Fotoarbeit zu Rassismus: „Es geht um den Platz am Tisch“
Für das Projekt „Being There“ haben die Künstler Lee Shulman und Omar Victor Diop Familienfotos aus dem Amerika der Nachkriegszeit bearbeitet.
taz: Lee Shulman, die Fotos Ihres Projekts „Being There“ wirken auf den ersten Blick wie Schnappschüsse aus den 50er oder 60er Jahren. Woher stammen diese Bilder?
Lee Shulman: Das sind private Familienfotos aus den USA der Nachkriegszeit. Sie sind Teil meiner Sammlung von Farbfilm-Dias. Die Menschen haben sie früher zu Hause an die Wand projiziert, dann wurden sie vergessen und jahrzehntelang in Kisten liegen gelassen, bis sie mir in die Hände fielen. Ich arbeite als Fotograf und Filmemacher, ich habe mich schon immer für verschiedene Technologien interessiert. Als ich die erste Kiste mit Dias bei Ebay kaufte, war ich von der Qualität der Bilder überwältigt. Ich fing an, immer mehr zu kaufen – es war wie eine Obsession. Mittlerweile habe ich fast eine Million Dias. Ich habe mehrere Projekte damit gemacht, unter anderem „Being There“.
Lee Shulman, geboren 1973, ist Filmemacher und Künstler, er lebt und arbeitet in Paris. Das Projekt „Being There“ setzte er zusammen mit dem Künstler Omar Victor Diop um. Es ist noch bis zum 4. Oktober beim Fotofestival Rencontres d'Arles ausgestellt. „Being There“ ist Teil der umfangreichen Farbfilm-Dia-Sammlung „The Anonymous Project“.
taz: Dafür haben Sie Bilder aus Ihrer Sammlung ausgewählt und den senegalesischen Künstler Omar Victor Diop hineinmontiert. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Shulman: Die Bilder zeigen das Mittelschichts-Amerika der 50er Jahre. Ich selbst stamme aus einer Einwandererfamilie aus London. Ich habe mir die Fotos angesehen und fand sie sehr monochrom. Die Abgebildeten sind alle weiß. Das hat mich wirklich beschäftigt.
taz: Im Süden der Vereinigten Staaten hielt sich die „Rassentrennung“ bis in die 60er Jahre: Schwarze mussten im Bus hinten sitzen, in Restaurants durften sie nicht neben Weißen essen.
Shulman: Ja, es herrschte noch die Segregation, die Bürgerrechtsbewegung kam erst danach. Auf den Bildern gibt es oft einen leeren Stuhl, auf dem der Fotograf saß, der kurz aufgestanden ist, um das Bild zu machen. Omar und ich sind seit vielen Jahren befreundet, er ist ein großartiger Künstler und jemand, den ich sehr liebe. Ich dachte, es wäre toll, wenn ich ihn fotografieren und in die leeren Stühle montieren würde. Er ist selbst Fotograf und macht auch Selbstporträts. Also habe ich ihn gefragt, ob er sich vorstellen könnte, bei diesem Projekt mitzuwirken, und er hat zugestimmt.
taz: Und wie haben Sie das praktisch umgesetzt?
Shulman: Als Filmemacher habe ich ein großes Team von Stylisten. Wir mussten die passende Kleidung und die passenden Accessoires aus den 50ern finden. Die Bilder haben wir im Studio aufgenommen, mit der gleichen Beleuchtung wie auf dem Originalfoto. Ich musste den richtigen Winkel und das richtige Objektiv finden. Gemeinsam haben wir an den richtigen Posen gearbeitet. Anschließend montierten wir Omar in die Bilder. All das haben wir ohne KI gemacht, nur mit Photoshop, es war eine enorme technische Herausforderung. Der ganze Prozess hat etwa ein Jahr gedauert.
taz: Kann man sagen: Indem Sie Omar Victor Diop in die Bilder einfügten, zeigen Sie, wie das Leben ohne Segregation hätte aussehen können?
Shulman: Wir wollen die Geschichte nicht umschreiben. Wir wollen lediglich zeigen, wie wichtig es ist, einen Platz am Tisch zu haben. Es geht uns um die Idee, als Gesellschaft insgesamt inklusiv zu sein. Die 50er Jahre, das war so etwas wie der amerikanische Traum der Nachkriegszeit. Plötzlich gab es all diese fantastischen Autos und Menschen, die ein tolles Leben führten. Aber dieses tolle Leben gab es eben nicht für alle. In manche Bilder hätten wir auch eine Frau montieren können, auch das hätte etwas ausgesagt. Die Botschaft ist universell.
taz: Auf den Fotos sind fröhliche Menschen zu sehen. Es wirkt, als hätten sie eine richtig gute Zeit.
Shulman: Ich glaube, die meisten Menschen haben fröhliche Familienfotos, man fotografiert sich normalerweise nicht, wenn man traurig ist. Unsere Idee war, ein Familienalbum zu gestalten, so als wäre es Omars Familie. Das war auch lustig. Wir haben versucht, etwas zu schaffen, das politisch und kraftvoll ist, aber dennoch Freude vermittelt. Das ist keine leichte Aufgabe. In meiner Arbeit habe ich oft versucht, diese Balance zwischen Humor und Politik, zwischen Komik und Tragik zu finden, denn ich glaube, dass Dinge dadurch zugänglicher werden, bedeutungsvoller. Diese Bilder könnten von dir oder von mir sein, sie spiegeln unser aller Leben wider. Wir waren alle schon mal am Strand oder haben gemeinsam mit der Familie zu Abend gegessen. Sie sind wie eine kollektive Erinnerung. Heute leben wir ja in schwierigen Zeiten, es gibt eine starke Polarisierung, jeder meint, irgendwen zu hassen. Mit meinen Projekten möchte ich auch vermitteln, dass wir viel mehr gemeinsam haben, als wir oft denken.
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