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„Scherbenland“-Doku über KreuzbergRio Reiser in den Pflastersteinen

Zwischen Ton Steine Scherben und RAPK: Die Doku „Scherbenland“ erzählt vom revolutionären Kreuzberg der Siebziger bis zur gentrifizierten Gegenwart.

Mit ihrer Musik wollen sie Menschen überzeugen, sich von ihren Unterdrückern zu befreien. So formulierte der Ton-Steine-Scherben-Frontmann Rio Reiser – lange Haare, glasiger Blick – die Motivation ihrer Musik. „Warum geht es mir so dreckig?“, fragte sich die Anarchoband in den 1970ern und gab damit einer aufbrechenden Generation – und den Bewohnern von SO36 – eine Stimme.

2026 führt RAPK, ein Rap-Trio aus Kreuzberg, diese Tradition fort. „Für mich waren Ton Steine Scherben immer das Herz von Kreuzberg“, sagt Victor. Er sitzt mit Tariq und Gustav (Gussi) in ihrem Kreuzberger Studio und raucht. „In den Pflastersteinen steckt ein bisschen Rio Reiser drin.“

Die Verwandlung Kreuzbergs und die Rolle von Kiezmusikern steht im Zentrum des 100-minütigen Dokumentarfilms „Scherbenland“ von Lutz Pehnert und Ferdinand Hübner. Der Film fragt, was vom Aufbruch geblieben ist, als Kreuzberg Anfang der Siebziger zum Experimentierfeld einer Gegenkultur wurde. Die ernüchternde Antwort: wenig.

Tiktok statt Rebellion

„Ich weiß nicht, ob so revolutionäre Sachen gerade funktionieren“, sagt Tariq. „Die junge Generation hat eher Lust, Konsumtracks auf Tiktok zu hören.“ RAPKs Texte sind eine scharfe Gesellschaftskritik: Neben Kreuzberger Alltag, chillen bei Aral und Kiffen auf der Parkbank, erzählen ihre Lieder von Verelendung durch Drogen, Racial Profiling im Görli, der Polizeiwache am Kotti und Gentrifizierung.

Aufnahmen zeigen die Rap-Crew auf einem Balkon am Kotti: „Power to the poor“ steht in rotem Graffiti auf der Fassade hinter ihnen. Die Kindheitsfreunde führen durch ihren Kiez, zeigen, wo sie das erste Mal gekifft, gesprüht, Musik gemacht haben. Angefangen hat RAPK in Jugendzentren am Halleschen Tor – heute spielen sie in der ausverkauften Columbiahalle.

Schnitt: Kreuzberg 1970. Die Be­woh­ne­r*in­nen vorwiegend Arbeiterfamilien, zerfallende Fassaden, primitivste sanitäre Anlagen, dunkle Hinterhöfe, höchste Kriminalität in Westberlin. „Die Antwort des Berliner Senats“, heißt es im Off, „Abriss ganzer Straßenzüge, Verpflanzung der Arbeiter in Betonblöcke am Stadtrand. Die Folgen: dreimal höhere Mieten; Abrissunternehmer, Baufirmen und Grundstückspekulanten stoßen sich gesund.“

Rio Reisers Antwort: „Macht kaputt, was euch kaputt macht“. Seinem Aufruf wird gefolgt: Archivaufnahmen zeigen die Besetzung des leerstehenden Bethanien-Krankenhauses. Be­set­ze­r*in­nen sitzen zusammen, rauchen, spielen Gitarre. An den Türen prangen rote Sterne und Che-Guevara-Poster. Reiser singt: „Der Mariannenplatz war blau, so viel Bullen waren da / und Mensch Meier musste heulen, das war wohl das Tränengas.“

Gentrifizierung macht keinen Halt

Auf Aufnahmen brutaler Häuserräumungen mit Tränengas und Schlagstöcken folgen Bilder vom 1. Mai: brennende Mülltonnen und Autos, Hubschrauber, Wasserwerfer, fliegende Pflastersteine, verprügelte Demonstrierende – damals wie heute. RAPK singt: „1. Mai und die Sonne scheint auf Kreuzberg / Irgendwo da draußen warten unsre Jungs.“ Seit dem Ende des Myfestes 2019 organisieren die Rapper jährlich nach der 18-Uhr-Demonstration ein Solikonzert für den Kiez – 2024 auf dem Rio-Reiser-Platz.

Wo einst revolutionärer Geist und Spreeblick waren, steht heute die Architektur der Verdrängung. Gussi zeigt auf eine Reihe seelenloser Glasbauten am Spreeufer: „Das ist das neue Berlin“, sagt er resigniert. „Tot.“ Das Café Wrangel: „Geiles Café gewesen, kannste jetzt kaufen für ’ne halbe Mille.“ Aus Tariqs früherer Wohnung über dem Lido an der Schlesischen Straße ist der Blick auf die Spree verschwunden – ersetzt durch das Lieferando-Headquarter.

Victors Familie, die seit seiner Kindheit in der Muskauer Straße wohnt, wird wegen Eigenbedarf gekündigt. Doch sein Vater bewahrt sich den rebellischen Rio-Reiser-Geist: „Sollte ich den Prozess verlieren, lasse ich mich von der Polizei runtertragen“, sagt der weißhaarige Mann und grinst breit. „Und dann gibt’s eine Party auf der Straße!“

Die Doku läuft ab 30. April in ausgewählten Kinos, darunter in Berlin im FSK, Yorck Kino in der Yorckstraße sowie im Babylon in Mitte.

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