Urban Rules“ der tschechischen Autorin-Künstlerin Rhea Krcmárová „sind kleiner, als du gerne hättest“. Beinahe jeder Aphorismus ihres denkmagischen „Grimoire“ gäbe die perfekte Eröffnung einer Schauergeschichte ab.

Dagegen wirkt der unmittelbar folgende „ratgeber literatur“ von Mariusz Lata wie garstiger comic relief für Siebengescheite: „vergiß nicht deiner inneren toten die nägel zu schneiden“. Auch und gerade solcher Prosa, die obsessiv auf die Bedingungen scheiternder Schriftkommunikation reflektiert wie „Lob der Stadt“ von Herbert J. Wimmer – ihm gilt außerdem ein lustiger Disput im Heft -, oder den Miniaturen Jörg Burkhards („Roman ohne Worte“; „German Way Off Life“) wäre eine adäquate Hinführung zu wünschen gewesen.

Das Editorial erweist sich in diesem Jahr, anders als Vorworte früherer Ausgaben, als Rohrkrepierer: Schreibenden wird „Gratismut (gegen Rechts)“ unterstellt; sie „würden doch vermutlich das Fördergeld auch von einer rechten Regierung annehmen“. Statt kontextfrei von einer „Vorkriegszeit“ zu schwadronieren, wäre es an der Zeit, die eine oder andere liebgewonnene Gepflogenheit zu überdenken: Zu den „AutorInnen“ lediglich Geburtsjahr und -ort sowie die letzte Publikation zu vermelden, mag basisdemokratischen Idealen entsprechen, wirkt aber gerade angesichts des mauen Bekanntheitsgrads der Au­to­r:in­nen – in der aktuellen Ausgabe fast alle – wie eine unterlassene Literaturvermittlung.

„Idiome“ bleibt der Anziehungspunkt für die dark tourists des Literaturbetriebs und verströmt das gewisse Etwas. Entfernt verwandte Magazine sind dafür leider nicht mehr plemplem und morbide genug. Das zwanzigjährige Bestehen wäre die Gelegenheit, den Solitär aus Wien endlich gehörig in Deutschland vorzustellen.

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