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Walpurgisnacht in BerlinKeine Nacht ohne Macker

Bei der „Take back the night“-Demo demonstrieren in Berlin 3.000 Fe­mi­nis­t*in­nen gegen patriarchale Gewalt. Die Demo ist cis-männlicher als früher.

Take back the night-Demo: „My body, my choice!“ Foto: Carsten Koall/dpa
Lilly Schröder

Aus Berlin

Lilly Schröder

Tausende Flinta* sitzen am Donnerstagabend mit „Männer lol“-Schals, Antifa- und Trans-Flaggen auf dem Grünstreifen vom Kottbusser Damm in Berlin-Kreuzberg, rauchen und essen Döner, während die Sonne hinter der Möbel Olfe verschwindet. Rundherum: massives Polizeiaufgebot.

„Wir wehren uns gegen rassistische und patriarchale Polizeigewalt, gegen Pink Lists, die darauf abzielen, trans- und queere Menschen zu überwachen, gegen KI-Überwachung und Zäune in unseren Kiezen“, ruft eine Rednerin – und erhält tosenden Applaus. Die junge, überwiegend weiß gelesene Menge wippt zu „Ni una menos“, einem Lied der südamerikanischen feministischen Bewegung und skandiert: „Jin, Jian, Azadi!“

Traditionell am 30. April versammeln sich Flinta*, um bei der „Take back the night“-Demo gegen patriarchale Gewalt zu demonstrieren – auch in Bremen, Hamburg, Freiburg und Dresden. Die linksradikale queerfeministische Walpurgisnachtdemo findet immer am Vorabend des 1. Mai statt, der Nacht, die historisch als „Hexennacht“ gilt. Auch wenn sich patriarchale Gewalt seit der Hexenverfolgung verschoben hat, ist die Straße bei Nacht für viele Flinta* nach wie vor ein Angstraum. Das wollen sie sich nicht gefallen lassen: „Der öffentliche Raum gehört uns allen!“, rufen wütende Demonstrant*innen.

Kurz nach 21 Uhr setzt sich der Demozug unter „Whose streets? Our streets!“-Rufen in Bewegung. Rund 3.000 Flinta* ziehen nach Schätzung der taz in der Spitze mit. „My body, my choice!“, rufen sie, „Free Klette!“, „Antideutsche sind keine Linken!“, „Viva, viva Palästina!“ Obwohl Nationalflaggen im Aufruf untersagt wurden, sind vereinzelt Palästina-Flaggen zu sehen. Auf der Neuköllner Sonnenallee wird das von Mitarbeitern aus Döner-Läden mit eigenen wehenden Palästina-Flaggen erwidert.

Leiser, langsamer, cis-männlicher

Solidaritätsbekundungen aus anliegenden Wohnhäusern, wie in den Vorjahren, bleiben weitgehend aus. Auch die resolute, wütende Stimmung aus den Vorjahren kommt nicht auf – selbst wenn die Demo zwischenzeitlich an Dynamik gewinnt, etwa durch Pyro oder Feuerwerk über dem Landwehrkanal. Insgesamt bleibt der Aufzug leiser, langsamer und vor allem cis-männlicher.

Die Demo, die sich in den vergangenen Jahren ausschließlich an Flinta* richtete, hatte zuvor kritisiert, dass das Label häufig trans*-exkludierend verwendet werde. In diesem Jahr richtete sie sich daher ausdrücklich an alle „Feminist:innen, trans Personen und queere Menschen“.

Die Folge: Schon zu Beginn formiert sich rund um den Schwarzen Block eine Traube aufdringlicher cis-männlicher Streamer und palästinasolidarischer Männergruppen, die die Demo bis zum Schluss dicht begleiten. Auch im Zug dominieren vielerorts als cis-männlich gelesene Personen und beanspruchen Raum.

Die Polizei begleitet die Demo den gesamten Abend über gelassen vor und neben dem Zug – nach eigenen Angaben mit insgesamt 1.800 Kräften und etwa 200 Streifenwagen. Nur kurz ziehen Be­am­t*in­nen Helme auf, als Pyrotechnik in ihre Richtung fliegt. Bis auf vereinzeltes Gerangel bleibt es weitgehend ruhig – stellenweise so ruhig, dass im Spalier gelangweilt Flyer gelesen werden. Gegen 23 Uhr endet die Demo in Berlin-Mitte an der Köpenicker Straße/Ecke Heinrich-Heine-Straße.

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