piwik no script img

Eigenständige FrauenfußballligaKomplizierte Kompromisse

Eine vom DFB losgelöste eigenständige Frauen-Bundesliga wird es wohl erst im Herbst 2027 geben. Zuvor muss aber ein TV-Vertrag ausgehandelt werden.

Der FC Bayern, hier beim Torjubel am Sonntag gegen den FC Barcelona, ist auch für die künftige Frauenliga von allergrößtem Wert Foto: Joan Monfort/ap/dpa

Christian Wück durfte sich bestätigt fühlen. Mit 60.000 Augenzeugen im Camp Nou sah der Bundestrainer am Sonntag, wie sich beim Champions-League-Aus des FC Bayern beim FC Barcelona (2:4) ein Grundmuster der deutschen Fußballerinnen wiederholte: Wie bereits im EM-Halbfinale und in den Nations-League-Endspielen war die spielerische Übermacht der Spanierinnen letztlich zu erdrückend. Insgesamt haben aber die Bundesligisten Bayern, VfL Wolfsburg und Eintracht Frankfurt international eine ordentliche Visitenkarte abgegeben und ordentlich Punkte für die Uefa-Fünfjahreswertung geholt.

Damit der Abstand zu den starken Teams aber nicht wächst, hat die Frauen-Bundesliga FBL e.V. weitreichende Pläne. Präsidentin Katharina Kiel will Mitte Juni auf der nächsten Mitgliederversammlung des Ligaverbandes die nächsten Pflöcke für die Eigenständigkeit einschlagen. Ähnlich wie die Männer 2000 wollen sich die Frauen endgültig vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) abnabeln. Dafür braucht es einen Grundlagenvertrag. „Unser Vertragsentwurf geht dem DFB in dieser Woche zu“, sagte Kiel dem Fachmagazin Kicker. Aus dem e.V. müsse eine Kapitalgesellschaft werden. „Die Struktur kann aber erst mit Leben gefüllt werden, wenn der Grundlagenvertrag steht.“

Problem: Dafür bedarf es der Zustimmung auf dem DFB-Bundestag, der regulär erst wieder für den Herbst 2027 angesetzt ist. Die 34-Jährige erkennt darin einen „Bremsklotz“, weshalb erst 2027/28 ein eigenständiger Betrieb zustande kommt. Zuvor ist jener Fernsehvertrag neu zu verhandeln, den der heutige DFB-Generalsekretär Holger Blask mit dem Rückenwind der Frauen-EM 2022 aufgesetzt hatte. Damals war der Jubel groß, dass sich zwölf Klubs jährlich rund fünf Millionen Euro teilen und alle Spiele bei zwei Streamingdiensten laufen.

Inzwischen erhofft sich die auf 14 Vereine erweiterte Liga deutlich mehr Geld. Erst einmal ist zu klären, wer die vom DFB in den Herbst verlegte Ausschreibung verantwortet. Die Direktorin von Eintracht Frankfurt nennt es eine Option, diesen Deal selbst zu verhandeln, „dafür brauchen und erwarten wir die Kooperation des DFB“. Wie groß aber ist die Kompromissbereitschaft bei einem Verband, der brüskiert wurde, als Klubbosse wie Jan Christian Dreesen (FC Bayern), Axel Hellmann (Frankfurt) oder Dirk Zingler (Union Berlin) das auf dem DFB-Bundestag von Präsident Bernd Neuendorf verkündete Joint Venture öffentlichkeitswirksam platzen ließen; zu einem Zeitpunkt Anfang Dezember, als gerade die gesamte DFB-Spitze im Flieger zur WM-Auslosung saß. Blask unterdrückte seinen Ärger nur mühsam.

„Flickenteppich von Anstoßzeiten“

Der Geschäftsführer findet heute, er habe alles für einen Kompromiss getan. Der DFB-Chefstratege scheint skeptisch, ob Liga-Chefin Kiel die Marktlage richtig einschätzt. Sie würde gerne am Sonntag eine Frauen-Konferenz installieren. Ihr ist der zerstückelte Spielplan zuwider. „Wir haben jetzt einen riesigen Flickenteppich von Anstoßzeiten. Das werden wir ändern.“ Nach ihrem Wunsch würde Freitag später gespielt, Montag gar nicht mehr.

Um Sky als Bieter mit seiner Zweitligakonferenz ab 13.30 Uhr nicht auszuschließen, dürften die zeitgleichen Paarungen Frauen-Bundesliga am Sonntag frühestens um 15.30 Uhr beginnen – dann aber laufen bei DAZN die Sonntagsspiele der Männer-Bundesliga.

Kiel bekräftigte, dass die Vereine „zwischen 700 und 800 Millionen Euro in den nächsten acht Jahren“ in den Frauenfußball investieren wollen, während die vom DFB kolportierte Summe von 100 Millionen Euro gar nicht stimmen würde, weil darin „Zuwendungen für die 2. Liga, Schiedsrichterwesen und andere Kosten“ inbegriffen wären. Nur irgendwann muss mal Schluss mit den Vorhaltungen sein.

Es braucht schnelle Effekte, sprich höhere Erlöse, um den Exodus von Spielerinnen zu stoppen. Der Wechsel von Nationalspielerin Vivien Endemann vom VfL Wolfsburg zum FC Liverpool liefert einen Vorgeschmack darauf, dass bald weitere Leistungsträgerinnen in die Women’s Super League (WSL) folgen könnten. Kiel ist zwiegespalten: Wie im Männerfußball würden das viele Geld der dortigen Investoren einerseits den Wettbewerb verzerren, andererseits gebe es dort „mehr Mut bei der Umsetzung bestimmter Themen“, woraus für sie folgt: „Vom Aufbau der WSL können wir uns einiges abschauen.“

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Produkt-Arrangement bestehend aus dem bunt gemusterten „feministaz“-Halstuch, einer gedruckten taz-Sonderausgabe und einem Smartphone, das die digitale taz-Titelseite mit einer lila Faust zeigt.

10 Wochen taz testen + feministisches Halstuch

Gerade jetzt ist die Sichtbarkeit solidarischer Stimmen wichtiger denn je – für Frauen und FLINTA* weltweit. Teste die taz jetzt und erhalten unser neues feministisches Halstuch als Prämie dazu.

  • Erhalte das exklusive Tuch als Prämie – so attraktiv kann Solidarität sein!
  • Lies 10 Wochen die taz: Montag bis Freitag digital, samstags die gedruckte wochentaz
  • Limitierte Stückzahl, schnell sein lohnt

taz zur Probe + Tuch für nur 29 Euro

Jetzt bestellen

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!