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Protesttag von Menschen mit BehinderungInklusion ist, wenn niemand klatscht

Gastkommentar von

Julia Bourmer

Der 5. Mai ist Europäischer Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Die fehlt überall, beklagt eine Mutter.

Zahlreiche Menschen haben in Berlin mit einer Demonstration die Bundesregierung aufgefordert, für mehr Barrierefreiheit zu sorgen Foto: Christian Ditsch/imago

A pplaus ist der Soundtrack falsch verstandener Inklusion. Nicht die Handlung wird beklatscht, wenn beispielsweise Menschen mit Behinderung auftreten, sondern die Abweichung. Dahinter steckt eine einfache Logik: Es ist schon schwer genug, also klatscht man, auch fürs eigene Gewissen. Es entsteht etwas, das gut gemeint ist, aber oft an der Realität vorbeigeht. Auf dem Papier funktionieren viele Lösungen gut, aber sie scheitern im Alltag. Weil sie das Leben nicht einbeziehen, sondern nur eine Idee, wie das Leben mit Behinderung ausstehen sollte. So entsteht eine Kulisse, aber keine Teilhabe. Das Problem zeigt sich dort, wo man es nicht sieht. Dort, wo Menschen nicht an der Behinderung verzweifeln, sondern an dem, was man ihnen zusätzlich zumutet: an Hilfsmittelbeantragungen, die sich ziehen wie ein absurdes Theaterstück, irgendwo zwischen Kafka und Warten auf Godot.

An Formularen, Gutachten, Zuständigkeiten, Rückfragen und Lebenszeit in Warteschleifen – eine Verwaltungswüste. Ein Hilfssystem, das erstaunlich viel Kraft kostet. Behinderte kämpfen jeden Tag, still, zäh, im Alleingang. Kindergarten, Schule, Arbeit, Freizeit – meist verlaufen diese Wege in getrennten Bahnen. Ein Leben mit Behinderung ist wie leben in einer Parallelwelt. Darin liegt der Widerspruch: Behinderung wird oft behandelt, als beträfe sie nur wenige Menschen. Dabei kann sie jeden treffen. Durch Krankheit, Unfall, Alter. Inklusion lässt sich nicht auslagern. Nicht delegieren. Sie entsteht nur im gemeinsamen Alltag.

Julia Bourmer

ist Autorin über Nachhaltigkeit, Natur und Selbstversorgung. Außerdem schreibt sie über moderne Elternschaft, Inklusion und damit verbundenen gesellschaftlichen Fragen. Sie lebt mit ihrer Familie auf dem Land.

Und genau dort entscheidet sich, ob sie gelingt. Vielfalt ist Normalität, dafür können wir uns entscheiden. Oder wir lassen alles, wie es ist: Zugang fehlt, Informationen bleiben unverständlich und Menschen bleiben überfordert. Der Applaus folgt dem Drehbuch. Inklusion ist kein großer Auftritt, kein Moment für Applaus. Sie entsteht nicht im Rampenlicht. Sondern im Leben, unspektakulär. Arbeit statt Ovationen. Und niemand klatscht.

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3 Kommentare

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  • Auch wenn die Inklusion Fortschritte gemacht hat, der Weg dorthin ist immer noch viel zu kompliziert. Wer weiß schon wer für welche Inklusionsaspekte zuständig ist, wie man die komplexen Anträge stellt und ggf. gegen willkürliche Entscheidungen Widerspruch einlegt. Ich hatte das Glück für meine Mutter eine erfahrene und hochkompetente Sozialarbeiterin zu finden, die sich mit den Behörden herumschlug. Mein Bruder und ich hätten das nicht hingekriegt, trotz anwaltlicher Unterstützung in der Familie.

  • Fast 92% aller schweren Behinderungen entstehen krankheitsbedingt. Deshalb sind auch in Deutschland über 80% der Schwerbehinderten im Rentenalter. Geboren werden mit Behinderung durch die neuen Diagnostiken ja kaum noch Menschen, ein Fakt der die Inklusion zukünftig noch sehr behindern wird. Die Foschung wurde bei einigen Krankheitsbildern ja schon massiv zurückgefahren, da es kaum noch junge Patienten gibt.



    Vielleicht wäre es zielführender bei der Inklusion lieber gleich primär darüber zu reden unser gesamtes Lebensumfeld seniorengerecht und damit barrierefrei zu gestalten. Daran wird in einer Gerontokratie ja kein Vorbeikommen sein.

    • @Šarru-kīnu:

      Als jemand der eigentlich mehrfach behindert ist und die eine Behinderung angeboren, sowie die andere durch einen Behandlungsfehler massiv verschlechtert wurde, ließt sich daß wie ein Tritt ins Gesicht. Übrigens helfen ihnen bei beiden Diagnostiken nicht weiter, also werden weiterhin Menschen mit den Problemen geboren. Beide Probleme kommen gern gemeinsam vor. Beide Einschränkungen sieht man mir erstmal nicht an und ich ringe mit dem System um Anerkennung.