Kakerlaken-Partei in Indien: Die Stimme der Faulen und Arbeitslosen
Nachdem der Oberste Richter Indiens arbeitslose junge Menschen mit „Kakerlaken“ verglich, gründete sich im Netz eine Gegenbewegung. Wie Memes politisieren.
Die „Cockroach Janta Party“ (CJP) geht viral in Indien. Der Name der satirischen Jugendbewegung, die auf Deutsch so viel wie „Kakerlaken-Volkspartei“ heißt, stößt auf: Sie wirbt damit, die „Stimme der Faulen und Arbeitslosen“ zu sein, denen vorgeworfen wird, ständig online zu sein. Dahinter steckt jedoch mehr als ein Generationenkonflikt in einem Land, in dem das Durchschnittsalter bei 29 Jahren liegt.
Auslöser für die Gründung waren Aussagen von Surya Kant, dem Obersten Richter Indiens. Während einer Anhörung sprach der 64-Jährige über arbeitslose junge Menschen, Medienakteure und Personen, die über Transparenzgesetze staatliche Informationen anfragen, und bezeichnete sie als „Kakerlaken“ und „Parasiten“, die das System angreifen würden. Später erklärte Kant, er habe damit Menschen mit gefälschten Abschlüssen gemeint.
Doch im Netz wurde die Beleidigung zum Kampfbegriff. So entstand die „Cockroach Janta Party“, die auch als ironische Anspielung auf die hindunationalistische Regierungspartei Bharatiya Janata Party (BJP) von Narendra Modi verstanden wird. Kurz darauf tauchten weitere Meme-Seiten auf, darunter eine Parodie auf die oppositionelle Partei Indian National Congress. Innerhalb weniger Tage überschritt der Instagram-Account der CJP die Marke von 19,3 Millionen Followern und übertraf damit weit die rund neun Millionen Anhänger der BJP.
Nicht nur Satire
In ihren Posts widmet sich die CJP jedoch auch ernsten Themen. So startete die Bewegung eine Petition, die den Rücktritt des indischen Bildungsministers fordert. Hintergrund sind geleakte Fragen für Aufnahmeprüfungen im Hochschulbereich, die immer wieder zu Verschiebungen führen und bei Teilnehmenden enormen Stress auslösen. Zudem verweist die Bewegung auf Suizidfälle im Zusammenhang mit dem hohen Leistungsdruck.
Unterdessen wurde der ebenfalls erfolgreiche X-Account der Bewegung in Indien gesperrt, beklagt der 30-jährige Gründer Abhijeet Dipke, der seinen Master in den USA absolvierte und früher für die anfänglich erfolgreiche Antikorruptionspartei Aam Aadmi Party arbeitete.
Mit der Idee der CJP scheint Dipke einen Nerv zu treffen. Hinter dem Humor verbirgt sich Frustration. Indien hat weltweit die größte Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 29 Jahren. Doch der Weg ins Berufsleben ist schwierig: Die Arbeitslosenquote unter Absolvent:innen unter 29 Jahren liegt laut der renommierten Azim Premji-Universität bei fast 40 Prozent, bei den 25- bis 29-Jährigen bei rund 20 Prozent.
Die Bewegung formuliert auch politische Forderungen. So verlangt ihr Fünf-Punkte-Manifest, dass oberste Richter:innen nach ihrer Amtszeit keine politischen Posten im Parlament erhalten sollen. Zudem werden Konsequenzen gegen Mitglieder der Wahlkommission gefordert, falls Wähler:innen durch sie ihr Stimmrecht verlieren. Außerdem soll die Frauenquote im Parlament von geplanten 33 auf 50 Prozent steigen.
Mehr Neutralität in der Politik
„Die größte Bedrohung für die indische Demokratie ist heute, dass all diese Institutionen offenbar mit der Regierungspartei verbandelt sind“, sagte Dipke in einem Interview. Das sei ein gefährliches Zeichen. Die Bewegung kämpfe deshalb für mehr Neutralität und Unabhängigkeit staatlicher Institutionen.
Auffällig ist, wie sich politischer Protest in Indien inzwischen in Form von Memes und digitalem Aktivismus äußert. Die Aussagen des Richters führten zudem dazu, dass im Netz Videos kursieren, in denen junge Menschen als Ungeziefer verkleidet etwa das Ufer des stark verschmutzten Yamuna-Flusses säubern.
„Ich verstehe die Frustration der Jugend und kann nachvollziehen, warum sie sich damit identifizieren“, sagte der Kongresspolitiker. „Demokratien brauchen Ventile für Widerspruch, Humor, Satire und sogar Frust“, fügte er hinzu. Doch auch er hofft, dass seine Partei nun ein bisschen von dem Wirbel profitieren kann, den die CJP verursacht hat.
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