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Bitterfeld-Wolfen„Ich bin voll motiviert“

Janina Hampel organisiert Protest gegen die monatliche AfD-Kundgebung auf dem Marktplatz. Ihren Mut verliert sie auch kurz vor der Wahl nicht.

Sie wolle „zeigen, dass die Gesellschaft offen sein darf“, sagt Janina Hampel. Unter dem Motto „Bitterfeld-Wolfen zeigt Haltung! Montags bunt statt braun“ stellen sich seit letztem September Demonstrierende der monatlichen AfD-Kundgebung auf dem Marktplatz in Bitterfeld entgegen.

Hampel organisiert zusammen mit anderen den Protest. Das Netzwerk mit dem Namen „Zukunft. Miteinander gestalten!“ hatte sich dafür neu gefunden, weil andere Vereine Angst um ihre Gemeinnützigkeit hatten. Ungefähr 350 Menschen seien zur letzten Kundgebung gekommen. Eine Ska-Band aus Dresden habe gespielt und ein Musiker aus Bitterfeld. Das sei nicht selbstverständlich. Es gebe Angst, sich öffentlich gegen die AfD zu stellen. „Hier kennt jeder jeden“, da würden viele die Konfrontation lieber vermeiden. Auch gebe es Geschichten von Nachstellungen oder Anfeindungen im Internet.

Dann erzählt sie von eigenen Erlebnissen mit Neonazis in den 1990er Jahren, bei denen sie bedroht und ein Freund auch angegriffen wurde. Sie erzählt von demselben mulmigen Gefühl angesichts der heutigen Hetze und von der Frage, wie sie sich und andere schützen kann. Janina Hampel ist 40 Jahre alt, hat zwei Kinder und lebt im angrenzenden Landkreis.

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Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern könnte erstmals seit 1945 eine rechtsextreme Partei an die Regierung kommen. Es gibt vor Ort aber auch eine lebendige Zivilgesellschaft, die die Wahlen noch nicht verloren gibt. In der Serie „Richtig gute Leute“ stellen wir sie den Sommer über vor.

Als die DDR noch existierte, waren Bitterfeld und Wolfen eigene Städte und wichtige Standorte der Chemieindustrie. Wegen der extremen Umweltverschmutzung war Bitterfeld auch im Westen bekannt. Mit der Wende verschwand die Industrie, viele Menschen verloren ihren Job. Fast die Hälfte der Bevölkerung wanderte ab. Inzwischen liegt die Arbeitslosigkeit unter dem Durchschnitt von Sachsen-Anhalt. Der ehemalige Tagebau am Stadtrand von Bitterfeld ist heute ein weitläufiger See mit langen Schilfgürteln am Ufer. Industrie gibt es hier immer noch: Janina Hampel ist Lebensmittelchemikerin und arbeitet bei einem lokalen Chemieunternehmen.

Heute ist Bitterfeld auch wegen seiner Wahlergebnisse bekannt. Bei der Landtagswahl 2016 wählten hier so viele Menschen AfD wie in keinem anderen Wahlkreis in Sachsen-Anhalt. Auch außerhalb des Wahlkampfs fährt man in Bitterfeld an großen Werbetafeln der Partei vorbei.

Nicht alle im Ort verstehen, warum sie sich auf dem Marktplatz gegen die AfD stellen würden, erzählt Janina Hampel. „Das, was da vertreten wird, ist nicht menschlich“, erklärt sie. Man müsse „respektvoll miteinander umgehen, egal welche Religion, Herkunft, Schulbildung oder auch welche Gesinnung wir haben“. Auch dass manche entscheiden wollen, wer bleiben darf, sei eine Frage des Respekts, findet Janina Hampel.

Dass Migration als größtes Problem verkauft wird, ärgert sie. „Wir haben in Sachsen-Anhalt eher das Problem von Abwanderung.“ Auch deswegen ist ihr wichtig, Jugendliche an politischen Entscheidungen zu beteiligen. Gemeinsam mit anderen setzt sie sich dafür ein. „Die Jugendlichen bringen einen anderen Blick auf die Dinge als wir Erwachsenen“. Vielleicht, hofft Hampel, motiviert die Möglichkeit mitzugestalten auch dazu, dazubleiben.

Was hat sich nach einem Jahr Protest verändert? Es gebe ein Bewusstsein „Ich bin nicht alleine, da sind noch mehr“. Immerhin wähle die Mehrheit nicht AfD. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass mehr Menschen in der Region Gesicht zeigen und sich etwa für die Kommunalwahlen aufstellen lassen. Sie selbst engagiert sich bei den Grünen. Es sei nicht immer leicht, Leute davon zu überzeugen. Manche, die ein Geschäft haben, hätten Angst, Kundschaft zu verlieren. Verliert sie den Mut, jetzt kurz vor der Wahl? „Ich bin eher voll motiviert“, sagt Hampel und erzählt, dass ihr auch wegen ihrer Kinder wichtig sei zu zeigen, dass respektvoller Umgang miteinander möglich ist.

Vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern stellen wir Engagierte aus der Zivilgesellschaft vor.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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