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Dichtung und Wahrheit

Ingeborg Bachmann nahm in ihrem Schreiben stets die Gewalt in der Sprache in den Blick. Wo stand die Dichterin politisch?

Von Julia Hubernagel

Ingeborg Bachmann ist vieles anzulasten, aber zuvorderst vielleicht dies: dass sie die Liebe ernst nahm. Dass sie auch alles andere ernst nahm, gerät darüber mitunter in Vergessenheit. Die Wahrheit, die „dem Menschen zumutbar“ ist, nimmt in ihrem Denken einen festen Platz ein. „Was wahr ist“, sucht sie in ihrem gleichnamigen Gedicht zu bestimmen. Wahrhaftigkeit ist für Bachmann Gütesiegel erster Ordnung. Über die von ihr verehrte Philosophin Simone Weil urteilte sie so einmal, die Mystikerin sei von „tödlichem Ernst“ und „durch und durch wahrhaftig“. Einen leichten Stand habe Weil allerdings nicht, sei sie äußerlich doch „nicht anziehend“.

Und anziehend hatte man zu sein, um als Frau Erfolg zu haben, dessen war sich Ingeborg Bachmann wohl bewusst. Nur zu gern sprach man über Aussehen und Auftreten „der Bachmann“, auch wäre ihre Lebensgeschichte ohne ihre Liebesbeziehungen nur halb so oft und halb so genüsslich erzählt worden. Dass gerade diese Männergeschichten das Bild der zarten Poetin zementierten, ist durchaus paradox. Als Frau, im Licht der nachkriegsdeutschen (und -österreichischen) Öffentlichkeit stehend, konnte man freier als Ingeborg Bachmann, allein, nomadisch und mit wenig Geld, eigentlich kaum leben. Einsam musste es dort jedoch auch sein, an vorderster Front, was nicht selten tiefstes Unglück beschwor, wie man aus Tagebuchaufzeichnungen und Briefen Bachmanns weiß.

Freiheit und Unglück, Selbstbewusstsein und Grazie, sie verschwinden leicht, die verschiedenen Färbungen eines Lebens, hinter dem Bild einer Autorin im Blitzlichtgewitter. In einem Interview, zu Bachmann befragt, sagte einmal Elfriede Jelinek, für alle Künstlerinnen gelte eigentlich das Gleiche: Eine Frau, die sich in die Domäne der Kunstproduktion wage, müsse sich ein männliches Ich zulegen, das sie jedoch mit ihrem sinnlichen, weiblichen Ich nicht in Übereinstimmung bringen könne.

Ganz praktisch legte sich Ingeborg Bachmann in ihren Erzählungen häufig ein männliches Ich zu, etwa in „Das dreißigste Jahr“. Auch hier verweist die Literaturgeschichtsschreibung gern auf biografische ­Parallelen, befand sich Bachmann doch wie ihr Protagonist kurz vor Eintritt in ein neues Lebensjahrzehnt. Um Fragen der Eitel- wie Vergänglichkeit geht es nicht in der Hauptsache, vielmehr sieht sich Bachmanns Erzähler damit konfrontiert, mit der Jugend auch seine Wachsamkeit hinter sich zu lassen, so zu werden wie alle und seinen Widerstand gegen die „Gaunersprache“ und ihre vermeintlichen Wahrheiten aufzugeben. Die Arbeitswelt verwandelt den Einzelnen in einen Gauner; oder in einen Gaunergehilfen.

Auch wenn es bei Bachmann oftmals um Spielarten der Liebe geht, umkreist ihr Schreiben doch vor allem deren Gegenteil; die Gewalt, die in den Sätzen steckt. Denn auch das Heim bedient sich der Gaunersprache. So zu werden wie alle, das bedeutet den Rückzug in die Kleinfamilie, in der – Bachmann hat ihren Adorno und Horkheimer gelesen – die Gewalt produziert wird, die sich in außerhäuslichem Grauen wie dem Nationalso­zia­lismus Bahn brechen kann. In der Erzählung „Alles“ sieht ein Vater jene Gewaltspirale voraus. Nichts will der von seinem Kind, außer dass es ihm zeige, „mit einer einzigen Geste, dass er nicht unsere Gesten nachvollziehen musste“. Es ist selbstredend vergebens, auch dieser Sohn wird irgendwann durch Hass „zum Menschen geschlagen“.

Ingeborg Bachmann war nie Mutter, aber ihr Leben lang Tochter. Dass ihr Vater 1932 der österreichischen Schwesterpartei der NSDAP beitrat, darüber hat sie stets geschwiegen. Laut Andrea Stoll, die in diesem Jahr eine neue Bachmann-Biografie vorgelegt hat, sollte ihr Vater seine frühere Überzeugung bereuen, er griff auch nicht ein, als Ingeborg Bachmann nach dem Krieg eine Beziehung mit einem jüdischen, britischen Besatzungssoldaten unterhielt.

Es ist selbstredend vergebens, auch der Sohn wird durch Hass zum Menschen geschlagen

Was die damals noch jugendliche Bachmann von den Na­tio­nalsozialisten hielt, ist in ihrem Kriegstagebuch nachzulesen. 18-jährig verblieb sie ohne Eltern und Geschwister in Klagenfurt, um ihren Schulabschluss zu machen. Die Kriegserfahrungen, tägliche Bombenangriffe in einem eisigen Winter, sollten prägend für sie sein. Bachmann war gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands, sie unterschrieb, wie Ina ­Hartwig in der „Biografie in Bruchstücken“ aufzeigt, Peti­tio­nen etwa gegen den Vietnamkrieg und für das Recht auf Ungehorsam im Algerienkrieg. Gemessen an parteipolitischen Maßstäben ist Bachmann nicht unbedingt beizukommen. Ja, sie unterstützte den späteren SPD-Bundeskanzler Willy Brandt im Wahlkampf 1965, und ja, sie war tatsächlich mit dem jungen Henry Kissinger befreundet, der die damals noch bei einem amerikanischen Radiosender in Wien tätige Bachmann zur ­Harvard ­Summer School in die USA einlud, lange bevor er einmal Außenminister unter ­Richard Nixon werden sollte.

Ingeborg Bachmann war mitnichten Kommunistin, aber sie ließ sich auch nie ins Netz der An­ti­kom­mu­nist:in­nen einspinnen. Nur, sie, die vor allem für ihre Gedichte über die Liebe bekannt geworden ist, unpolitisch zu nennen, täte ihr unrecht. In ihren Frankfurter Poetikvorlesungen tritt sie dafür ein, den Dichter als Ganzes zu nehmen; Rilke mit seiner Weltanschauung, Brecht mit seinem Kommunismus. Die neue Sprache, um die es ihr geht, „das Auftreten eines wirklichen Dichters“, schreibt sie, „wird zu erkennen sein an einer neuen gesamten Definition“, an dem Vortrag „eines unausweichlichen Denkens“. Wenn die Gesellschaft sich der Dichtung entziehe, wo ein „­unbequemer, verändernwollender Geist in ihr ist“, so käme das einer Bankrotterklärung gleich.

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