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WM in New YorkStadion und Hölle trennen nur zwölf Kilometer

Im Schatten der WM droht das berüchtigte ICE-Lager Delaney Hall in Vergessenheit zu geraten. Ein paar Menschen kämpfen Tag und Nacht dagegen an.

Sebastian Moll

Aus New York

Sebastian Moll

Keine zehn Kilometer Luftlinie von den glitzernden Wolkenkratzern des unteren Manhattan entfernt liegt in den Sümpfen von New Jersey eine postindustrielle Höllenlandschaft. Eingezwängt vom New Yorker Containerhafen und der achtspurigen Interstate 95 breitet sich eine faulig stinkende Industriebrache aus. Die Doremus Avenue, die hier durchführt, wird gesäumt von Lagerhallen und Schrottplätzen, auf der anderen Seite rattern kilometerlange Güterzüge mit toxischen Abfällen vorbei. Am Ende liegt rechter Hand das finster dräuende Essex County Gefängnis, das für Misshandlungen, Überfüllung, Todesfälle und katastrophale sanitäre Zustände berüchtigt ist.

Es verschlägt niemanden hierher, der keinen triftigen Grund hat. Wie etwa die eine kleine Gruppe von Frauen und Kindern lateinamerikanischer Abstammung, die sich am späten Nachmittag vor dem Nachbargebäude des Gefängnisses, einem grauen mit Stacheldraht umzäunten Betonkoloss, versammelt. Sie hoffen darauf, ihre Angehörigen besuchen zu dürfen, die sie hinter diesen Zäunen vermuten, wo die Deportationspolizei der Trump-Regierung vor einem Jahr ein Sammellager eingerichtet hat.

Ein kleiner Junge, der mit seiner Mutter und seiner Schwester gekommen ist, trägt ein grün-rotes Mexiko-Trikot. Es ist das Einzige, das hier an die Fußball-WM erinnert, die wiederum nur zwölf Kilometer nördlich im Meadowlands-Stadion ausgetragen wird. Wäre die Sicht nicht durch Industriebauten verstellt, könnte man von hier aus die Scheinwerfer des Stadions sehen.

Noch vor wenigen Wochen, bevor der Fußball die gesamte öffentliche Aufmerksamkeit verschluckte, standen tage- und nächtelang Kamerateams vor dem „Delaney Hall“ genannten Bau, der wie eine Lagerhalle aussieht – einer ehemaligen Übergangsunterkunft für entlassene Häftlinge, die ihnen bei der Wiedereingliederung helfen sollte. Anlass war der erste Protest gegen die Grausamkeit der Einwanderungs- und Zollbehörde ICE, der von den Opfern der Truppe selbst kam.

Psychische und körperliche Folter

Nachrichten waren nach außen gedrungen, dass die von ICE entführten Insassen der Delaney Hall wegen der unmenschlichen Zustände in der privat geführten Verwahrungsanstalt in einen Hunger- und Arbeitsstreik getreten seien. Das Essen sei verdorben und unzumutbar, die medizinische Versorgung unzureichend bis nicht vorhanden. Übergriffe durch die Beamten und Angestellten der Betreiberfirma des Lagers seien an der Tagesordnung. Kontakt zur Außenwelt und Zugang zu Rechtsbeistand seien bestenfalls sporadisch und werde nur willkürlich erteilt. In einem offenen Brief war von psychischer und körperlicher Folter gesprochen worden.

Bereits Mitte 2025 hatten eine Kongressabgeordnete aus New Jersey, LaMonica McIver, und der Bürgermeister der Stadt Newark, Ras Baraka, versucht, sich zu der Einrichtung Zugang zu verschaffen, um sich einen Eindruck von den Zuständen zu machen. Sie wurden abgewiesen, Baraka entfernten Beamten gewaltsam. Während des Versuchs, die Abführung von Baraka zu verhindern wurde McIver verhaftet. Das US-Justizministerium hat sie nun wegen der Behinderung von Amtsträgern verklagt. Ihr droht eine Freiheitsstrafe von acht Jahren.

In diesem Mai, nach Beginn des Hungerstreiks, eskalierte dann die Lage vor der Delaney Hall. Täglich kamen mehr Demonstranten, um sich mit den Häftlingen zu solidarisieren. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit ICE und zu Massenverhaftungen. Tränengaswolken wehten über die Doremus Avenue. Von Gummimunition getroffene Demonstranten wurden mit Krankenwagen abtransportiert. Delaney Hall wurde zur vordersten Front des Widerstands gegen ICE in den USA.

Zerschlagung des Hungerstreiks

Um kurz nach sieben geschieht dann ein Wunder. Das Schiebetor öffnet sich und vier Männer treten auf die Straße

Seit Ende Juni ist es jetzt ruhig geworden an der Doremus Avenue. Der Hungerstreik ist angeblich vorbei. Laut Berichten von Insassen habe der Streik jedoch nicht aufgehört, weil sich die Bedingungen gebessert hätten. Vielmehr seien die Anführer der Proteste in andere Lager verlegt oder in Einzelhaft gesteckt worden. Einige wurden verprügelt oder mit Pfefferspray attackiert. Auch Berichte von Verbrühungen in zu heißen Duschen drangen nach außen.

Zwei Tage nach dem begeisternden Sieg der norwegischen Fußballer gegen Brasilien, einen Steinwurf von hier entfernt, ist von den Protesten vor der Delaney Hall jedoch nur noch ein kümmerlicher Rest geblieben. 50 Meter neben dem Haupteingang beklebt ein Mittdreißiger in Lederjacke ein improvisiertes Zelt mit der Aufschrift „Fuck ICE“.

Der bärtige Mann mit Pferdeschwanz, der einfach nur Batcher genannt werden will, sagt, er werde hier bleiben, rund um die Uhr, weil es ja nicht sein dürfe, dass Delaney Hall einfach in Vergessenheit gerät. Er werde über Netzwerke berichten, wenn es Abtransporte gibt oder nächtliche Entlassungen, oder wenn Krankenwagen Insassen abholen. „Ich könnte nicht mit mir leben, wenn ich nichts täte“, sagt er.

Hilfe für Entlassene und Angehörige

Auf der anderen Seite des Eingangs hat eine andere kleine Gruppe ein Zelt aufgebaut. Schwester Susan, eine katholische Nonne, organisiert hier die Arbeit, die darin besteht, frisch Entlassenen und Be­su­cher:n­nen beizustehen. „Manchmal werden sie mittellos mitten in der Nacht auf die Straße gesetzt“, erzählt sie. Viele kämen aus anderen Landesteilen und wüssten überhaupt nicht, wo sie sind. Sie organisiert Kleidung und Transport und nennt ihnen Anlaufstellen.

Am Schiebetor wartet das Grüppchen Angehöriger geduldig darauf, dass eine Wachfrau der Betreiberfirma mit Nachrichten über ihre entführten Familienmitglieder wieder aus dem Bau herauskommt. Eine mexikanische Frau, deren Neffe seit Wochen vermisst wird, hat dessen Fallnummer recherchiert und über Listen des Department of Homeland Security erfahren, dass er hier gelandet sein soll. Es ist das dritte Mal in dieser Woche, dass sie hierherkommt und hofft, etwas Genaueres zu erfahren. Doch von dem guten Dutzend an Angehörigen wird gerade einmal eine Handvoll eingelassen. Sie gehört nicht dazu und trottet mit den anderen Abgewiesenen traurig und weiter in Ungewissheit wieder zur Bushaltestelle.

Um kurz nach sieben geschieht dann ein Wunder. Das Schiebetor öffnet sich und vier Männer treten auf die Straße, ihre Habseligkeiten in Plastiktüten unter dem Arm. Einer hat eine Bibel auf Spanisch in der Hand. Mit einem Mal brechen die ganzen angestauten Leiden der vergangenen Wochen aus ihnen heraus. Zwei brechen auf dem Asphalt zusammen und fangen herzzerreißend an zu schluchzen.

Wochenlang in Ungewissheit

Als sich der jüngere von ihnen, der sich als Alex vorstellt, einigermaßen berappelt hat, spricht er die freiwilligen Helfer an. Sie rufen seine Frau an, in einer halben Stunde kommt sie, um ihn abzuholen. Rund sechs Wochen sei er dort drinnen gewesen, zu den Zuständen kann er nur sagen, sie seien „grauenhaft“. Bis heute habe er nicht gewusst, wie lange er dort bleiben müsse und was mit ihm geschehe. Alex ist Kolumbianer, er hatte ordnungsgemäß einen Asylantrag gestellt. Trotzdem hatten die ICE-Beamten eines Tages an seiner Tür gestanden und ihn ohne Vorwarnung mitgenommen. Einfach so.

Alex und seine vier Mitinsassen bekommen nun immerhin einen Aufschub. Sie können nach Hause zu ihren Familien, Luft holen, die nächsten Schritte überlegen. Vielleicht sogar ein Fußballspiel anschauen.

Dass es die WM auch noch gibt, rückt erst im Bus auf dem Weg zum Bahnhof von Newark so langsam wieder ins Bewusstsein. Die Fahrt durch die heruntergekommenen Außenbezirke der Stadt geht an Bodegas vorbei, die mit „Todos los Juegos de la Copa del Mundo“ werben. Am Bahnhof hängen große Schilder zu den Pendelbussen ins Stadion. Beim Ausstieg in Manhattan nach der kurzen Zugfahrt unter dem Hudson durch weisen Digitaldisplays die Pendler darauf hin, dass es wegen der WM zu Verzögerungen kommen könne. Im Einkaufszentrum am World Trade Center hängen große WM-Werbeposter mit Ronaldo, Mbappe, Kane und Haaland.

Es wirkt absurd nach dem Abtauchen in diese Parallelwelt vor der Tür. Aber letztlich erinnert es auch nur an die Absurdität des Lebens in den USA von Donald Trump insgesamt. Hier die vermeintliche Normalität, drei Schritte weiter der Zivilisationsbruch und ein Leid, das wir kaum erahnen können.

Von den Stadien hat sich die Trumpsche Barbarei bislang fern gehalten. Es gab keine Verhaftungen während der Spiele oder auf dem Weg dahin. Es gab lediglich die Schikanen gegen das iranische Team und gegen haitianische Spieler. Und es gab Trumps Einmischung in Sportangelegenheiten auf höchster Ebene.

Weit weniger publik wurde jedoch, dass ICE erst in der vergangenen Woche wieder massiv landesweit ihre Aktivitäten verstärkt hat. Still, ohne große Ankündigungen und weit weniger sichtbar als vormals in Minneapolis oder Los Angeles. 10.000 Verhaftungen mehr als sonst in nur fünf Tagen.

Am Meadowlands-Stadion hat man davon nichts mitbekommen. Nur wer aufgepasst hat, hat auf der Fahrt dorthin während der Vorrundenspiele ein paar Banner auf Autobahnbrücken sehen können, die die Schließung von Delaney Hall fordern. Vielleicht werden diese auch am Finaltag in New Jersey in einer Woche wehen. Den Fußballspaß der Massen werden sie jedoch wohl nicht trüben.

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1 Kommentar

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  • Zivilisationsbruch ist das passende Wort für das, was gerade auf die westliche Welt zurollt.