Philosophin über Intelligenz: „Intelligenz wird dazu benutzt, Gruppen zu denunzieren“
Ein verengter Intelligenzbegriff könne zur Abwertung von einzelnen Menschen und Bevölkerungsgruppen eingesetzt werden, kritisiert Gisela Schmalz.
Foto: Yui Mok/dpa
taz: Frau Schmalz, stellen wir uns mal ganz dumm und fragen: Was ist überhaupt Intelligenz?
Gisela Schmalz: Es gibt viele unterschiedlicheIntelligenzdefinitionen, aber auch den Intelligenzquotienten, den man über Intelligenztests ermittelt. Und für diese nimmt man an, Intelligenz sei aus fünf kognitiven Fähigkeiten zusammengesetzt. Diese sind bei klassischen Tests sprachliches Vermögen, mathematisch-logisches Vermögen, räumliches Denken, Arbeitsgedächtnis und Geschwindigkeit im Denken.
taz: Steckt dahinter nicht ein sehr reduziertes Verständnis von Intelligenz?
Schmalz: Richtig. Man könnte ja auch von kreativer, sozialer, emotionaler, kritischer oder körperlicher Intelligenz sprechen oder von Out-of-the-Box-Denk-Vermögen. All das sind Talente, die eben auch mit Kognition zu tun haben. Und ich mache mich stark dafür, dass diese Vielfalt an Intelligenzbegriffen zum Ausdruck kommen kann.
geboren 1970, ist Philosophin und Volkswirtin. Sie lehrt Digital Business und Management an der privaten Gisma University of Allied Sciences in Berlin, Potsdam und London und leitet die „Fokusgruppe Künstliche Intelligenz“ bei der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.
taz: Warum sprechen Sie dann vom „Fetisch Intelligenz“? Ist diese nicht eine menschliche Qualität wie die Schönheit? Wir wollen doch alle gut aussehen und gut denken können.
Schmalz: Intelligenz ist auf jeden Fall etwas Gutes, aber man sollte diesen Begriff nicht überstrapazieren. Das Problem ist, dass der gängige IQ-Intelligenzbegriff überhöht wird. Ich wehre mich gegen seine Verselbständigung; dagegen, dass das Konzept vom Menschen abgelöst wird, als sei das ein Wert an sich, der dann fetischisiert wird.
taz: Sie sagen ja auch, dass mit diesem Fetisch Politik gemacht wird. Was meinen Sie damit?
Schmalz: Zum einen beziehe ich mich auf das Bildungswesen, wo der IQ-Test zur Anwendung kommt, wenn Kinder Lernprobleme haben. Dann wird der IQ zum Kriterium bei der Zuweisung von Förderprogrammen. Problematisch kann es sein, wenn man so sehr früh damit beginnt, Kinder in gut und schlecht zu sortieren. Und wenn Kinder das mitkriegen, kann das bei ihnen zu einer Selbststigmatisierung führen, weil sie sich für weniger intelligent halten könnten und obendrein womöglich sogar für weniger wertvoll. Zum anderen findet Missbrauch statt, wenn die angeblich geringere Intelligenz bestimmter Bevölkerungsgruppen dazu benutzt wird, diese zu denunzieren oder schlechter zu behandeln als andere Gruppen.
mit Gisela Schmalz aus ihrem Buch „Fetisch Intelligenz“ (Berlin Verlag 2026, 288 S., 24 Euro), Moderation: taz-Autor Frank Schäfer. 14. September, 19 Uhr, Literaturhaus Hannover, Sophienstraße 2, Eintritt: 15,48 Euro, ermäßigt 8,24 Euro
taz: Und was meinen Sie, wenn Sie von der „Macht des Begriffs Intelligenz“ sprechen?
Schmalz: Überhöht man das Konzept Intelligenz, bekommt der Begriff Macht über uns Menschen. Das nutzen etwa aus der rechten Szene stammende selbsternannte Intelligenzforschende. Sie behaupten, dass der IQ-Wert primär von den Genen und weniger von Umweltfaktoren geprägt sei. Sie sagen auch, dass ganze Menschengruppen, die sie fälschlicherweise Rassen nennen, einen höheren IQ als andere Gruppen oder ganze Nationen hätten. Da Weiße oder Männer laut deren Logik in puncto Intelligenz besser aufgestellt seien, solle man die fördern und deren Geburtenrate steigern. Zugleich sei es sinnlos, andersfarbigen Bevölkerungsgruppen Bildung zuzuführen.
taz: Die Frage, was Intelligenz überhaupt ist, spielt ja auch bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz eine große Rolle.
Schmalz: In der KI-Branche wird eine Superintelligenz angestrebt, die über menschliche kognitive Fähigkeiten, auch in Bezug auf Verarbeitungsmenge und -tempo, hinausreicht. Ich plädiere dafür, genügend kritische Distanz zu KI-Systemen zu bewahren und sich mit der Technologie und den Machtstrukturen dahinter zu beschäftigen.
taz: Warum?
Schmalz: Es ist wichtig zu verstehen, dass KI-Systeme Voraussage-Maschinen sind. Daten aus der Vergangenheit werden mittels Wahrscheinlichkeitsrechnung in die Zukunft extrapoliert. Nicht mehr, nicht weniger. KI-Systeme sind keine Freunde, sie sind keine Intelligenzwesen und sollten nicht mit Menschen verglichen werden. Aber Unternehmen, die die Systeme entwickeln, haben natürlich ein Interesse an dieser Vermenschlichung, weil sie damit ihre Produkte besser verkaufen können.
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