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AfD-Parteitag in ErfurtWeidel-Lager regiert durch

Die AfD erlebt einen Triumphzug von Alice Weidel und öffnet sich noch weiter für Rechtsextremisten. Auch Höcke macht einige Punkte.

Vor der Eröffnung des Parteitags betritt Ulrich Siegmund mit federnden Schritten das Foyer der Messe Erfurt. Bevor er die große Messehalle mit 600 Delegierten betritt, dreht er jedoch noch kurz ab, um eine wichtige Hand zu schütteln. Es ist die des neurechten Ideologen Götz Kubitschek, der hier in Tweed-Jackett steht und vor Journalisten darüber doziert, warum die AfD an der Macht gar nicht so viel ändern könne und überhaupt die Aufregung über eine mögliche AfD-Alleinregierung ja übertrieben sei.

Wie bestellt kommt Siegmund, der im Wahlkampf wie die personifizierte Verharmlosung auftritt, grinsend ins Gespräch. Kubitschek begrüßt er wie einem Freund, den er ein paar Tage nicht gesehen habe, klopft ihm auf die Schulter und schüttelt ihm etwas überschwänglich die Hand. Während Siegmund sich mit allzu völkischen Parolen im Wahlkampf zurückhält, verlegt Kubitschek, selbst nicht AfD-Mitglied, in seinem Verlag Antaios seit Jahr und Tag Revolutionsanleitungen und Pamphlete zum Staatsumbau. Auch vertrieb er dort das verfassungsfeindliche Remigrationskonzept des Rechtsextremisten Martin Sellner. Siegmund zeigt demonstrativ Einigkeit. Man kennt und schätzt sich. Das zieht sich an diesem 17. Bundesparteitag durch.

Ein paar Stunden später bringt Parteichefin Alice Weidel den Saal zum Kochen. Vor dem Parteitag war mit Spannung erwartet worden, wer das bessere Ergebnis der wiedergewählten Doppelspitze bekommt, sie – oder ihr Co-Vorsitzender Tino Chrupalla. Hinter den Kulissen belauerten sich die Lager seit Wochen. Die Antwort auf die Machtfrage gibt Weidel bereits mit ihrer Rede.

Nach einer eher mauen Rede von Chrupalla, die nach Kalendersprüchen und KI-Bausteinen klingt, heizt Weidel regelrecht ein: Sie liest Bundeskanzler Friedrich Merz die Leviten nach dessen missglückten Social-Media-Lob für die Nationalmannschaft nach dem WM-Aus. „Der Bundeskanzler lebt in seiner eigenen Realität!“, ruft Weidel. Als Vivaldi der Regierungschefs kündige Merz alle vier Jahreszeiten Reformen an und veranstalte dann nur Streichkonzerte. Gestrichen werde aber nicht die „Massenmigration, stattdessen Attestpflicht am ersten Arbeitstag! Mehr kann man seine Missachtung nicht ausdrücken!“, schimpft Weidel.

Der Weidelwahlverein

Vor allem Rassismus bringt die Delegierten in Wallung: Weidel wolle Sozialleistungen für Ausländer streichen – „Grenzen schließen, Straftäter und Illegale haben innerhalb von Deutschland nichts mehr verloren“, ruft sie. Danach stehen die Delegierten auf, johlen und applaudieren. Weidel bekommt letztlich über zehn Prozent mehr als Chrupalla. Mit 81,3 Prozent, also über zehn Prozent mehr als Chrupalla. Es war ein deutlicher Punktsieg für Weidel gegen das Lager ihres Co-Vorsitzenden, der nur 70,5 Prozent bekommt und sogar 168 Nein-Stimmen kassiert.

Unterstützt wird Weidel von einem Netzwerk um den Abgeordneten Sebastian Münzenmaier, für das Motto gilt: professionell, aber radikal. An diesem Tag regieren Sie regelrecht durch, eine vorher ausgekungelte Liste wird fast im Stile einer „Altpartei“ durchgewählt. Fast könnte man den Parteitag Weidelwahlverein nennen: Alle Kandidaten ihres Lagers gehen letztlich durchs Ziel: Sven Trischler aus NRW, Dennis Hohloch aus Brandenburg oder Alexander Jungbluth aus Rheinland-Pfalz.

Knapp wurde es nur einmal: Bei der Kampfkandidatur von Hannes Gnauck aus Brandenburg, der Schatzmeister werden wollte. Gnauck sagt gerne mal, dass „Deutschland größer als die BRD“ sei, und stellte sich hier als „echter Preuße“ vor. Der amtierende Schatzmeister Carsten Hütter aus Sachsen wehrte sich nach Kräften, hielt eine rührige Rede, in der er seine Verdienste für die extrem rechte Partei auflistete. Hütter sagte: „Hören sie nicht auf diese Netzwerke und Einflüsterer, vertrauen sie auf ihr Gefühl.“ Es half nichts: Nach zwei Pattsituationen im ersten und zweiten Wahlgang, gewann schließlich Gnauck knapp.

