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Social Media vor Sachsen-Anhalt-WahlTiktoken die noch ganz richtig?

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund zieht auf Tiktok mit radikalen Inhalten wie kein Zweiter. Zwei SPD-Kandidat:innen halten mit Nähe und Persönlichkeit dagegen.

David Muschenich

Aus Halle (Saale)

David Muschenich

Dann fragt Julius Neumann die Frau mit Lederjacke: „Wann war dein erstes Mal?“ Für ein Social Media Video spricht der Sozialdemokrat gerade fremde Menschen auf dem Marktplatz in Halle an. Es sind nur noch wenige Tage bis zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Neumann ist SPD-Direktkandidat und kämpft um jede Stimme. „Ähh, mit 18“, antwortet die Frau. „Und dein erstes Mal wählen?“, hakt Neumann nach. Sie zuckt mit den Schultern. „Auch mit 18.“ Dann lächelt sie: „Gutes Jahr!“

Das Interview dauert keine Minute. Direkt im Anschluss springt der 27-jährige Neumann mit beschwingten Schritten auf einen Mann mit orangefarbiger Jacke und Fahrrad zu. Eine kurze Frage vor der Kamera? Der Mann schüttelt den Kopf. Kein Problem, es laufen ja noch genug andere auf dem Markt vorbei. Neumann hat sein kleines Mikrofon schon im Anschlag.

Bei der Wahl in Sachsen-Anhalt spielt Social Media in diesem Jahr eine besondere Rolle. Das liegt vor allem am Spitzenkandidaten der AfD: Ulrich Siegmund. Der 35-jährige Rechtsextremist ist zumindest auf Tiktok einer der erfolgreichsten Po­li­ti­ke­r:in­nen Deutschlands. 800.000 Follower:innen, Millionen Aufrufe. Ununterbrochen folgt ihm sein Kamerateam, im Zweifel filmt er sich selbst zusätzlich mit dem Handy.

Martin Fuchs, Experte und Berater für digitalen Wahlkampf, sagt: Für die Wahl­kämp­fe­r:in­nen habe Social Media eine entscheidende Rolle gespielt. „Social Media war für das Pingpong von Inhalten aus klassischen Medien extrem relevant.“ So hätten etwa Ausschnitte aus TV-Duellen bei der AfD und den Grünen teilweise Millionen Accounts erreicht.

Außerdem weist er darauf hin, dass CDU, SPD, Grüne und Linke deutlich mehr Beiträge veröffentlichen als noch vor dem Wahlkampf. Deren Spit­zen­kan­di­da­t:in­nen stehen dabei im Zentrum. Wie Siegmund arbeiten sie mit professionellen Teams, die Qualität ihrer Videos ist gestiegen. Trotzdem bleibt schon die 25.000 Follower:innen-Marke für sie bislang unerreichbar.

„Ich kenne Sie“

Doch auch auf den hinteren Plätzen der Landeslisten versuchen Kan­di­da­t:in­nen bei Social Media mitzumischen, wie zum Beispiel Julius Neumann mit seinem kleinen Mikrofon. Bei Tiktok folgen ihm etwa 2.000, bei Instagram etwa 3.000 Leute.

Auf dem Markt in Halle dreht ein Jugendlicher den Spieß um: Er fragt Neumann, ob der nicht dieser SPD-Politiker von Instagram sei. Dann will er ein Foto mit Neumann. Die beiden reden kurz über die Landtagswahl. Neumann steht auf Platz 23 der SPD-Liste. Wenn es für die So­zi­al­de­mo­kra­t:in­nen gut läuft, ziehen die ersten 10 ein. Aber der Jugendliche könnte Neumann sowieso nicht wählen, er werde erst nach der Wahl 18.

Ein paar Minuten später erzählt Neumann, durch Social Media profitiere er von einem Wiedererkennungseffekt. Auch beim analogen Haustürwahlkampf im Süden von Halle höre er: „Ich kenne Sie doch.“ Die Menschen hätten bereits das Gefühl, sie könnten ihn einschätzen. „Ich hatte schon ein paar Mal Leute, die meinten, dass Coole an mir sei, das ich ein ‚normaler Mensch‘ und nicht ‚so ein Politiker‘ bin.“

Wie viele Stimmen er dadurch gewinnt? Spannende Frage, findet Neumann. „Am Ende entscheidet Social Media bei allen Parteien mit.“

In seinen Videos geht es selten um seinen Wahlkampf und noch seltener um die SPD. Er thematisiert lokale Probleme wie die Schließung eines Einkaufscenters. Ehrenamtlich pfeift er als Schiedsrichter im gelben Trikot bei Fußballspielen. Auf Social Media greift er das immer wieder auf. Die rote Karte gezückt, bläst er auf einer viel befahren Straße in die Schiripfeife: „Weg mit den ganzen Autos hier!“

Ganz anders sind die Videos von Skady Herkenrath. Sie tritt ebenfalls für die SPD an, allerdings auf Listenplatz 14 und für einen Wahlkreis in der ländlichen Altmark. Seit Ende letzten Jahres postet die 28-Jährige regelmäßig Videos für ihren Wahlkampf. Lip-Sync-Video hier, Ansagen an die AfD da. „Sachsen-Anhalt ist viel zu schön, um es der AfD zu überlassen.“ Bei Tiktok folgen ihr 3.500, bei Instagram sind es 19.100 Fol­lo­wer:­in­nen. Bei beiden Plattformen folgen ihr mehr als dem SPD-Spitzenkandidaten Willingmann.

Morddrohungen im Wahlkampf

Im Gespräch mit der taz relativiert Herkenrath das aber. Social Media sei im ländlichen Raum nicht der beste Weg, um Wäh­le­r:in­nen zu erreichen. Dafür klingele sie an Haustüren oder stelle ihren Infostand auf. Mit ihrem Account versuche sie hingegen, als junge Kandidatin landesweit für die SPD zu werben. „Ulrich Siegmund wirkt auf Tiktok nahbar, deshalb geben ihm super viele Menschen Zuspruch. Ich versuche dasselbe zu machen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und über Politik aufzuklären. Aber eben nicht als Rechtsextremistin, sondern mit einer positiven Message.“

Aber warum ist der AfD-Mann auf Tiktok eigentlich so erfolgreich? Laut dem Wahlkampfexperten Martin Fuchs unterstützen nicht alle, die AfD-Videos schauen, auch deren Politik. Dass der AfD auf Social Media so viele folgen, erkläre sich eher dadurch, dass sie eine „Hype-Welle“ surfe.

Neben den AfD-Politiker:innen selbst gebe es viele Accounts, die ebenfalls AfD-Inhalte verbreiten. Das „digitale Vorfeld“. Die Partei pflege seit Jahren Beziehungen zu Beauty-Creator:innen, Kraftsportler:innen, Kleingärtner:innen. Bei CDU, Grünen, SPD und FDP sei das hingegen gar nicht zu finden.

Liegt das vielleicht an den Hürden? Allein der Zeitaufwand ist für eine Einzelperson hoch. Skady Herkenrath berichtet, an einem durchschnittlichen Tag sei sie schon zwei Stunden damit beschäftigt, auf Kommentare und Nachrichten zu reagieren. Bei denen finde sich zudem oft Belastendes. „Ich bekomme jeden Tag Kommentare, wie hässlich, dick und scheiße ich bin“, erzählt sie.

Darüber spricht die 28-Jährige auch in ihren Videos. Der taz erzählt Herkenrath: „Am Anfang hat mich fertiggemacht, wie blöd mich Menschen finden.“ Mittlerweile könne sie darüber hinwegsehen. Doch bei Beleidigungen bleibt es nicht. Herkenrath berichtet auch von Gewalt- und Morddrohungen. „Das macht natürlich was mit einem.“

Sie erstattete online Anzeige. Die Polizei habe sich schnell gemeldet und ihre Aussage aufgenommen. „Da hatte ich das gute Gefühl, dass ich ernst genommen werde und die Polizei das wirklich verfolgt.“

Währenddessen postet sie weiter Videos über ihren Wahlkampf, über die Unterstützung und über Sachsen-Anhalt, das sie nicht der AfD überlassen möchte.

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