Der Himmel im Spätsommer: Was da oben leuchtet
Perseiden, Planeten, Raumstationen: eine Anleitung für alle, die nachts nach oben schauen und wissen wollen, was sie da sehen.
Foto: Matthias Balk/picture alliance
Die Sommertage werden merklich früher dunkel, bleiben aber warm genug, um in den Nachthimmel zu schauen und zu träumen, ohne zu erfrieren. Schnappen Sie sich also eine Picknickdecke, eine App mit Sternenkarte und jemanden, mit dem Sie gern Arm in Arm oder Schulter an Schulter über die Welt, das Universum und den ganzen Rest philosophieren möchten. Zeit zum Sternegucken!
Kosmische Spektakel
Wer Sternschnuppen durch die Nacht huschen sieht, darf sich etwas wünschen. Oft muss man lange auf sie warten, aber im August kann man seinem Glück auf die Sprünge helfen. Den Perseiden sei Dank. Dann regnen stündlich etwa 100 Meteore auf uns herab, weil unsere Erde die Umlaufbahn des Kometen 109P/Swift-Tuttle durchkreuzt. Dieser krümelt auf seiner Reise um die Sonne achtlos herum und hinterlässt eine Spur aus Schutt. Geraten Staubkörner davon in unsere Atmosphäre, verglühen sie durch die Reibung mit der Luft. In diesem Jahr sind die Perseiden zwischen dem 9. und 13. August zu sehen.
Währenddessen, und zwar am Abend des 12. August, steht ein noch viel selteneres kosmisches Schauspiel an: Über der Arktis, Grönland, Island und Spanien ist eine totale Sonnenfinsternis zu sehen. In Deutschland wird die Sonne dagegen nur zu 80 bis 90 Prozent vom Mond verdeckt. Das klingt nach viel, doch richtig finster wird es nicht. Vielmehr verändert sich die Farbe des Sonnenlichts zu einem kühlen Blau.
Unsere Galaxie und ihre Nachbarin
Wenn die Sonne verschwunden ist und die Nacht möglichst dunkel, weil Sie der Lichtverschmutzung der Zivilisation so weit wie möglich entkommen sind, ist es an der Zeit, sich zu orientieren. Oder Zeit, um vor anderen Leuten mit Astronomiewissen anzugeben. Beginnen wir mit der Milchstraße: Das ist die Galaxie, auf deren äußerem Arm unser Sonnensystem kreist. Früher zeigte sie sich als hell schimmerndes Band aus Abertausenden von Sternen, das sich quer über den Himmel zog. Heute ist sie nur noch an sehr dunklen Orten oder auf Fotos mit Langzeitbelichtung zu erkennen.
Alle Leuchtpunkte, die wir mit den eigenen Augen sehen können, gehören ebenfalls zur Milchstraße. Eine Ausnahme ist die Andromeda-Galaxie, ein länglicher Fleck aus Hunderten von Milliarden weiterer Sterne, die ab Spätsommer und vor allem im Herbst gut am Osthimmel zu sehen ist. Mit einer Entfernung von 2,5 Millionen Lichtjahren ist sie das mit bloßem Auge sichtbarste und zugleich am weitesten entfernte Objekt am Nachthimmel.
Die hellsten Sterne
Wenn sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, zeigen sich nach und nach immer mehr Sterne am Firmament. Zu den hellsten Sternen gehört das Sommerdreieck, das hoch im Süden steht. Dort befindet sich Wega im Sternbild Leier. Links daneben befindet sich Deneb, der Kopf des Schwans, der seine Flügel ausbreitet. Mit etwas weniger Fantasie sieht man einfach ein Kreuz. Der untere Stern des Dreiecks ist Altair.
Über dem Dreieck erkennt man das Himmels-W: Kassiopeia. Daneben rollen der Große Wagen und der Kleine Wagen mit dem Polarstern am Griff. Viele Leute suchen vielleicht vergeblich das Sternbild Orion mit seinem Gürtel, dem Orionnebel und seinem roten Stern Beteigeuze. Der treibt sich im Sommer jedoch nachts auf der Südhalbkugel herum.
Im Sommer sehen wir Beteigeuze erst, wenn er in einer Supernova explodiert und dann selbst tagsüber leuchtet. Die Helligkeitsschwankungen des Sterns deuten darauf hin, dass die Supernova unmittelbar bevorsteht oder bereits stattgefunden hat. Schließlich sehen wir heute das Licht, das Beteigeuze vor 500 Jahren ausgesendet hat. „Unmittelbar“ hat in der Astronomie etwas Spielraum.