Chrupalla hat ein Problem

Das Nachsehen hatten Altgediente: Kay Gottschalk unterlag in einer Kampfkandidatur. Und auch Beatrix von Storch und Stephan Brandner kniffen am Ende. Sie hatten kurz vor dem Parteitag noch mit Kandidaturen geliebäugelt, wollten sich die absehbare Niederlage aber sparen. Gleiches gilt für Peter Boehringer, ein Kandidat, den Tino Chrupalla unbedingt wollte, der aber gar nicht erst antrat.

Ein Problem ist das vor allem für Chrupalla, dessen Zukunft in den Sternen steht. Denn Weidel soll in zwei Jahren als Einzelspitze mit Generalsekretär antreten – so jedenfalls planen es die Strippenzieher. Für Chrupalla ist in dieser Konstellation kein Platz mehr. Als offenes Geheimnis gilt, dass er deswegen mit einer Spitzenkandidatur bei der Landtagswahl in Sachsen 2029 liebäugelt. Allerdings steht ihm in Sachsen dann der nächste komplizierte Machtkampf bevor.

Ein deutlicher Gewinner hingegen heißt Björn Höcke: Er installierte nicht nur seine rechte Hand, seinen langjährigen Co-Landeschef Stefan Möller, als Vize-Parteichef, sondern bekam sogar noch einen Bonus: Die ebenfalls als Höcke-Vertraute geltende Katrin Ebner-Steiner aus Bayern kandidierte ebenfalls erfolgreich als Vize-Chefin.

Ein weiterer Höcke-Sieg war das Aufweichen der Unvereinbarkeitsliste. Der von ihm unterstützte Antrag kam zwar nicht auf die Tagesordnung, aber Weidel räumte den Konflikt ab, indem sie den Antrag einfach übernahm: „Die Antragssteller haben zugegebenermaßen einen Punkt“, sagte Weidel. Der Bundesvorstand werde innerhalb eines Jahres die Unvereinbarkeitsliste überarbeiten, versprach sie. „Ich wäre froh, wenn wir das da machen und nicht auf dem Bundesparteitag diskutieren.“ Höcke kann damit leben, die Antragssteller stimmten zu: Die Grenzen zum offenen Rechtsextremismus dürften damit noch fließender werden.

Das ließ auch Siegmund durchblicken: Der schlug später noch seinen Landesvorsitzenden Martin Reichhardt als Beisitzer für den Bundesvorstand vor und demonstrierte auch hier wieder Einigkeit. Die Welt kürzlich über ein Foto berichtet, dass Reichardt offenbar bei einem Hitlergruß zeigt. Der ehemalige Republikaner hatte sich mit einer erstaunlichen Erklärung herausgeredet: Dass er angeblich einen Ritterschlag erteilt habe. Nun schlägt Siegmund ihn als „edlen Ritter“ für den Bundesvorstand vor. Zur Belohnung wird mit 84,9 Prozent gewählt, dem bis dahin besten Ergebnis.

Subversive Blockflöten-Aktion

Nachdem die Blockaden gegen den Parteitag ins Leere liefen, sorgte im Saal immerhin noch eine subversive Aktion für Aufsehen: Während Höckes rechte Hand, Stefan Möller, als Partei-Vize-Chef kandidiert, ertönt aus dem Inneren der Halle plötzlich eine Melodie: der „Imperial March“ aus Star Wars. Es ist die Melodie, die ertönt, wenn Darth Vader das Bild betritt. Nur schief gespielt auf einer Blockflöte. Irgendjemand muss in der Halle mehrere Bluetooth-Boxen versteckt haben. Zu diesem Soundtrack gab sich Möller auf der Bühne alle Mühe, sich zu verharmlosen. Die Presse erzeuge ein falsches Bild, wenn sie ihm unterstelle, dass er den „Thüringer Weg“ auch bundesweit erzwingen wolle, nämlich: „keine Mäßigung, keine Koalition, keinen Kompromiss“.

Als er das sagt, bekommt er Szenenapplaus aus der Thüringer Ecke. Den wollte er aber gar nicht. Danach erklärt er, dass er gar nicht mehr für „alle müssen raus“ sei wie noch 2015 bis 2017. Er sei zwar kein guter Redner, aber er kenne sich mit Strategie und dem Recht aus, sagt der Jurist. Die Netzwerker innerhalb der Partei unterstützen auch ihn, seine Kandidatur ist langfristig abgesprochen. Höckes rechte Hand wird mit 76 Prozent zum Vize-Chef gewählt. Dann ertönt wieder der Blockflöten-Imperial-March.

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