Oliver Hardts Ausstellung in Frankfurt: Politischer Fortschritt verläuft nie linear
Wie fragil sind Kultureinrichtungen, wenn der Staat interveniert? Das fragt der Künstler Oliver Hardt in seiner Ausstellung im Frankfurter Art Space Synnika.
„Internal Review“ nennt der Künstler, Autor und Filmemacher Oliver Hardt seine Ausstellung im Frankfurter Ausstellungsraum Synnika. Der befindet sich im Bahnhofsviertel in einem selbstverwalteten Hausprojekt, im Schatten der spiegelverglasten Banktürme. Man könnte an diesem Ort meinen, der Titel „interne Überprüfung“ spiele auf einen korrupten Immobiliendeal an, aber hier geht es um US-amerikanische Kulturpolitik, ihren radikalen Kurswechsel seit den 2000er Jahren und die aktuelle Situation in Deutschland.
Im Mittelpunkt der Schau steht der Dokumentarfilm „The Black Museum“. Über fünf Jahre hinweg hat der in Frankfurt lebende Oliver Hardt, der sich schon lange mit Schwarzer Kultur und US-Themen auseinandersetzt, die Entstehung des Smithsonian National Museum of African American History and Culture, kurz NMAAHC, in Washington begleitet. Der 52-minütige Film verbindet Interviews mit Mitarbeitenden und Besuchenden mit Ansichten der außergewöhnlichen Museumsarchitektur von David Adjaye. Das 2016 an der National Mall Washingtons eröffnete Haus tritt als ein einzigartiger Ort hervor, der von dem Anliegen getragen ist, die Gewaltgeschichte der Schwarzen Bevölkerung in den USA sichtbar zu machen, um zu einem demokratischen Zusammenleben in der Gegenwart beizutragen.
Bei Synnika hängt dem Film die gerahmte Kopie des präsidialen Dekrets 14253 vom März 2025 gegenüber, das den Titel „Restoring Truth and Sanity to American History“ trägt. Trump ordnet darin eine ausschließlich positive Darstellung der US-amerikanischen Geschichte an. Damit richtet er sich gegen Häuser wie das NMAAHC. Unmittelbar daneben hängen die beiden administrativen Verfügungen von August und Dezember 2025 zur Umsetzung des Dekrets. Eines davon trägt im Betreff den titelgebenden Begriff „Internal Review“.
Oliver Hardt: „Internal Review“. Synnika Space, Frankfurt am Main, bis 5. Juni
Sorgsam in eine Nische eingerückt, präsentiert Hardt weitere Exponate aus der Entstehungszeit des Museums. Unerbittlich führen sie vor Augen, wie radikal sich die politische Kultur in den USA in den vergangenen zwei Jahrzehnten geändert hat. Darunter sind drei Videoaufzeichnungen von Reden des Ex-Präsidenten Barack Obama. Der hatte sich zusammen mit seiner Frau noch für gesellschaftlichen Zusammenhalt eingesetzt. Obama würdigt die Erfolge des Civil Rights Movement, auch das NMAAHC, und er erinnert an die Rückschläge, die die Bewegung immer wieder zu verkraften hatte. Politischer Fortschritt, so wird deutlich, verläuft nie linear.
Von den USA schlägt Hardt den Bogen auch zur Situation in Deutschland: In schwarzen Pressemappen versammelt er Dokumente über Eingriffe in die hiesige Kunst- und Kulturfreiheit. Auch das Wahlprogramm einer vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften Partei aus Sachsen-Anhalt ist dabei, die nach dem Vorbild Trumps neue Vorgaben für öffentliche Bauten fordert. Wie fragil sind Kultureinrichtungen, wenn der Staat interveniert, lautet die eigentliche Frage der Ausstellung.
„Internal Review“ kann als politische Landschaft im Futur Zwei verstanden werden: Hardt führt mit dem NMAAHC vor Augen, wie langfristig für demokratische Projekte gekämpft werden muss und wie schnell sie von rechten Kräften unter Druck gesetzt werden können. Gleichzeitig ist „Internal Review“ als Aufforderung zu verstehen, diesen Entwicklungen entschieden entgegenzutreten.
Im Modus des Futur Zwei wird Trumps Dekret 14253 nur noch ein schäbiger Tiefpunkt rechter Kulturpolitik in den USA gewesen und die MAGA-Bewegung lediglich zu einer Schautafel im NMAAHC geworden sein. Deutschland und Europa werden eine autoritäre Wende erfolgreich abgewehrt und stattdessen Strategien für künstlerische Freiheit und demokratische Vielfalt entwickelt haben. Aber – das macht die Ausstellung auch klar – die Zeit dafür läuft schon.
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