Wohnprojekt in Halle: Ein Spagat zwischen Selbstorganisation und Stadtrat
Ingeborg Bauer half dabei, dass eine linke Initiative ein Wohnprojekt in Halle kaufen kann. Dieser Abschluss vor den Wahlen sei wichtig gewesen.
Seit einer Woche ist der Kaufvertrag für das linke Hausprojekt in Halle an der Saale unter Dach und Fach: „Nach vielen Jahren Vorbereitung und starken Bangen haben wir es geschafft, wir stehen im Grundbuch“, sagt Ingeborg Bauer und freut sich. Über Monate hatte die Initiative Reilstraße 78 Werbung dafür gemacht, genügend Direktkredite einzusammeln. Der Kauf ist auch ein persönlicher Erfolg für Bauer, die sich seit Jahren für das Hausprojekt in dem ehemaligen Kinderkrankenhaus einsetzt.
Sie verweist auf die politischen Notwendigkeiten: „Wir waren auf eine Mehrheit im Stadtrat angewiesen, um das Gelände von der Stadt Halle zu kaufen.“ Vor etwa 10 Jahren habe man nach harten internen Diskussionen beschlossen, diesen Weg zu gehen und dabei eine „freundliche Distanz“ zu den städtischen Entscheidungsträger*innen zu wahren.
Den Grund für ihr großes Engagement für die Reil 78 erklärt Bauer auch biografisch. „Ich bin in Sachsen-Anhalt aufgewachsen und habe die Baseballschlägerjahre noch am eigenen Leib erfahren. Daher sind mir bis heute Rückzugs- und Schutzräume für antifaschistische Menschen sehr wichtig.“ Daher legte sie auch besonderen Wert darauf, dass der Kaufvertrag noch vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt abgeschlossen wurde. „Die AfD/CDU kann uns mal. Das ist ein super Gefühl“, sagt sie.
Seit der Besetzung der Reilstraße im Jahr 2001 gab es immer wieder politische Anfeindungen gegen das linke Projekt, zuerst von der CDU und später auch von der AfD. 2024 wäre durch diesen politischen Widerstand fast noch der Kauf gescheitert.
Deftige Konzerte und Antifa-Attitüde
Damals stimmte eine rechte Mehrheit aus AfD, CDU, FDP und der Fraktion „MitBürger“ im Finanzausschuss gegen den Verkauf des Hauses an den Verein. Der Verkauf war noch vom Vorgänger-Stadtrat in die Wege geleitet worden. Der rechte Schulterschluss gegen das Projekt sorgte nicht nur in linken Kreisen für Empörung: Im September 2024 konnte die CDU sich dann nicht damit durchsetzen, den Verkauf des Hauses an den linken Verein wieder rückabzuwickeln. Das war ein großer Sieg für das Hausprojekt und förderte die Spendenbereitschaft.
Für Bauer wurde das Hausprojekt in den letzten Jahren zu einem wichtigen Teil ihres Lebens. Sie kam erst als Gast in das Haus. Seit 2011 arbeitet sie im Organisationsteam der Initiative mit. Dazu gehörten auch viele Stunden Verhandlungen mit Verantwortlichen der Stadt Halle. „Der Umgang mit Parteien und Politiker*innen und der eigene politische Anspruch von Selbstorganisation und Autonomie ist immer ein Spagat.“
Nach dem Abschluss des Kaufvertrags ist auch bei Bauer Durchatmen angesagt. „Es gibt weiterhin deftig was auf die Ohren bei Konzerten in der Reil78. Gruppen treffen sich fleißig auf dem Gelände und immer neue Ideen und Formate entstehen.“ Bald sollen umfangreiche Sanierungsarbeiten auf dem Gelände beginnen. Dafür läuft die Kampagne für die Direktkredite weiter. Aber auch der Kampf gegen rechts kennt keine Pause. Am Vorabend des Wahltags, am 5. September, ruft die Reil78 zur Demo in Halle auf. Das Motto ist auch der Leitspruch de Hausprojekts: „Antifa bleiben“.
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