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Tauben in der Stadt Love Birds, hate birds

Amira Klute

Kommentar von

Amira Klute

Stadttauben lösen starke Gefühle aus. Darum haben Menschen, die sie eklig finden und jene, die Mitgefühl mit ihnen haben, mehr gemeinsam als sie denken.

M eine Mitbewohnerin hat mal eine Taube umgebracht. Sie flog in die Speichen ihres Fahrrads. Es war keine Absicht, und sie hat bis heute ein schlechtes Gewissen. Erstaunlich, denn eigentlich mag sie Tauben nicht und findet sie eklig.

In Hamburg, wo wir wohnen, leben etwa 25.000 Tauben. Meine Mitbewohnerin ist nicht der einzige Mensch, bei dem sie sehr starke Gefühle auslösen. Ein taz-Kollege ärgert sich über Tauben, die auf seinem Balkon nisten und erzählt genüsslich von gebackenen mit Weizengrütze gefüllten Tauben aus seinem letzten Ägyptenurlaub: „Lecker!“.

Andere Menschen haben starkes Mitgefühl mit den Vögeln. Sie teilen Bilder von zerrupften, abgemagerten und einbeinigen Tauben auf Telegram. Sie pflegen ehrenamtlich kranke Tauben, gehen für Taubenschläge demonstrieren und schreiben Nachrufe, wenn eine Taube stirbt: „Es tut mir so leid, dass ich dir nicht mehr helfen konnte, kleine Seele. Dein Leben hatte gerade erst begonnen, und doch musstest du schon so viel Leid tragen.“

Tiere in der Großstadt

Ist es falsch, eine Katze in der Großstadt zu halten, wieso geraten sogar Freunde über die Frage, wie man es mit Stadttauben hält, in Streit und ist ein böser Mensch, wer Nacktschnecken hasst? Diesen und anderen Fragen zum Verhältnis von Mensch und Stadtier spürt diese kleine Serie in loser Folge nach.

Meine Mit­be­woh­ne­r*in­nen machen sich über diese Leute lustig. Gehen die auch für obdachlose Menschen auf die Straße? Meine Mit­be­woh­ne­r*in­nen hassen Tauben.

Kei­ne*r will Taube sein

Mich jucken Tauben nicht so. Die Trauer über den Tod einer Taube auf Instagram finde ich befremdlich, den großen Ekel vor den so called „Ratten der Lüfte“ verstehe ich aber auch nicht. Ich behaupte, dass alle starken Gefühle gegenüber den Vögeln, Hass sowohl als großes Mitgefühl, dieselbe Wurzel haben: Angst davor, selbst Taube zu werden.

Stadttauben sind nach 1945 arbeits- und obdachlos geworden, weil Menschen keine Verwendung mehr für sie hatten. Früher lebten sie in Taubenschlägen, waren Postboten, Fleisch- und Düngerlieferanten. Seit moderne Technik sie überflüssig machte, müssen sie in der Großstadt sehen, wo sie bleiben.

Tauben arbeiten nicht, zahlen keine Miete, konsumieren nicht und eignen sich Raum an ohne dafür zu bezahlen

Hier finden sie Futter (Pommes, Krümel, alte Döner), das sie nicht vertragen. Ihr in der Stadt präsenter Schiss ist eigentlich Durchfall. Weil sie so gezüchtet wurden, sind sie gezwungen, ständig zu brüten und immer wieder an denselben Orten zu nisten. Ein Freund aus England beobachtet gern Tauben in seinem Hof und nennt sie „abandoned proletarians of the bird world“.

Das Problem mit der Tauben-Solidarität

Wir Menschen im Spätkapitalismus haben die neoliberale Ideologie der Selbstverantwortung gefressen und können uns nie sicher sein, ob wir noch versorgt werden, wenn wir morgen nicht mehr nützlich sind. Der Sozialstaat wird abgebaut und wir haben Angst.

Vielleicht verlagern wir dieses berechtigte, aber unangenehme Gefühl nach außen auf die Tauben. Tauben eignen sich gerade für Linke wie meine Mitbewohner*innen, die ungern Menschen schlecht machen, zur Projektionsfläche. Sie wehren die Sorge, selbst Taube zu werden, ab, indem sie die Tiere als ihnen völlig unähnliche Balkonvollscheißer abwerten.

Die extreme Empathie der Tau­ben­freun­d*in­nen ist etwas komplizierter zu erklären. Man könnte meinen, sie erkennen in ihrem Mitgefühl mit Tauben die Möglichkeit des eigenen Abstiegs an. Sie schreiben unter Bilder von zerfledderten Tauben „Sie fühlen Schmerz wie du und ich“.

Ich finde die Überidentifikation shady. Ich glaube, aus ihr spricht eigentlich Erleichterung, keine Taube zu sein – und Menschenhass. Erinnert ihr euch an das Plakat auf der Kundgebung für Chico, der 2018 eingeschläfert wurde, weil er zwei Menschen totgebissen hatte: „Für die Welt warst du nur ein Hund, für uns warst du die Welt“. Am Ende wollen extreme Tie­rem­path*­in­nen lieber mit Tieren in Beziehung sein, die sie bedauern und retten können, als mit Menschen beziehungsweise „der Welt“.

Ich träume von einer Welt, in der Menschen, die Tauben lieben und solche die Tauben hassen, sich in ihrer Angst erkennen, die Mauern zwischen sich einreißen und endlich nach oben treten, um mit Schwärmen arbeitsloser Stadttauben über ihren Köpfen durch die Straßen zu ziehen, und eine Welt zu fordern, in der alle jederzeit in Stadtteilkantinen vegane, mit Weizengrütze gefüllte Broiler beziehungsweise artgerechte Körner speisen können.

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Amira Klute

Amira Klute

Jahrgang 1997, seit November 2024 Volontärin der taz nord in Hamburg. Foto: Timo Knorr.
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