Die Planeten
Die tatsächlich hellsten Lichtpunkte am Himmel sind oft keine Sterne, sondern die Planeten unseres Sonnensystems. Während Sterne funkeln, weil ihr Licht als Punktquelle durch die Atmosphäre verzerrt wird, leuchten Planeten gleichmäßiger. Die Planeten bewegen sich über Wochen hinweg sichtbar vor dem Sternenhintergrund, während die Sterne ihre Position zueinander praktisch nicht ändern.
Besonders gut zu sehen ist Venus, weil sie uns am nächsten ist. Abends leuchtet sie als erstes Gestirn im Westen. Sie ist nie weit weg von der Sonne, weshalb sie auch nur nach Sonnenuntergang oder kurz vor Sonnenaufgang zu sehen ist. Fast so hell wie Venus ist Jupiter. Der Gasplanet ist zwar weit weg, dafür aber riesig. Mit einem Fernglas kann man sogar seine vier großen Monde erkennen. Mitte August ist Jupiter morgens im Sternbild Krebs zu sehen. Auch Mars ist gut zu erkennen. Sein Licht ist schwächer, aber markant rötlich.
Menschengemachte Missverständnisse
Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Manchmal ist am Nachthimmel etwas Komisches zu sehen. Es bewegt sich, aber es blinkt nicht. Bestimmt ein UFO! Wahrscheinlich handelt es sich dabei um die Raumstationen ISS oder Tiangong. Beide leuchten besonders hell und sind so schnell, dass sie in drei Minuten den Horizont durchquert haben. Wie die Venus sind sie kurz nach Sonnenuntergang oder kurz vor Sonnenaufgang sichtbar. Zu diesem Zeitpunkt steht die Sonne aus Sicht der Raumstationen noch in rund 400 Kilometer Höhe über dem Horizont und beleuchtet sie, während es am Boden bereits dunkel ist.
Was sonst noch leuchten könnte, sind Satelliten wie die von Starlink. Nach dem Raketenstart sind sie oft wie eine fliegende Perlenkette aus mehreren gleich hellen Punkten hintereinander am Himmel zu sehen. Nach einigen Wochen bis Monaten verteilen sie sich auf ihre endgültigen Umlaufbahnen und sind dann nur noch einzeln sichtbar.
Zeit zum Träumen
Sie erkennen kein schimmerndes Band, kein einziges Sternbild und erst recht keinen Planeten? Auch gut! Viel interessanter ist sowieso dieses unendliche Nichts, das nur von ein paar Punkten unterbrochen wird und das wir weder mit unseren Augen, noch mit unserem Verstand durchdringen können.
Unvorstellbar ist die Tatsache, dass am Firmament alles Vergangenheit ist. Jedes Licht, das wir dort oben sehen, hat Hunderte oder Tausende Jahre gebraucht, um die Erde zu erreichen. Ja, das Licht ist unvorstellbar schnell. Doch der Raum, den es hinter sich lassen muss, ist noch viel unvorstellbar größer. Sollte uns jemand da draußen sehen können, dann wäre auch unser Licht lange unterwegs gewesen. Mit seinem Wolken durchdringenden Superteleskop würde dieser Jemand sehen, wie wir Könige köpfen, Magierinnen verbrennen oder in Höhlen wohnen. Kein Grund jedenfalls, uns einen Besuch abstatten zu wollen.
Auch die absurde Vielfalt, die sich hinter den funkelnden Leuchtpunkten verbirgt, ist unvorstellbar. Diese kleinen unscheinbaren Sterne sind allesamt Sonnen. Seit einigen Jahren wissen wir: Im Durchschnitt wird jeder Stern von einem Planeten umkreist. Viele Sonnen haben keine Planeten, andere Sonnen heben den Schnitt mit mehreren.
Unter ihnen befinden sich riesige Gasplaneten, die ihre Sonne so eng umkreisen, dass sie nur wenige Tage für einen Umlauf benötigen und Temperaturen von mehreren Tausend Grad erreichen. Außerdem wurden aufgeblähte „Puffplaneten“ entdeckt, die eine so geringe Dichte haben, dass sie auf unseren Ozeanen schwimmen würden. Und einsame Planeten, die ohne eine Sonne zu umkreisen einfach durchs All vagabundieren.
In all dieser Unvorstellbarkeit ist das Unwahrscheinliche gar nicht mehr so unwahrscheinlich. Und plötzlich wiegen die ganzen Sorgen, die uns sonst so viel Kummer auf dieser kleinen blauen Kugel bereiten, gar nicht mehr so schwer.
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