Konflikt zwischen Saudis und Huthis: Der unheilige Streit um Mekka
Auch das saudi-arabische Mekka mit der heiligsten Stätte des Islam gerät ins Visier der Huthi. Die bestreiten einen Angriff, aber erheben Anspruch auf die Stadt.
Foto: Osamah Abdulrahman/ap
In der vergangenen Woche leuchtet auf den Handys vieler Menschen in der saudi-arabischen Stadt Mekka eine Nachricht auf. Sie warnt vor einer feindlichen Bedrohung aus der Luft und fordert dazu auf, sich in Gebäuden auf- und von Fenstern wie Türen fernzuhalten. Der Grund der Benachrichtigung: Ein Angriff der von Iran unterstützten jemenitischen Huthi-Miliz. Auf die Stadt, welche die heiligste Stätte des Islam – die Kaaba – beherbergt.
Nach einiger Zeit wurde die Warnung wieder aufgehoben und der saudi-arabische Generalmajor Turki al-Maliki erklärte, die Luftabwehr habe eine Drohne der Huthi zerstört, bevor diese in den gesperrten Luftraum über der heiligen Stadt eindringen konnte. Die Sicherheit der beiden heiligen Moscheen bezeichnete er als rote Linie. Eine der beiden heiligen Moscheen umgibt die Kaaba in Mekka, die andere befindet sich in der Stadt Medina. Sie gilt als Grabstätte des muslimischen Propheten Mohammed und als zweitheiligste Stätte im Islam.
Die Huthi bestreiten, auf Mekka gezielt zu haben. Ihr Militärsprecher Yahya Saree erklärte, man ziele lediglich auf Ölanlagen und Militärstützpunkte. Dass das allerdings nicht stimmt, zeigt sich daran, dass sich immer wieder Zivilistinnen und Kinder unter den Verletzten nach Huthi-Angriffen befinden.
Es ist auch nicht das erste Mal, dass Mekka vonseiten der Huthi beschossen wurde. Im Oktober 2016 wurde nach saudi-arabischen Angaben eine Rakete 65 Kilometer vor Mekka abgefangen. Die Huthi erklärten damals, sie hätten den Flughafen von Dschidda ins Visier nehmen wollen. In den Jahren 2017 und 2019 gab es ähnliche Vorfälle.
Mekka, so heißt es, sei besetzt
In Moscheen und bei Mobilisierungsveranstaltungen in den Huthi-kontrollierten Gebieten Jemens taucht immer wieder eine Behauptung auf: Mekka sei besetzt, stehe unter der unrechtmäßigen Herrschaft des Hauses Al Saud. Unter dessen Kontrolle sei die Pilgerfahrt nach Mekka – Hadsch genannt und für Muslime eine einmal im Leben zu erfüllende Pflicht – unrechtmäßig. Immer wieder tauchen Videos dieser Predigten auf.
In ihren Mobilisierungsreden berufen sich die Huthi auf das sogenannte Massaker von Tanuma aus dem Jahr 1923, neun Jahre vor der Ausrufung des Königreichs Saudi-Arabien. Eine Karawane jemenitischer Pilger war damals auf dem Weg nach Mekka, als sie von Truppen des Abdulaziz bin Abdul Rahman Al Saud, genannt Ibn Saud, angegriffen worden sei. Die Huthi behaupten, bei dem Zwischenfall seien damals mehrere Tausend Menschen umgekommen.
Ibn Saud befand sich damals auf Eroberungskurs von Teilen des modernen Saudi-Arabiens und war später dessen Staatsgründer. Seine Nachfahren kontrollieren das Königreich bis heute.
Das Massaker von Tanuma wird also von den Huthi und ihrer Sprachrohre in ihrer Opposition zum Königreich Saudi-Arabien instrumentalisiert. Etwa die jemenitische Nachrichtenagentur Saba, die unter Kontrolle der Huthi steht, greift es immer wieder in Texten auf.
Wer soll Mekka kontrollieren dürfen?
Der nördliche Jemen war damals das Königreich der Mutawakkiliten unter der Kontrolle zaidischer Imame. Die Zaidi sind ein eigener Zweig innerhalb des Islam, der den Schiiten zugerechnet wird. Die Gründer der Huthi, die Familie Al Huthi, gehört ebenfalls zu den Zaidi.
Und noch einen weiteren Aspekt gibt es, aus dem die Huthi einen Herrschaftsanspruch über die beiden heiligen Städte ableiten: Weite Teile der Hejaz, also die Region um Mekka und Medina, wurden jahrhundertelang von den Scherifen von Mekka kontrolliert. Bis ins 14. Jahrhundert waren sie Zaidi – die Untergruppe im Islam, zu der auch die Huthi gehören. Danach traten sie zum sunnitischen Zweig über.
Die Huthi haben bisher kein Imamat ausgerufen. Das Imamat ist ein wichtiges Konzept im schiitischen Glauben: Nur ein fehlerfreier und reiner Mensch aus der Familie des Propheten soll die Gemeinschaft in allen Belangen, religiös wie weltlich, führen dürfen. Doch die Lehrpläne in den von ihr kontrollierten Gebieten wurden umgeschrieben und lehren nun dieses Konzept. Auch das Prinzip der Wilaya wird gelehrt: In der schiitischen Theologie gilt, dass Gott allein die Autorität über die Welt vorbehalten ist und diese nur an Propheten und unfehlbare Imame delegiert werden kann.
In der Islamischen Republik Iran ist das die propagierte Staatsform, dort gilt die „Wilayat Faqih“, übersetzt die „Vormundschaft des Rechtsgelehrten“. Der Oberste Führer ist also lediglich Statthalter in der Absenz des eigentlichen Führers der Gemeinschaft. Dieser ist im schiitischen Glauben seit Jahrhunderten in einem Status der „Okkultation“, also des Verborgenseins vor der Welt, und soll beizeiten als Herrscher zurückkehren.
In die Kerbe, dass das saudi-arabische Königshaus ungeeignet sei, schlägt auch Iran: Der damalige Ayatollah Ali Chamenei erklärte etwa nach einer Massenpanik 2016, dass muslimische Nationen darüber beraten sollten, die Kontrolle des Hauses Al Saud dort zu beenden. Die Golfstaaten bezeichneten dies als Aufwiegelung.
Mitarbeit: Lisa Schneider
Umverteilung gegen rechts
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert