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Der Beginn der NégritudeEin Raum für Schwarzes Leben

Im Paris der 1920er brachte Paulette Nardal Schwarze Intellektuelle zusammen. Sie verhandelten ein neues Schwarzes Selbstbewusstsein.

M anchmal bläht ein Raum sich auf in Dimensionen, die die Wände um ihn herum nicht mehr fassen können. Weil ihn Gedanken, Gedichte, Ideen erfüllen. Und manchmal entsteht daraus etwas ganz Neues. Die Wohnung von Paulette Nardal und ihren Schwestern in der Rue Hébert im Stadtteil Clamart in Paris war so ein Ort.

Geboren in Martinique kommt Paulette Nardal im Jahr 1920 in die französische Hauptstadt, um an der Sorbonne Englisch zu studieren. An der Universität waren sie und ihre Schwester die ersten Schwarzen Studentinnen. Zu der Zeit stellte Nardal fest, dass Schwarzen, aber vor allem Schwarzen Frauen, ein Raum fehlte, um sich auszutauschen und zu vernetzen. Also öffneten sie und ihre Schwestern ihre eigene Wohnung, in die trotz feministischer Motivation mehr Männer als Frauen ein und aus gingen.

Im Salon Nardal trafen sich Schwarze Dichtende, Journalist*innen, Ak­ti­vis­t*in­nen und Musiker*innen. Sie kamen aus den französischen Kolonien in Afrika und der Karibik sowie den USA, wo sich zur gleichen Zeit in New York eine künstlerische Bewegung von Afro­ame­ri­ka­ne­r*in­nen geformt hat: die Harlem Renaissance.

Durch ihre Bilingualität bringt Paulette Nardal diese Welten zusammen. Gemeinsam lesen, schreiben und musizieren sie im Salon auf Französisch und Englisch und vereinen so ihre widerständigen Ideen. Unter den Gästen sind auch Léopold Sédar Senghor, der später der erste Präsident des unabhängigen Senegals werden sollte, der in Guyana geborene Dichter Léon-Gontran Dams sowie Aimé Césaire, der seinerseits aus Martinique kommt.

Sie gelten als Begründer der literarisch-philosophischen und politischen Bewegung der Négritude, für die Paulette Nardal mit ihrem Salon das Grundgerüst aufgebaut hat. Zusammen mit der Harlem Renaissance beflügelt die Strömung ein neues Schwarzes Selbstbewusstsein, das über Generationen wirken wird.

Paulette Nardal kämpfte dafür, dass Schwarze stolz auf ihre Herkunft sein können.

Stolz darauf Schwarz zu sein

Statt dem kolonialen Assimilierungsdruck zu folgen, schafft Nardal Raum für eine eigene, Schwarze Identität. Die stand im Zentrum der Négritude, die sich als Gegenbewegung zum Eurozentrismus versteht. Warum sich an ein Europa anpassen, dass nur sich selbst als kulturell wertvoll betrachtete und Schwarzen Menschen absprach überhaupt eine eigene Kultur zu haben oder diese als unzivilisiert und wertlos betrachtete? So betonten später die Gedichte und Essays die Eigenständigkeit und Gleichrangigkeit Schwarzer Kultur.

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Übrigens: Négritude entlehnt sich vom französischen Pendant des N-Worts. Es in den Namen zu inkludieren, sollte damals ein Mittel zur Selbstermächtigung sein.

Paulette Nardal kämpfte ausdrücklich dafür, dass Schwarze stolz auf ihre Herkunft sein können. 1930 gründet sie gemeinsam mit Léo Sajous die Zeitschrift Le Revue du Monde Noir, die Zeitschrift der Schwarzen Welt. In ihren sechs Ausgaben propagiert das Blatt auf Französisch und Englisch das gemeinsame Schicksal der Schwarzen Diaspora. Ihr Ziel: „Zwischen den Schwarzen der ganzen Welt, ohne Unterschied der Nationalität, eine geistige und moralische Verbindung zu schaffen, die es ihnen ermöglicht, einander besser kennenzulernen und sich brüderlich zu lieben“.

Die sechste, im Jahr 1932 erschienene Ausgabe von Le Revue du Monde Noir sollte allerdings auch ihre letzte sein. Ohne große Geldgeber im Hintergrund ging Nardal und ihren Mit­strei­te­r*in­nen schlicht das Geld aus.

Trotzdem stellten die Artikel für spätere Négritude-Forscher*innen eine wichtige Quelle dar. Die Zeitschrift ebnete zudem den Weg für eine weitere Zeitschrift. Gegründet von Césaire, Senghor und Damas erhielt die Strömung Négritude im L’Étudiante Noir ihren Namen.

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Marlene Thaler

Marlene Thaler Redakteurin Berlin-Ressort

Studium der Europäischen Ethnologie sowie Regionalstudien Afrika/Asien.
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