Manganerds und Italien in Venedig: Spiralen, Echos und Comicnerds
Die italienischen Beiträge bei den Filmfestspielen von Venedig lassen einen zwiegespalten zurück. Zwei japanische Manganerds hingegen begeistern.
Manchmal muss man gar nicht erfahren, warum Leute bestimmte Dinge tun. Es kann schon genügen, wenn sie etwas mit so großer Hingabe tun, dass man ihnen begeistert dabei zuschaut. Im Wettbewerb von Venedig sind das Fujino und Kyomoto, zwei Manganerds, die in der Grundschule zu zeichnen beginnen und nicht davon ablassen. „Look Back“ heißt der Film von Hirokazu Koreeda, der einen Stoff verfilmt, für den ein Webcomic die Grundlage bildete und der 2024 schon einmal als Anime adaptiert wurde.
Fujino zeichnet Mangastrips für die Schulzeitung und wird von den Klassenkameraden dafür bewundert. Auch Kyomoto zeichnet Strips für die Zeitung, lässt sich aber nie in der Schule blicken. Als Mitschüler Fujinos nebenbei bemerken, dass die Zeichnung von Kyomoto professioneller wirken, fängt Fujino wie besessen an, sich Zeichentechniken nach Lehrbüchern beizubringen. Zum Ende der Grundschule wird Fujino vom Lehrer gebeten, das Abschlusszeugnis für Kyomoto nach Hause zu bringen. Dort begegnen sich die beiden zum ersten Mal. Und stellen fest, dass sie sich gegenseitig bewundern. Sie beschließen, gemeinsam einen Manga zu zeichnen.
Was nach einem ziemlich nerdigen Stoff klingt, wird in der Hand von Koreeda mit seinem untrüglichen Blick dafür, wie Kinder die Welt sehen, zu einer anrührenden Coming-of-Age-Geschichte. Dabei hilft unter Umständen, dass seine beiden Hauptfiguren, für Comiczeichner nicht die Regel, zwei Mädchen sind. Deren Freundschaft entwickelt sich mit einer Bedingungslosigkeit, die man wie selbstverständlich hinnimmt.
Auch dass irgendwann, nachdem es einen Bruch in der Geschichte der Freundinnen gab, die Fantasie übernimmt, schadet dem Reiz nicht. Hinzu kommen immer wieder Bilder, die in ihrer malerischen Qualität selbst an Mangas denken lassen, wie das einer verschneiten Winterlandschaft, durch die die kindlichen Protagonistinnen stapfen, wobei sie bis zu den Knien im Schnee versinken.
Bemüht aufgeladene Bilder
Dass man von den italienischen Beiträgen im Wettbewerb gleichermaßen bereitwillig bewegt wird, lässt sich nur eingeschränkt sagen. In „The Echo Chamber“ lässt der Regisseur Andrea Pallaoro den Musikproduzenten Leo (Luca Marinelli) und die Physiotherapeutin Anne (Alicia Vikander) eine Beziehung eingehen, die mehr mit Abwesenheit als mit Anwesenheit zu tun hat. Alles sehr bedeutungsschwanger, auch die Songs, die Leo mit der Diva Ava (Susan Sarandon) für eine Art musikalisches Testament einspielt. Die Musik ist dabei so bemüht aufgeladen wie die vielen Anspielungen auf Echos im Film. Das Drehbuch stammt von Bernardo Bertolucci, das letzte vor seinem Tod fertiggestellte, was ihn jedoch nicht davon abgehalten hat, ein selten beknacktes Ende zu wählen.
Ähnlich vom Willen zur Symbolik getrieben ist Paolo Strippoli in seinem Horrordrama „L’estranea“ über eine reiche Familie in Bari. Jasmine Trinca spielt darin die Familienmutter Anna, die eines Tages ihre Tochter Alice (Romana Maggiore Vergana) in deren Wohnung in Rom aufsucht, um sie über die Geheimnisse ihrer Familie aufzuklären. Für alle ihre Missgeschicke macht Anna eine mysteriöse Unbekannte (Valeria Bruni Tedeschi) verantwortlich. Viel Schreien, Lärm, etwas unappetitliche Bilder, dazu viele Bilder von Spiralen, die einen runterziehen sollen. Und viel Leere.
Dann schon lieber die beziehungstolle Selbstverliebtheit Nanni Morettis, der in „Succederà questa notte“ gleichfalls die Schauspielerin Jasmine Trinca, diesmal etwas vorteilhafter besetzt, auf Louis Garrel treffen lässt, auf dass beide sich als eigentlich füreinander bestimmtes Paar jahrelang verpassen. Fängt besser an, als er endet, aber im Vergleich mit den anderen italienischen Beiträgen allemal reizvoll.
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