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Solidarität mit Palästina in der BRDWarum ich die Vorsilbe „Deutsch“ wieder ablegte

Unser Autor kam 1973 als palästinensischer Flüchtling nach Berlin und identifizierte sich lange mit der neuen Heimat. Jetzt nicht mehr.

V erhaltet euch ruhig und tut so, als wenn wir Touristen wären“, sagte mein Vater mit leiser Stimme an einem Herbsttag 1973 am Grenzübergang von Ost- nach West-Berlin, dem Nadelöhr des Kalten Kriegs. Wir waren gerade in Ost-Berlin gelandet, aus dem Libanon kommend, und wollten dem Bürgerkrieg, der dort soeben begonnen hatte, entfliehen. Wir, das waren meine blonde und blauäugige Mutter, die damals Ende zwanzig war, mein Vater, meine drei Geschwister und ich. Unser Ziel: die Bundesrepublik Deutschland.

Nach der Anhörung zu unserem Asylantrag, die eher einem Verhör glich, kamen wir in einem Erstaufnahmeheim in einem bürgerlichen Stadtteil im Westen Berlins unter. Dort sollten wir die nächsten 17 Jahre leben. Wir erhielten vom Amt zunächst einen Status als „Geduldete“. Das bedeutete ein Leben auf gepackten Koffern und die ständige Angst, dass plötzlich die Polizei vor der Tür steht, denn der Asylantrag konnte jederzeit abgelehnt werden.

1981 wurde mein Vater wie ein Schwerverbrecher verhaftet und von einem Tag auf den anderen abgeschoben, durfte aber nach wenigen Monaten im Rahmen einer Familienzusammenführung wieder nach Berlin zurückkehren. Dass die deutschen Behörden einen Menschen abschieben, von dem sie wissen, dass er aus formalen Gründen bald darauf wieder einreisen darf, habe ich nie verstanden.

Mein Vater wurde 1945 in einem Dorf im damaligen Palästina geboren, aus dem er und meine Großeltern drei Jahre später während der Nakba vertrieben wurden. Durch die Vertreibung erhielt er die Impfung gegen Kinderlähmung nicht rechtzeitig. Er erkrankte, die Lähmung beeinträchtigte die Entwicklung seines rechten Beins, sodass er sein Leben lang humpelte. Im Flüchtlingslager im Libanon gehörte er zu den ersten Friseuren. Diesen Beruf übte er auch später mit ungebrochener Leidenschaft aus. Es war, als wollte er jedem zeigen, dass Aufgeben keine Option ist. Diese Haltung hat mich tief geprägt und motiviert.

Schichten um drei Uhr morgens

Mitte der 80er Jahre erhielt unsere Familie schließlich eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Sofort begannen meine Eltern, einen geeigneten Arbeitsplatz zu suchen, aber als Flüchtlinge mit wenig Sprachkenntnissen und ohne anerkannten Abschluss war das nicht einfach. Meine Mutter arbeitete als Küchenhilfe. Ihr Job in einer Hotelküche begann um drei Uhr morgens, und wenn sie mittags nach Hause kam, ging die Hausarbeit los. Mein Vater arbeitete zunächst als Lagerarbeiter und Pförtner. Einmal versuchte er, mit einem Bekannten ein Restaurant zu eröffnen, verlor dabei aber nur sehr viel Geld.

Mit der unbefristeten Aufenthaltserlaubnis konnten wir erstmals verreisen. Im Sommer 1987 besuchten meine Mutter, mein Onkel und ich das Flüchtlingslager im Libanon, in dem sie aufgewachsen war. Nach 15 Jahren fiel sie ihrem fast 90-jährigen Vater weinend in die Arme und wurde ohnmächtig. Dort sah ich auch zum ersten Mal meinen Geburtsort: ein trostloses Flüchtlingslager, das die Vereinten Nationen nach der Vertreibung der Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen 1948 als Provisorium errichtet hatten. Aus Zelten waren mit der Zeit Wellblechhütten und schließlich kleine Häuser geworden.

Meine Eltern hatten keine Heimat, in die sie hätten zurückkehren können, und setzten alles daran, in Deutschland anerkannt zu werden. Arabisch spielte zu Hause kaum eine Rolle. Obwohl wir Muslime waren, stand fast jedes Jahr ein Weihnachtsbaum in unserer Zwei-Zimmer-Wohnung im Flüchtlingsheim. Zu Nikolaus putzten wir unsere Schuhe, sangen in der Kirche Weihnachtslieder, für die wir schon im Sommer angefangen hatten zu proben. Vor jedem Auftritt ermahnte uns mein Vater, bloß keinen falschen Ton zu singen – als hinge unser Aufenthaltsstatus davon ab.

Als Nicole 1982 mit Ein bisschen Frieden als erste Deutsche den Eurovision Song Contest gewann, waren wir sehr stolz.

Genauso wichtig war ihm Pünktlichkeit: Auf meinen Zeugnissen prüfte er zuerst Fehlzeiten und Verspätungen, erst dann die Noten. Vor Bewerbungsgesprächen musste ich die Strecke dorthin oft schon am Vortag abfahren, damit ich garantiert pünktlich war. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, war einer der Sätze, die mich früh prägten.

An den Abenden saßen wir Kinder mit unseren Eltern vor dem Fernseher und schauten deutsche Nachrichten und TV-Sendungen – „Dalli Dalli“ mit Hans Rosenthal im westdeutschen oder „Mach mit, mach's nach, mach's besser“ mit Adi im ostdeutschen Programm. Oder die „Hitparade“ mit Dieter Thomas Heck, in der zu Beginn der 1980er Jahre auch die Neue Deutsche Welle anbrandete, mit der ich viele Songs kennenlernte, die ich bis heute mitsingen kann. Als Nicole 1982 mit „Ein bisschen Frieden“ als erste Deutsche den Eurovision Song Contest gewann, waren wir sehr stolz. Und bei den Fußballweltmeisterschaften feuerten wir selbstverständlich die deutsche Nationalmannschaft an, meistens jedenfalls.

In unserem Erstaufnahmeheim lebten etwa 15 Familien aus dem Nahen Osten, Osteuropa und Afrika, aber auch einige Deutsche, die sich reguläre Mieten nicht leisten konnten. Im Nachbargebäude waren Obdachlose untergebracht. Als Kind hatte ich natürlich nicht verstanden, warum Deutsche im Erstaufnahmeheim lebten, bis ich Jahre später den Begriff des Klassismus kennenlernte. Jeden Abend um acht drehte der Hauswart seine Runde, schickte uns Kinder ins Haus und schloss die riesige Eingangstür ab, die mir wie ein Gefängnistor vorkam. Niemand durfte das Heim danach noch verlassen.

Flaschen sammeln

Das Gelände war für mich wie eine Insel. Gegenüber lag eine Kleingartenkolonie, daneben ein Fußballplatz, ein Freibad und ein Eisstadion. Wir streiften durch die Gärten und stahlen Obst – bis einige Klein­gärt­ne­r*in­nen es irgendwann für uns vor den Zaun legten. Im Freibad kletterten wir über den Zaun und sammelten Pfandflaschen, um uns ein wenig Taschengeld zu verdienen. Doch damit zogen wir auch die Aufmerksamkeit bestimmter Männer auf uns. Einer sagte zu mir, er würde mir seine Flaschen geben, wenn ich mit ihm käme. Danach mied ich die Umkleiden und Duschen. Bis heute weiß ich nicht, ob andere Kinder Ähnliches erlebt haben.

Die meisten Kinder aus dem Flüchtlingsheim kamen aufgrund ihrer mangelnden Sprachkenntnisse auf die Sonderschule. Als ich in der dritten Klasse sitzen blieb, wollten mich einige Leh­re­r*in­nen ebenfalls dorthin schicken. Sie versprachen mir weniger Hausaufgaben und mehr Freizeit. Doch ich misstraute ihren guten Ratschlägen und wiederholte stattdessen die Klasse. Meine Noten verbesserten sich, vor allem in Sport, und trotz schwacher Leistungen in Deutsch und Englisch erhielt ich eine Realschulempfehlung. Dass ich sie bekam, verdankte ich meinem Klassenlehrer, der an mich glaubte – wie er mir viele Jahre später bei einem Klassentreffen erzählte.

Auch auf andere Art erlebte ich Ausgrenzung. Einmal, als ich zehn Jahre alt war, fragte mich ein Lehrer in der Grundschule, warum wir Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen Juden töten würden. Damals sagte ich nichts dazu. Am Gymnasium sagte mir ein Lehrer später ins Gesicht, ich sei niemals fähig, das Abitur zu machen, und solle besser gleich die Schule verlassen. Dabei schaute er mir tief in die Augen.

Wir haben aber auch viel Unterstützung erfahren, über die ich bis heute sehr froh bin. Als ich knapp fünf Jahre alt war, meldete mich meine damalige Erzieherin für einen Schwimmkurs an und fuhr mich persönlich zwei Mal pro Woche zum Schwimmbad. Manchmal träumte ich davon, dass mich wohlhabende deutsche Eltern in eine Villa im Grunewald mitnehmen und adoptieren würden. Aber die Jahre vergingen, und meine potenziellen Adoptiveltern machten leider einen Bogen um unser Flüchtlingsheim. Ich musste mich also selbst anstrengen – und mich mit meiner Herkunft auseinandersetzen.

Das war nicht immer leicht. Mein Vater nutzte einen kleinen Raum des Erstaufnahmeheims eine Weile lang als Friseursalon. Jeden Sonntag öffnete er die Türen für die damals noch recht überschaubare palästinensische Community Berlins. Rund 20 Männer drängten sich dort regelmäßig mit ihren Kindern in dem kleinen Raum, während er Jung und Alt den neusten Haarschnitt verpasste und meine Mutter wie am Fließband arabischen Kaffee und Tee kochte. Der verqualmte Raum ähnelte einem arabischen Kaffeehaus im Nahen Osten, und der Nahostkonflikt war ständiges Thema.

2005 sprach mich ein jüdisch-israelischer Bekannter an. Seine Idee war, als palästinensisch-israelisches Trainertandem Workshops zum Nahostkonflikt in Bildungseinrichtungen anzubieten.

Während meine Geschwister auf dem Hof spielten, lauschte ich gebannt den Geschichten der alten Männer, von denen viele den Einmarsch der israelischen Armee in den Libanon 1982 hautnah miterlebt hatten. Viele dieser Menschen litten unter Kriegstraumata und hätten eigentlich eine psychosoziale Betreuung benötigt, um über ihre Kriegserfahrungen zu sprechen. Aber die meisten waren schon froh, wenn sie nicht abgeschoben wurden.

Als ich diesen alten Männern zuhörte, wurde ich wütend und begann, einen Hass auf Juden zu entwickeln. Mein Vater wies mich scharf zurecht. Er erklärte mir, dass Jüdinnen und Juden religiös gesehen „unsere Cousins und Cousinen“ seien und dass der Konflikt um Palästina ein politischer Konflikt sei. Er erklärte mir auch, dass Adolf Hitler alle Juden habe vernichten wollen, weil sie Juden waren, während die meisten Deutschen nur zugeschaut hätten. Die Aussage meines Vaters beeindruckte mich damals sehr.

Trost fand mein Vater in der Erinnerung an seine verlorene Heimat und in der Politik. Er freute sich, wenn ich bei Palästina-Demonstrationen das Palästinensertuch trug. Einmal im Jahr wurde in der alten Mensa der Technischen Universität Berlin mit Gedichten, Liedern, Dabke-Tanz und Falafel der Heimat gedacht. Dort wuchs mein Interesse an der Geschichte Palästinas. Eine palästinensische Sozialarbeiterin brachte sie uns später in ihrer kleinen Wohnung in Berlin-Friedenau näher. An ihren Wänden hingen Werke palästinensischer Künstler und Gedichte von Mahmoud Darwish. Weil ich nur teilnehmen durfte, wenn meine Schulnoten stimmten, strengte ich mich in der Schule umso mehr an.

In dieser Zeit war die internationale Solidarität mit Palästina auch in Deutschland spürbar. Demonstrationen, Kundgebungen und das jährliche Gedenken an die Nakba – die Flucht und Vertreibung Hunderttausender Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen im Jahr 1948 – wurden staatlich nicht unterbunden. An Repressionen gegen die Palästina-Solidarität in Berlin kann ich mich aus dieser Zeit nicht erinnern.

Zugleich erfuhren wir bereits früh in der Schule etwas über den Holocaust und die industrielle Ermordung von Millionen von Jüdinnen und Juden. Als ich etwa 14 Jahre alt war, lief im Fernsehen außerdem die US-Serie „Holocaust“. Die fiktive Geschichte einer jüdischen Berliner Arztfamilie erreichte ein breites Publikum und führte zu einer Diskussion über die deutsche NS-Vergangenheit.

Doch an meiner Oberschule gab es mindestens zwei Schüler, die offen nationalsozialistische Einstellungen vertraten. Diese Mitschüler fragten immer wieder, warum die NS-Zeit im Unterricht so einen großen Stellenwert einnehmen müsse. Die Leh­re­r*in­nen ließen diese Kritik an sich abprallen, setzten sich aber nicht wirklich ernsthaft damit auseinander. Bis heute hat sich an dieser Haltung aus meiner Sicht nur wenig verändert.

Ich habe später eine Reihe von Dokumentationen über den Holocaust gesehen, die sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt haben. Nach Claude Lanzmanns „Shoa“ aus dem Jahr 1986 fragte ich mich: Wie konnten Menschen dabei zusehen, wie andere Menschen systematisch und vor ihren Augen umgebracht wurden? Eine Antwort erhielt ich Jahre später, als ich Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ las. Dort stellt sie fest, dass schreckliche Verbrechen von ganz gewöhnlichen Menschen begangen werden – nicht aus fanatischem Hass, sondern aus Gedankenlosigkeit, Anpassung und blindem Befolgen von Befehlen.

Dennoch – oder gerade wegen dieser Aufarbeitung der Geschichte – begann ich, mich immer stärker mit Deutschland zu identifizieren. Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, begrüßten Tausende West-Berliner*innen, egal welcher Nationalität und Religion, gemeinsam die Menschen aus dem Osten, wir freuten uns mit ihnen. An diesen Tagen hatte ich das Gefühl, dazuzugehören.

Auf den antipalästinensischen Rassismus nach dem 7. Oktober war ich jedoch nicht vorbereitet.

Bald kamen einige Schü­le­r*in­nen aus den neuen Bundesländern in meine Abiturklasse. Ich freundete mich schnell mit einigen von ihnen an, mir gefiel ihre bodenständige und ehrliche Art. Wenn es um die Themen Diskriminierung und Ungleichbehandlung ging, waren sie solidarisch und setzten sich für benachteiligte Schü­le­r*in­nen ein. Mir imponierte das sehr.

1991 wurde ich deutscher Staatsbürger, 1995 begann ich an der Freien Universität Berlin ein Studium der Politikwissenschaften. Als die Attentäter von al-Qaida am 11. September 2001 ihre Anschläge auf die Twin Towers in New York verübten, zog ich vor die US-Botschaft, in der Hand ein großes Transparent mit der Aufschrift: „Palästina trauert“. Doch während es einige Menschen begrüßten, dass ich gekommen war, schrien mich andere an, ich solle den Platz verlassen. Man musste kein Hellseher sein, um zu ahnen, dass die Ressentiments gegen Muslime zunehmen würden. Ich merkte, dass ich unter besonderer Beobachtung stand.

Dennoch verlor ich nie die Hoffnung und Kraft, mich gegen Vorurteile einzusetzen. Ich begann, mich politisch zu engagieren, führte mit Gleichgesinnten Veranstaltungen durch, die zum Abbau von Vorurteilen beitragen sollten, und hielt Vorträge in Bildungseinrichtungen. Außerdem warb ich in migrantischen Communitys dafür, sich an Landtags- und Bundestagswahlen zu beteiligen.

2005 sprach mich ein jüdisch-israelischer Bekannter an. Seine Idee war, als palästinensisch-israelisches Trainertandem gemeinsame Workshops zum Nahostkonflikt in Bildungseinrichtungen anzubieten und durchzuführen. So ein Projekt gab es in dieser Form zu jener Zeit noch nicht, und viele Leh­re­r*in­nen klammerten das Thema im Unterricht lieber aus.

Im Jahr 2006 führten wir an einer Berliner Schule unseren ersten gemeinsamen Workshop als palästinensisch-israelisches Tandem. Einerseits ging es uns darum, den Schü­le­r*in­nen zuzuhören. Andererseits hatten viele Schü­le­r*in­nen dort vorher noch nie einen Israeli kennengelernt, geschweige denn mit ihm gesprochen. Manche Vorurteile schienen unüberbrückbar zu sein. Unser empathischer Zugang trug dazu bei, sie zu hinterfragen.

Frappierende Erlebnisse mit Antisemitismus

Antisemitismus im Kontext des Nahostkonflikts spielte im Laufe der Jahre eine immer stärkere Rolle. Ich erinnere mich an viele spannende Workshops, aber auch an frappierende Erlebnisse – etwa als eine Lehrerin am Ende eines Workshops für Schü­le­r*in­nen in offener Runde fragte: „Wie ist das eigentlich mit dem jüdischen Gen?“ Im Laufe der Jahre weiteten wir unsere Workshops für Leh­re­r*in­nen aus, um sie im Umgang mit dem Nahostkonflikt im schulischen Alltag zu stärken, und es kamen weitere Auftraggeber dazu: Neben Schulen führten wir Seminare für muslimische und jüdische Studierende, Jugendeinrichtungen und im Jüdischen Museum Berlin durch. Ich hatte das Gefühl, damit zumindest Denkanstöße geben und zum Perspektivwechsel anregen zu können.

Doch dann kam der 7. Oktober 2023. Nach dem brutalen Angriff der Hamas auf Zi­vi­lis­t*in­nen riegelte Israel den Gazastreifen vollständig ab und begann mit massiven Bombardierungen. Die Bundesregierung unter Olaf Scholz sagte Israel ihre uneingeschränkte Unterstützung zu. Im Verständnis der deutschen Staatsräson schien für das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung kaum Platz zu sein.

Die folgenden Wochen haben mich verändert. Ich konnte kaum schlafen. Die Bilder aus Gaza verfolgten mich bis in meine Träume, die Belastung zeigte sich schließlich auch körperlich. Obwohl die Anfragen für Workshops zunahmen, sagte ich sie zunächst ab. Ich war dazu nicht in der Lage. Was mich zusätzlich traf: Kaum jemand fragte, wie es mir oder meiner Familie ging. Ich fühlte mich unsichtbar. Umso mehr berührte mich die Anteilnahme israelischer und jüdischer Kol­le­g*in­nen sowie anderer Freund*innen, die sich aufrichtig nach meinem Befinden erkundigten.

Auch der öffentliche Raum veränderte sich. Viele Demonstrationen gegen den Krieg wurden zunächst verboten. Eine von mir angemeldete Versammlung wurde trotz vorheriger Genehmigung vor Ort von der Polizei untersagt. Später wurden wieder mehr Kundgebungen zugelassen. Gleichzeitig erlebte ich Polizeigewalt gegen Demonstrierende in einem Ausmaß, das ich bis dahin nicht kannte. Seitdem gehe ich Po­li­zei­be­am­t*in­nen auf der Straße möglichst aus dem Weg.

Mein ganzes Leben hatte ich versucht, Brücken zu bauen – zwischen Menschen, Perspektiven und Erfahrungen. Rassismus und Racial Profiling kannte ich bereits. Auf den antipalästinensischen Rassismus nach dem 7. Oktober war ich jedoch nicht vorbereitet.

Ich habe Deutschland immer als meine Heimat verstanden. Heimat bedeutet für mich mehr als ein Pass oder ein Wohnort. Sie lebt davon, gesehen zu werden und Mitgefühl zu erfahren. Nach dem 7. Oktober hatte ich oft das Gefühl, genau das verloren zu haben. Deshalb bezeichne ich mich heute nicht mehr als Deutsch-Palästinenser, sondern als Palästinenser. Die Vorsilbe „Deutsch“ habe ich abgelegt.

Mohamed Ibrahim ist Politologe und organisiert seit vielen Jahren Dialog- und Bildungsprojekte.

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