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EU-Beitrittskandidat Montenegro Die orthodoxe Kirche wurde zum Handlanger der Politik

Kommentar von

Barbara Oertel

Das Westbalkanland Montenegro will bald in die EU. Eine Debatte über die Anteilnahme beim Begräbnis des Kriegsverbrechers Mladić kommt da zur Unzeit.

H alleluja, so viel Aufmerksamkeit und Anteilnahme hätte Ratko Mladić wohl gefallen. Der kürzlich verstorbene bosnisch-serbische Ex-General und von einem internationalen Gericht rechtskräftig verurteilte Kriegsverbrecher mischt posthum auch die exjugoslawische Republik Montenegro auf.

Ausgerechnet ein hochrangiger Würdenträger der in Montenegro sehr einflussreichen Serbisch-Orthodoxen Kirche konnte das (Weih-) Wasser nicht halten und lobpreiste bei einem Gottesdienst Mladić, den viele Menschen immer noch als „serbischen Helden“ verklären. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft in der Hauptstadt Podgorica gegen den Gottesmann – wegen Aufstachelung zu nationalem, rassischem und religiösem Hass.

Die Vorwürfe und Anschuldigungen sind alles andere als abwegig. Denn Mladić wird auch die Verantwortung für das Massaker in Srebrenica zugeschrieben. Dort wurden im Juli 1995 über 8.000 muslimische Jungen und Männer kaltblütig abgeschlachtet – eines der monströsesten Verbrechen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Eine Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit diesem und anderen Gräueltaten während der Jugoslawienkriege steht – nicht nur in Serbien – bis heute aus.

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Doch das Problem geht weitaus tiefer. Viele orthodoxe Kirchen sind zu Handlangern einer nationalistischen und menschenverachtenden Politik ihrer jeweiligen Regierungen geworden. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Russisch-Orthodoxe Kirche unter ihrem Oberhaupt Kirill, die auch zu ihrem serbischen „Ableger“ engste Beziehungen unterhält.

Für Montenegro kommt die Causa Mladićs Erbe zur Unzeit

Der Moskauer Patriarch unterstützt vorbehaltlos Wladimir Putins völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die Auslöschung eines Volkes im Namen den Herrn und in der Priesterrobe – noch Fragen? Eben.

Für Montenegro, seit 2017 Mitglied der Nato, kommt die Auseinandersetzung über Mladić und sein „Erbe“ zur Unzeit. Das Land mit knapp 630.000 Ein­woh­ne­r*in­nen schickt sich an, möglichst schon 2028 Mitglied der Europäischen Union zu werden.

Die Chancen auf einen baldigen Beitritt des Musterschülers und „Frontrunners“ auf dem Westbalkan stehen nicht schlecht, allein beim wichtigen Kapitel „Justiz“ hapert es noch.

Dummerweise ist die Causa Mladić auch in der Politik angekommen. Ein Parlamentsabgeordneter sowie der Präsident der Volksvertretung konnten ebenfalls nicht umhin, Mladić ihren Respekt und ihre Ehrerbietung zu zollen. Entsprechende Rücktrittsforderungen sowie Strafanzeigen sind mittlerweile anhängig. Wie das Ergebnis lauten wird, ist derzeit noch nicht abzusehen. Eines jedoch steht fest: Brüssel wird und muss die weitere Entwicklung genau beobachten. Wegsehen gilt nicht, zumal ja auch noch andere Kandidaten aus der Region in der Warteschleife stehen.

Wie heißt es immer so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt, der Glaube vielleicht auch.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Barbara Oertel Ressortleiterin Ausland

Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.
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