Berichte über die Bundeswehr: Dieser Einsatz muss protokolliert werden
Nicht im Radpanzer, sondern robbend geht es für den Autor durch die Heimatfront. Dabei begegnen ihm Erinnerungen, die manche lieber vergessen würden.
E s ist passiert: Ich wurde eingezogen. Seit etwa anderthalb Jahren tummele ich mich nun schon in den Reihen der Bundeswehr, obwohl ich da nie hin wollte. Um mich herum träumen Politiker von der deutschen Armee als der stärksten in Europa. Vor mir liegt der riesige Sumpf aus Rüstungsmilliarden. Ich robbe durch das undurchsichtige Gelände der Beschaffungsprozesse und bin andauernd von diesem faulen Geruch umgeben.
Nun, ich wurde nicht als Soldat berufen – sondern hier in der Redaktion. Ich berichte für die taz über die Bundeswehr und die Welt, die sie umgibt. In meine Rolle bin ich, so wie es sich gehört, hineingestolpert. Manchmal fühle ich mich dabei, als wäre ich embedded. Kennen Sie den Begriff noch? Er stammt gefühlt aus dem letzten Jahrhundert, aus der Zeit, in der Journalist:innen im Tross von Nato-Soldaten in Kriege reisten und Home Storys von der Front in Afghanistan und im Irak mitbrachten. Die Praxis des embedded journalism wurde damals kontrovers diskutiert, heute ist die Debatte fast vergessen.
Sie bestand darin, ob man als Journalist überhaupt unabhängig berichten könne, wenn man zu sehen bekommt, was einem von der Armee vorgesetzt wird. Damals hegte man in der Politik noch den Traum, dass zivilisatorische Siege weltweit durch das Militär bereitet werden könnten. In diesem Sinne sollte auch eine breite Öffentlichkeit über die „Erfolge“ in den Zielländern unterrichtet werden.
Meine antimilitaristische Haltung
Ich frage mich: Hat die ein oder andere Geschichte aus dem Feldlager in Afghanistan dazu beigetragen, dass die politische Mission im Land irgendwann nur noch rein militärisch verstanden wurde? Und inwieweit hat dieses Framing eine Rolle dabei gespielt, dass die Stabilisierung des Landes fundamental gescheitert ist? Die Bilder der chaotischen Evakuierungsmission, die sich dieser Tage zum fünften Mal jährt, sind mir noch vor Augen. Und ich muss wohl sagen: Sie haben meine antimilitaristische Haltung verstärkt.
Eine Beobachtung, die ich in der kurzen Zeit, die ich nun embedded an der Heimatfront berichte, lautet: Dass in Afghanistan am Ende fast alles schiefgegangen ist, was schiefgehen konnte, hat sich auch bei der Bundeswehr ins Gedächtnis eingebrannt – tiefer als man von außen denkt. Denn fast alle deutschen Soldaten, die heute Rang und Namen haben, waren irgendwann mal dort im Einsatz. Sie erinnern sich sehr wohl an die überzogenen Erwartungen, die sie erfüllen sollten – bevor sie mitsamt der anderen Potemkinschen Dörfer, die man in Afghanistan errichtet hatte, vergessen wurden.
Ich vermute, es ist nicht gewollt, dass diese schmachvolle Geschichte zu viel Raum erhält. Dafür sind seit Russlands blutrünstigem Krieg in der Ukraine und der Muskelspielchen an anderen Orten in Europa – samt der Bombenfunde wie zuletzt in Leipzig – die Erwartungen an die Bundeswehr zu groß, auch gesellschaftlich. So stellen sich auch mir, embedded wie ich in diese neuen gesellschaftlichen und militärischen Erwartungen gleichermaßen bin, andere Fragen als mit Schreibblock und Schutzweste ausgerüstet im Bundeswehr-Radpanzer in der afghanischen Wüste. Doch auch dieser Einsatz muss, so wie er ist, protokolliert werden. In diesem Sinne: Willkommen zu meiner Kolumne!
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