Zahlen zu Antisemitismus in Berlin 2025: „Neue Normalität des Antisemitismus“
Die Zahl antisemitischer Vorfälle ist 2025 zwar nicht weiter gestiegen, sie verharrt jedoch auf einem erhöhten Niveau seit 2023.
Hinter Juden und Jüdinnen den Teufel zu wittern, ist eine jahrtausendealte antisemitische Verschwörungserzählung – eine, die sich bis in die Gegenwart hält. Und die laut Sigmount Königsberg auch durch Begriffe wie „Israhell“ weitergetragen wird. Der Beauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gegen Antisemitismus hat am Mittwoch gemeinsam mit der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) ihren Bericht über antisemitische Vorfälle in Berlin im Jahr 2025 vorgestellt.
Demnach wurden 2.197 Vorfälle dokumentiert. Obwohl es etwa 13 Prozent weniger als im Vorjahr sind, ist das laut Julia Kopp (RIAS) kein Grund zum Aufatmen: „Antisemitische Vorfälle haben sich seit dem 7. Oktober 2023 auf einem neuen Niveau verfestigt.“ Davor wurden im Durchschnitt nicht mal halb so viele Vorfälle pro Jahr dokumentiert.
Im Jahr 2025 berichtet RIAS von einem Fall extremer Gewalt, 39 Angriffen, 63 gezielten Sachbeschädigungen und 41 Bedrohungen. Die mit Abstand meisten Vorfälle gab es mit 2.004 Fällen in der Kategorie „verletzendes Verhalten“. Darunter fallen antisemitische Beleidigungen und Diskriminierungen, sowohl online als auch in Form von Begegnungen, Schmierereien und Aufklebern. Aber auch auf Versammlungen, wo antisemitische Vorkommnisse im Vergleich zum Vorjahr laut Bericht anstiegen.
Wann etwas als antisemitischer Vorfall bewertet werde, müsse immer wieder diskutiert werden, so Kopp. Denn: „Unsere Perspektive ist nicht ‚strafbar‘ oder ‚nicht strafbar‘, weil auch Fälle unter der Strafbarkeitsgrenze gravierend sein können.“
Attacke am Denkmal für die ermordeten Juden
Ein Beispiel für einen eindeutig antisemitischen Vorfall fand etwa am 21. Februar in Mitte statt. Ruth Hatapla von RIAS liest vor: „Ein Mann attackierte einen Touristen im Stelenfeld des Denkmals für die ermordeten Juden Europas und verletzte ihn lebensgefährlich mit einem Messer an der Kehle. Der Täter suchte gezielt diesen Ort auf, da er davon ausging, dort würde sein Messerangriff mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Juden treffen. Nach der Tat rief er dem Opfer ‚Allahu Akbar‘ hinterher.“
Zwar sei das Beispiel nicht exemplarisch für alle antisemitischen Vorfälle in Berlin, aber er verweise auf das Gewaltpotenzial, das dem Antisemitismus stets inhärent sei, so Hatapla. Und der komme aus allen gesellschaftlichen Spektren, erklärt Sigmount Königsberg. Aber: „Mittlerweile überwiegen antisemitische Vorfälle, die dem antiisraelischen Aktivismus zugeordnet werden.“ Er beobachte, dass vermehrt von „Zionist*innen“ gesprochen, aber Juden und Jüdinnen gemeint würden.
Sigmount Königsberg, Beauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gegen Antisemitismus
Ein Beispiel aus Charlottenburg am 7. November: „Als eine Frau in Vorbereitung auf den Gedenktag zum 9. November 1938 Stolpersteine putzte, suchte ein Mann mit ihr das Gespräch. Er echauffierte sich, dass es ein Unding sei, das sie die Steine putze, während im Gazastreifen ein Völkermord geschehe. Als die Frau ihn fragte, was die Menschen hinter den Stolpersteinen mit der Situation in Gaza zu tun hätten, antwortete er ärgerlich: ‚Weil das alles das gleiche Pack ist.‘“
Antisemitische Narrative seit dem 7. Oktober normalisiert
Laut Bericht hätten sich bestimmte antisemitische Narrative und Reaktionsweisen seit dem 7. Oktober normalisiert und lösten sich vom konkreten Anlass als Legitimation. Von einer „neuen Normalität des Antisemitismus“ spricht auch Königsberg, wenn er erzählt, dass die Lebensplanung für viele Juden und Jüdinnen in Berlin zum „riesengroßen Fragezeichen“ geworden sei und viele über Auswanderung nachdächten, weil sie sich nicht sicher fühlen könnten.
Auch Julia Kopp von RIAS betont: „Situationen für Juden und Jüdinnen verändern sich oft sehr plötzlich, sobald die Identität bekannt wird.“ Einer Person, die in der U-Bahn etwas auf Hebräisch gelesen habe, sei etwa der Hitlergruß gezeigt worden.
Linke und Grüne reagieren besorgt: „Dass Menschen ihre jüdische Identität aus Angst nicht offen zeigen können, ist ein alarmierender Zustand für unsere Stadt“, so Tuba Bozkurt, Grüne-Sprecherin für Antidiskriminierung. Der Linken-Politiker Niklas Schrader warnt: „Dass Jüdinnen und Juden wegen der anhaltend hohen Zahl an Übergriffen Angst haben müssen, ihre Identität offen zu zeigen, dürfen wir nicht hinnehmen.“
Um Antisemitismus entgegenzuwirken, bräuchte es laut Julia Kopp Bildungs- und Präventionsarbeit: „Es ist nicht die Aufgabe von Juden und Jüdinnen, immer wieder auf Antisemitismus hinzuweisen. Die Frage wie angemessen auf Antisemitismus reagiert wird, ist relevant und immer noch nicht beantwortet.“
Nur noch 460 – dann sind wir 50.000
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 460 Freiwillge, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert