Christian Specht kandidiert für die BVV: „Die Leute müssen mit leichter Sprache sprechen“
Behindertenaktivist Christian Specht kommt vermutlich für die Grünen ins Friedrichshain-Kreuzberger Bezirksparlament. Er bringt einige Erfahrungen mit.
taz: Christian, du kandidierst auf einem ziemlich sicheren Listenplatz bei den Grünen für die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Friedrichshain-Kreuzberg. Wie findest du das?
Christian Specht: Ich bin ja schon in der BVV gewesen, weil ich nachgerückt war im letzten Jahr für eine Person, die weggezogen ist. Und ich war ganz früher auch schon mal da.
taz: Ach so?
Specht: Ich bin ja politisch aktiv geworden durch eine Frau von der PDS, die in der BVV war. Die hat mich mal gefragt, ob ich als Bürgervertreter in den Schulausschuss will. Aber das hat mir nicht so gut gefallen, ich kam auch mit manchen Leuten von der PDS nicht so gut klar. Dann habe ich mich zurückgezogen und war ein bisschen enttäuscht. Dann haben sie mich später gefragt, ob ich Bürgerdeputierter im Behindertenbeirat werden will.
taz: Wie war das?
Christian Specht, Jahrgang 1969, ist seit Jahrzehnten politisch engagiert und u. a. Mitglied im Behindertenbeirat in Friedrichshain-Kreuzberg sowie im Vorstand der Lebenshilfe. Seit November 2025 ist er als Nachrücker Mitglied der Grünen-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg. Er hat ein Büro in der taz und zeichnet, seine Bilder werden in der taz veröffentlicht, so er es denn zulässt. Nahezu regelmäßig erscheint seine Kolumne Specht der Woche. Schon 1996 kam über ihn der Dokumentarfilm „Oh Mitternacht, oh Sonnenschein!“ ins Kino.
Specht: Na ja, es gab eine Person, die hat mich unterstützt. Da waren auch andere, die Unterstützung hatten oder Assistenz, aber das gibt manchmal trotzdem Probleme. Manche haben nicht so viel Zeit teilzunehmen, weil die werden vom Fahrdienst abgeholt, der wartet dann. Das ist für die Leute dann blöd, wenn die nicht so lange teilnehmen können. Aber jetzt die BVV ist noch anders.
taz: Wieso?
Specht: Manchmal geht es um Sachen, die verstehe ich überhaupt nicht. Dann denke ich, das muss ich auch mal verändern. Ich bin dafür, die Leute müssen mit leichter Sprache sprechen. Manchmal reden die nicht in leichter Sprache, und wenn man dann nicht Bescheid sagt, sind die Sachen schwer zu verstehen.
taz: Du hast aber doch eine Assistentin.
Schneiden die Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg in etwa so gut ab wie bei der letzten Wahl, müsste Christian Specht mit Listenplatz 20 in die BVV kommen. In der noch laufenden Legislatur waren die Grünen mit 21 Verordneten vertreten. Rechnet man die beiden Stadträte dazu, für die nach ihrer Wahl jemand von der Liste nachrückte, kamen von der aktuellen Liste sogar 23 Grüne zum Zuge.
Taina Gärtner, ebenfalls Bezirksverordnete, ist optimistisch, dass Specht reinkommt – und freut sich darauf. Im letzten Jahr habe man mit ihm als Nachrücker schon gute Erfahrungen gemacht. „Ich erhoffe mir davon, dass wir inklusiver werden und von Christian lernen können“, sagte sie der taz.
Specht: Ja, die Julia übersetzt mir auch und fragt: Hast du das verstanden? Aber es ist trotzdem schwierig – auch das Gerät für die Abstimmungen, so mit Knopf. Damals war das noch alles anders. Damals hat man so Stimmkarten gehabt. Heute gibt es diese Geräte. Da muss man auf einen Knopf drücken und kann damit abstimmen.
taz: Aber wenn die Assistentin dir übersetzt, verstehst du die Sachen dann?
Specht: Ja, manchmal verstehe ich es dann. Was ich gut finde, sie malt mir auch immer Zettel mit Bildern drauf. Dann kann ich erkennen, um welche Themen das geht.
taz: Was waren denn so Themen in der letzten BVV, die dir wichtig waren?
Specht: Einmal ging es um den Zaun um den Görli. Da habe ich auch ein Bild gemalt und eine Anfrage gestellt und gefragt: Wie ist das, wenn der Zaun abgeschlossen ist? Wie sieht es aus mit Leuten, die im Rollstuhl oder mit Kinderwagen sind, haben die eine Möglichkeit rauszukommen, gibt es für sie Ausgänge?
taz: Hast du eine Antwort bekommen?
Specht: Ja, habe ich. Es gibt Ausgänge, da haben die drauf geachtet.
taz: Was möchtest du in der nächsten BVV machen?
Specht: Ich habe mir überlegt, nicht mehr in so viele Ausschüsse zu gehen. Wenn ich in einen reingehe, möchte ich in Kultur gehen. Die anderen Ausschüsse sind alle total schwer.
taz: Was macht man im Kulturausschuss?
Specht: Über Kultur reden, was so ansteht im Bezirk, Veranstaltungen und so.
taz: Du gehst ja für die Grünen in die BVV.
Specht: Ja, aber als Parteiloser.
taz: Aber du findest sie schon gut, oder?
Specht: Na ja, ich bin da reingekommen, weil sich ein paar Grüne dafür eingesetzt haben. Wenn die PDS mich gefragt hätte, die Linke oder auch die SPD …
taz: Hättest du das auch mit denen gemacht?
Specht: Ja. Aber die SPD macht das nicht, glaube ich.
taz: Einen Menschen mit Beeinträchtigung in die BVV mitnehmen?
Specht: Nein, ich glaube nicht.
taz: Aber die Linken schon?
Specht: Ja, die haben auch einen mit drin, der sitzt im Rollstuhl. Aber da gibt es ein Problem am Rathaus in Kreuzberg mit dem Fahrstuhl. Mittlerweile sind zwei Fahrstühle kaputt, nicht mehr in Betrieb. Das ist für den von der Linken blöd.
taz: Und für dich?
Specht: Ich brauche auch einen Aufzug, auf der Treppe kriege ich eine Panikattacke. Aber es gibt noch einen Aufzug, da muss man rausgehen und in den anderen Eingang rein. Der Aufzug ist total klein, da geht der Rollstuhl von dem anderen nicht rein.
taz: Das Rathaus ist also nicht behindertengerecht?
Specht: Nein, ich habe aber mal gehört, die wollen das ändern.
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