Frauen im KZ Ravensbrück: Widerstand auf allen Ebenen
Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand zeigt eine neue Ausstellung. Zu sehen sind Frauen, die im KZ Ravensbrück inhaftiert waren, sich den Nazis aber nicht beugten.
Foto: Bernadette Nübling/Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Es kommt nicht so häufig vor, dass ein Regierungsmitglied ein Kuchenrezept vorstellt. Genau das aber tat vergangene Woche Robin Mishra, Abteilungsleiter für Erinnerungskultur bei Staatsminister Wolfram Weimer. Der Anlass war kein Kindergeburtstag, sondern eine Ausstellungseröffnung. Es geht da um den Widerstand von Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück. Das Rezept betrifft einen Bananenkuchen, geschrieben hat es auf Französisch und in Versform die 1907 geborene Französin Germaine Tillion, die in Ravensbrück inhaftiert war. Auf Deutsch geht es so:
„Bananen zerdrücken schälenin 150 g Butter einarbeitenNüsse gemahlenZitronenschale, Zucker nach Belieben“
Nun gab es im KZ Ravensbrück für die Gefangenen weder Bananen noch Nüsse, kaum Zucker und schon gar keine Butter. Das Bananenkuchenrezept ist auch gar kein Rezept. Sondern ein Akt des Widerstands. Legt man nämlich die Anfangsbuchstaben der Zeilen im französischen Original nebeneinander, ergibt sich das Wort „Binz“. So lautete der Nachname von Dorothea Binz, der stellvertretenden Oberaufseherin im KZ. Ein weiteres Rezept von Germaine Tillion hat eine „Sauce nach englischer Art“ zum Inhalt und ergibt, auf dieselbe Weise gelesen, den Namen von Fritz Suhren, dem Lagerkommandanten von 1942 bis 1945. Die getarnten Informationen sollten dafür sorgen, dass die Täter nach dem Sieg der Alliierten nicht davonkommen.
„…wir haben uns widersetzt, wie wir nur konnten.“ Widerstand im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Gedenkstätte Deutsche Widerstand, Stauffenbergsraße, bis zum 4. April. Der Eintritt ist frei, der Katalog kostet 10 Euro.
Ein britisches Gericht verurteilte Dorothea Binz 1947 zum Tode. Das Urteil wurde am 2. Mai 1947 in Hameln vollstreckt. Suhren wurde 1950 durch ein französisches Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Germaine Tillion gelang es, 1945 einen Film mit Fotos medizinischer Experimente aus dem KZ zu schmuggeln. Ein Jahr später veröffentlichte sie das erste wissenschaftliche Buch über Ravensbrück. Später engagierte sich die Ethnologin gegen Folter in Algerien und dem Irak. Sie starb 2008 im Alter von einhundert Jahren.
Widerstand kleingeredet
Der Widerstand von Frauen in Konzentrationslagern ist nach der Befreiung lange kleingeredet worden. Den in Ravensbrück inhaftierten Frauen wurde in der DDR die „Hingabe für die nächste Generation“ zugeschrieben, nicht aber der Kampf gegen ihre Unterdrücker, so Andrea Genest, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte im ehemaligen KZ. Die Reduzierung auf die Mutterrolle wird dem Einsatz der Verfolgten nicht gerecht. „Wir haben uns widersetzt, wo wir nur konnten“, lautet der Titel der Schau, die noch bis zum 4. April 2027 in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand gezeigt wird und die das veraltete Bild korrigiert.
Dabei musste der Widerstand innerhalb eines Konzentrationslagers zwangsweise andere Formen annehmen als Proteste außerhalb von Lagermauern. Oft verbergen sich hinter dem großen Wort Widerstand vermeintlich kleine Aktionen. Doch das waren sie nicht. Unter den brutalen Haftbedingungen war jede noch so kleine Tat mit extremen Risiken verbunden. Dass sie trotzdem durchgeführt wurden, zeigt eindrücklich, dass sich diese Frauen nicht von ihren Peinigern bezwingen ließen.
Die von Stefanie Steinbach kuratierte Ausstellung geht den Biografien von 16 Frauen nach, die in Ravensbrück inhaftiert waren, und stellt ihre Aktionen vor. Weitere 60 werden in einer Medienstation vorgestellt.
Da ist Ilse Hunger, geboren 1910 und aktiv im Umfeld der illegalen KPD. Nach einer Haftstrafe kam sie nicht etwa frei, sondern wurde von der Gestapo nach Ravensbrück überstellt. Dort manipulierte sie Einsatz- und Transportlisten und unterschlug Strafanordnungen. 1945 konnte sie vom Todesmarsch der Gefangenen flüchten. Die 1908 geborene Erna Ludolph verweigerte den Hitlergruß. Als Zeugin Jehovas sollte sie ihrem Glauben abschwören, was sie verweigerte. In Ravensbrück lehnte sie es ab, Nähtäschchen für Soldaten anzufertigen, und kam deswegen in Dunkelarrest.
Elisabeth Krug, Jahrgang 1900, hat in Köln als Prostituierte gearbeitet. Als „Asoziale“ kam sie 1938 in das erste Frauen-KZ Lichtenburg in Prettin an der Elbe, das in einem Schloss mitten im Ort untergebracht ist. Ein Jahr später wurde das KZ Lichtenburg zugunsten des neu errichteten Lagers Ravensbrück geschlossen. In Ravensbrück stahl sie Lebensmittel, die sie an ihre Mitgefangenen verteilte. Elisabeth Krug zählte zu den Gefangenen, die Anfang 1942 in der „Euthanasie“-Anstalt Bernburg ermordet wurden.
Gefangene schädigten absichtlich Werkzeuge und Maschinen, mit denen feinmechanische Geräte für die Rüstung produziert wurden. Geradezu genial war der Einfall von Frauen, die für die SS Strümpfe herstellen mussten. Sie strickten die Ware an den Fersen zu eng und mit unregelmäßigen Maschen – Blasen an den Füßen von Wehrmachtsoldaten waren die Folge.
Die in Ravensbrück inhaftierten Frauen kamen aus ganz Europa. Sie brachten nicht nur ihre politischen Überzeugungen, sondern auch besondere Fähigkeiten mit. Die niederländische Kunstlehrerin Aat Breur fertigte Zeichnungen mit Szenen aus dem Lager und Porträts der Gefangenen an. Auf einem ihrer Bilder sieht man einen Handwagen, darauf verstorbene Gefangene, die zum Krematorium gebracht wurden. „Zeichnen ist für mich, was für andere Erzählen ist“, hat sie erklärt. Die Jüdin Olga Benario war überzeugte Kommunistin und hielt in Ravensbrück literarische und politische Volkshochschulkurse ab. Sie wurde wie Krug in Bernburg ermordet.
Foto: Bernadette Nübling/Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Etwa 28.000 Häftlinge überlebten das KZ Ravensbrück nicht. Nur den allerwenigsten Frauen gelang die Flucht. Eugenia Kocwa zählte zu ihnen. Die Polin zog selbst genähte Zivilkleider an und entkam nach Berlin, wurde erneut festgenommen, floh zum zweiten Mal und versteckte sich bis zur Befreiung.
An diese Frauen zu erinnern ist eine Aufgabe, die bleibt, auch nach dieser Ausstellung.
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