Live-Reporter unter Rechten: Stream of Sorgen und Ängste
Politische Streamer sind Hype. Der bekannteste: Marcant. Er tummelt sich auf Nazi-Demos und AfD-Festen und macht vor, wie „mit Rechten reden“ geht.
I m August war Jubiläum, das Deutschland-Hut-Mann-Meme! Dieser Typ mit dem ausgeblichenen Deutschland-Fischerhut, der am Rande einer Pegida-Demo ein ZDF-Team anging und aufgebracht in tiefstem Sächsisch „argumentierte“: „Sie haben mich ins Gesicht gefilmt, das dürfen Sie nicht, Frontalaufnahme!“
Ich werde ihn nie vergessen. Es war eine Zeit, in der Teams von Spiegel TV bis ZDF verstehen wollten, warum Leute zu diesen Demos gehen. Der großen Leitsätze: „Mit Rechten reden; die Sorgen und Ängste der Menschen ernst nehmen“.
Es wollte dann selten jemand reden. Was blieb, waren O-Töne von Wut- und Hutbürger:innen, kein echter Austausch. Das Hut-Meme war 10er-Jahre-Rechte-Demo-Core at it’s best.
Acht Jahre später hat sich einiges geändert. Schmierige rechtsextreme Streamer übertragen Pegida-like Demos live und gehören zum erweiterten AfD-Wahlkampfteam, junge Menschen radikalisieren sich via Tiktok, inklusive Glatze und Springerstiefeln, und die Distanz zu öffentlich-rechtlichen Medien ist nicht gerade kleiner geworden.
30-Tage-Tour durch Sachsen-Anhalt und MV
Doch dann kommt da ein 2,09 Meter großer Leuchtturm um die Ecke: Marcant. Mit mehreren Youtube-Kanälen, Twitch-, Instagram- und Tiktok-Accounts, eigenem Podcast, Millionen von Klicks und einem unermüdlichen Grind. Aktuell tourt er 30 Tage durch Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.
Er ist sein eigenes Medienhaus, Chefreporter, Chefredakteur und Gesicht der Marke in einem. Ich könnte den nächsten Monat nichts anderes machen, als 24/7 seinen Contet zu binge-watchen, und wäre nicht fertig. Der greift das auf, was damals während des Pegida-Peaks so oft diskutiert wurde: „Mit Rechten reden; die Sorgen und Ängste der Menschen ernst nehmen“. Er ist gut darin.
Denn Marcant geht nicht nur auf die großen Nazi-Demos und konfrontiert identitäre Spinner, sondern auch aufs AfD-Sommerfest im letzten Kaff. Er bewegt sich als unermüdlicher Sophist durch die rechten Reihen, lässt sich nicht von der ersten Pöbelei verunsichern und dringt dadurch immer weiter zum Kern vor. Was beschäftigt die da eigentlich genau? Das Credo: Wer ihn ernst nimmt, wird ernst genommen.
Einige sprechen dann wirklich darüber, was falsch läuft: Rente, Mieten, die Sehnsucht nach einem guten Leben. Keine rechten Themen, aber trotzdem die falsche Abbiegung genommen. Marcant steht kurz hinter dieser Abbiegung und motiviert zum U-Turn. Vor allem Jugendliche, mit denen er immer wieder spricht, nehmen das an und lassen sich von Marcant (der selber einen politischen Entwicklungsprozess durchlebt, sagt: „Ich gehöre zu keiner Partei“, „Ich bin Zentrist“, früher mal Lindner-, jetzt Linken-Fan ist) überzeugen. Viele sagen: Wegen dir bin ich nicht mehr rechts.
Entwaffnende Offenheit
Auch weil man mit vielen Leuten, die in seinen Videos auftauchen, lieber nicht abhängen will. Dass er bestimmt früher gemobbt wurde, keift eine Frau ihm einmal entgegen. Ich wurde gemobbt und das war schlimm, sagt Marcant. Die Frau macht sich darüber lustig. Es ist diese entwaffnende Offenheit und die Position des Ruhepols innerhalb aggressiver Räume, die es schafft, einen Teil der AfD-Wählerschaft zu entlarven.
Und weil Marcants Content in Überlänge unterhaltsam und darum so erfolgreich ist, gibt’s mittlerweile Epigonen. Plötzlich machen der ehemalige Fashion-Youtuber Vincent oder der esoterische Tiktok-Tänzer „König Thomas“ in Politik. Politische Vlogs und Streams als (Edu)tainment erleben einen Hype, hätte ich vor zwei Jahren auch nicht gedacht.
Gute Entwicklung, vor allem mit Marcant an der Spitze des Hypes, der dann zum Beispiel das rechtsextreme Streamer-Hündchen „Aktivist Mann“ fragt: Wie stehst du zum Holocaust? Bist du Jude oder was, schreit der – und wird wenige Tage später von seinen AfD-Herrchen zurückgepfiffen. Auch ein Meme, der Deutschlandhut wirkt lächerlich harmlos dagegen.
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