Forscher über NS-Zeit in Osnabrück: „Die Geschichte musste erst wachgeküsst werden“
Historiker Željko Dragić sucht weltweit nach Nachkommen der Inhaftierten eines Osnabrücker Kriegsgefangenenlagers. Heute öffnen ihm viele ihre Türen.
taz: Herr Dragić, Sie forschen zum Osnabrücker NS-Kriegsgefangenenlager Oflag VI C und dafür suchen Sie nach Nachkommen der Inhaftierten. Wie sehr arbeitet die Zeit gegen Sie?
Željko Dragić: Sehr schnell. Ich arbeite seit 2016 zum Oflag VI C, vorher war nicht viel darüber bekannt. Ein Problem dabei: Schon die zweite und dritte Generation der Nachkommen weiß oft gar nicht mehr, dass ihre Groß- oder Urgroßväter in diesem Lager waren.
taz: Was für ein Lager war das?
Dragić: Es entstand Anfang der 1930er, für deutsche Gegner des NS-Regimes. Danach waren hier französische und niederländische Kriegsgefangene untergebracht, und ab Mitte 1941 Offiziere des Königreichs Jugoslawien, insgesamt 6.500, in der Mehrzahl Serben, aber auch Slowenen, Tschechen, Kroaten. 649 von ihnen waren Juden, und nach der Genfer Konvention durften sie ihren Glauben hier auch ausleben – in einem Land, das sich als judenfrei verstand.
48, ist Historiker und erforscht seit 2016 die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers Oflag VI C in Osnabrück. Er hat an der Leibniz Universität Hannover den Magister abgeschlossen und an der Universität Wien promoviert. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die weltweite Suche nach den Nachkommen der ehemaligen Kriegsgefangenen sowie die Dokumentation ihrer Familiengeschichten. Derzeit arbeitet er an einem internationalen Buchprojekt und dem Aufbau eines digitalen Archivs zur Geschichte des Lagers.
taz: Zwei Baracken des Lagers existieren noch. In Baracke 35, einer Wehrmachtswachunterkunft, ist seit 2021 eine Ausstellung zur Lagergeschichte zu sehen, die Sie kuratiert haben. Auch hier kämpfen Sie gegen das Vergessen.
Dragić: Genau. Im Mittelpunkt steht derzeit aber die Suche nach Zeitzeugen. Die meisten der 56, die ich bisher gefunden habe, stammen aus Serbien, den USA, Israel und Kanada. Nur sechs leben in Deutschland. Es gilt, hier gezielt zu suchen.
taz: Gibt es noch Überlebende des Lagers?
Dragić: Der Letzte, von dem ich weiß, ist vor rund 15 Jahren verstorben.
taz: Durch den Wegfall der Geschichtsvermittlung durch Überlebende ist die Bewahrung der Authentizität historischer Orte doppelt wichtig geworden. Hat Baracke 35 eine Zukunft?
Dragić: Das hängt davon ab, was die Stadt Osnabrück aus ihr macht. Ein Teil von ihr könnte als Museum dienen, der Rest als Begegnungsstätte. Aber allein die Sanierungskosten werden auf über eine Million Euro geschätzt. Wenigstens steht sie unter Denkmalschutz.
taz: Auf Ihrer Suche nach Nachkommen ehemaliger Kriegsgefangener reisen Sie Ende Juli in die USA, nach Chicago, auch nach Milwaukee. Wie läuft sowas ab?
Dragić: Viel dabei ist überraschend, ist Mundpropaganda. Oft öffnet eine Tür die nächste. Der Anfang war wirklich schwer. Als ich 2019 erstmals in den USA war, kam ich mit leeren Händen zurück. Niemand konnte oder wollte mir helfen, weil niemand wusste, wer ich war. Die serbisch-orthodoxe Kirche hat mich dann unterstützt, die israelische Botschaft aus Belgrad. Die Geschichte musste erst wachgeküsst werden. Heute öffnen mir viele Menschen ihre Türen, und was sie mir erzählen, ist wirklich bewegend. Ich bin kein Melancholiker, aber oft habe ich dabei Tränen in den Augen.
taz: Da ist sicher viel Vertrauensarbeit zu leisten?
Dragić: Natürlich. Aber viele Menschen sind dankbar und glücklich, dass sie mit jemandem über dieses Thema sprechen können, über das in ihrer Familie so lange geschwiegen wurde. Viele Inhaftierte wollten diese Zeit vergessen, wollten ihren Kindern das Leid, das sie erlebt hatten, nicht weitergeben. Heute ist viel Offenheit zu spüren. Wenn ich in den USA bin, wohne ich nicht in einem Hotel, ich wohne bei Familien, deren Vorfahren das Lager erlebt haben.
taz: Wie hat das alles angefangen?
Dragić: Mit Ebay-Kleinanzeigen, 2017. Da habe ich die erste Kriegsgefangenenpost gekauft. Damals war mir nicht bewusst, wie viel dieser Post noch existiert. Mittlerweile habe ich 500 Briefe dokumentiert.
taz: Was ist das Ziel dieses Archivs?
Dragić: Es zeigt, wie verflochten die Nationalitäten miteinander sind, dass Europa ein Ort gegenseitigen Verstehens ist. Viele Mischehen zeugen davon, auch mit deutschen Müttern und serbischen Vätern.
taz: Geben Sie uns ein Beispiel?
Dragić: Da ist Branislav Popadić. Seinen Sohn Mirko habe ich bereits zweimal besucht. Popadić war Serbe. Im April 1941 erlebt er die Zerstörung Belgrads durch die deutsche Luftwaffe. In Osnabrück verbringt er vier Jahre in Gefangenschaft, unter harten Bedingungen. 1949 lernt er in Hamburg seine spätere Frau Lieselotte kennen, später wandert die Familie in die USA aus. Seine Geschichte ist eine Erinnerung an Mut, Widerstandskraft und die Hoffnung, selbst in den dunkelsten Zeiten eine neue Zukunft aufzubauen.
taz: Wer finanziert Ihre Arbeit?
Dragić: Ich mache das ehrenamtlich. Was ich von diesen Familien bekomme, ist unbezahlbar.
taz: Wie geben Sie Ihre Erkenntnisse weiter?
Dragić: Durch Broschüren, Bücher, über die sozialen Medien. Im Moment planen wir eine Internetseite, die jede Lebensgeschichte vorstellt, mit allen Dokumenten.
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