Die Wunderkammer von Lothar Osterburg: Vom Bildrand kuckt das Mädchen mit dem Weinglas
Lothar Osterburg legt im Herzog Anton Ulrich Museum in Braunschweig einen traumschönen Parcours durch die Kunstgeschichte – mit irritierendem Maßstab.
Foto: © Herzog Anton Ulrich-Museum, Kathrin Ulrich
Es ist gewiss eine ganz eigene, schöne und gleichsam ambivalente Sache für Künstler:innen, die Einzelausstellung in einem renommierten Museum in der Stadt zu haben, aus der man kommt. Dort, wo die allerersten künstlerischen Schritte oft nicht recht goutiert wurden. Diese Erfahrung macht gerade Lothar Osterburg im Herzog Anton Ulrich Museum in Braunschweig. Osterburg wurde 1961 just in Braunschweig geboren, lebt aber seit fast 40 Jahren in den USA. 2011 hatte er in einer Berliner Galerie einige Arbeiten gezeigt, erzählt er, nun sind viele, auch ganz neu entstandene in seiner niedersächsischen Heimatstadt zu bewundern.
Ja, „bewundern“ ist hier die richtige Betrachtungshaltung, denn Osterburg knüpft in seinen Themen und Arbeitsweisen an die Kuriositätenkabinette und Wunderkammern alter dynastischer Sammlungen an, die, wie auch in Braunschweig, den Grundstein legten für staatliche Museen kunsthistorischer Ausrichtung.
Im Zentrum der Ausstellung steht ein über zwei Meter langes Modell des Herzog Anton Ulrich Museums. Gefertigt ist es in farbigem Papiermaché aus alten Kunstdrucken und Landkarten. Die Fassadenfront kommt recht naturgetreu daher, allenfalls irritieren überdimensionale Autos – und ein U-Bahnabgang, dessen tiefer gelegenes Innenleben durch ein kleines Sichtfenster inspiziert werden kann.
„Cabinet of Wonders: Lothar Osterburg back from Brooklyn“. Herzog Anton Ulrich Museum Braunschweig, bis 4. Oktober 2026.
Hier stand die U-Bahn New Yorks Pate, der Stadt, in der Osterburg lebt. Die Rückseite des Gebäudes ist zerklüftet und bietet Raum für biografische wie kunstgeschichtliche Spekulationen. Über jenes ornamentierte Bleiglasfenster etwa, das von außen zu sehen ist und, leicht geöffnet, Jan Vermeers „Das Mädchen mit dem Weinglas“ in den Bildrand rückt. Das um 1659 entstandene Gemälde ist eines der Highlights des Braunschweiger Hauses.
Vom dornigen Weg, Künstler zu werden, erzählen weitere Raumfragmente mit den Materialschlachten zur „Mappenprüfung“ an der Kunsthochschule Braunschweig oder der (abgelehnten) Bewerbung zur Teilnahme an einer der „Herbstausstellungen“ norddeutscher Künstler:innen in Hannover.
Roy Lichtenstein ist Auftraggeber
Lothar Osterburg hatte aber auch Erfolg. Er konnte 1981 sein Kunststudium in Braunschweig aufnehmen, konzentrierte sich auf die Zeichnung und vor allem die Druckgrafik. Ein akademisches Austauschprogramm brachte ihn 1987 nach San Francisco an die State University. Verschult sei es dort zugegangen, so Osterburg. Doch konnte er dort seine druckgrafischen Fähigkeiten in der Lithografiewerkstatt unter Beweis stellen, für niemand Geringeres als Roy Lichtenstein akquirierte er erste Aufträge.
Osterburg avancierte zum Spezialisten für die Heliogravüre, ein historisches Tiefdruckverfahren, das ein Fotopositiv in eine Druckplatte übersetzt. Christian Boltanski oder John Baldessari wussten seine Dienste zu schätzen, die charakteristisch tiefschwarz mysteriöse Unschärfe der Heliogravüre wurde fortan zum Spezifikum von Osterburgs eigener Kunst. Die Druckgrafik spülte ihn später nach New York und seine Werkstätten, wo er für seinen Lebensunterhalt auch „Master Prints“ anfertigt. Sein favorisierter Künstler wie Kunde sei William Kentridge.
In der eigenen Grafik greift Osterburg auf kunsthistorische Topoi oder traumhafte Erinnerungen zurück. Es gibt eine Serie zu 30 seiner vormaligen Ateliers. Das erste war eine Dachkammer mit einer Fensterluke – oder doch zwei? – ganz in der Nähe des Museums. Giovanni Battista Piranesis Architekturfantasien der „Carceri“, vom Italiener stetig verdichtet und um irrwitzige Details erweitert, überarbeitete Osterburg neuerlich, fügte weitere Zugbrücken ins Nirgendwo zu.
Der Turmbau zu Babel
Die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel, bekannt etwa durch Gemälde von Pieter Bruegel dem Älteren, war Anlass für ein Modell aus Miniaturbüchern, das, abfotografiert, zur Heliogravüre wurde – und zum Sinnbild für die Bereicherung jeder Kultur durch viele Sprachen. Bei Osterburg schwimmen Städte auch mal vor der Skyline Manhattans oder alles bewegt sich in seinen Mehrkanalvideos, musikalisch begleitet von seiner Ehefrau, der Komponistin Elizabeth Brown. Und immer wieder irritieren subtile Maßstabsverschiebungen, die hier nicht nur viele Facetten dieses Braunschweiger-New Yorker Künstlers, sondern auch der Kunstgeschichte entdecken lassen.
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