Mafia auf Social Media: Wenn der Gangsterboss absichtlich seinen Standort teilt
Organisierte Kriminalität agiert im Verborgenen? Von wegen! Die Mafia droht und prahlt inzwischen auch auf Social Media. Das spricht viele an.
Die Mafia war schon immer schnell, oft schneller als viele andere Akteure, Gesetzgeber und Polizei inbegriffen. So haben die kriminellen Organisationen einst den Markt für geschmuggelte Zigaretten aufgegeben und sind zum Drogenhandel übergegangen, als die Zeit dafür reif war. Sie haben den Staat offen angegriffen, aber auch mit Teilen von ihm kollaboriert. Und in den letzten Jahren haben sie vor allem weiterentwickelt, wie sie sprechen.
Da ist zum einen die interne Kommunikation. Es mag paradox erscheinen, aber in der Mafia ist fast alles Kommunikation. Das gilt einmal für die Worte. Einige davon sind Jargon oder Dialekt, oft schwer zu entschlüsseln, selbst für die Ermittler. Andere glauben wir zu kennen, halten sie für neutral oder sogar positiv besetzt. Doch innerhalb der Organisationen bedeuten sie etwas ganz anderes. Dazu kommen die Gesten, die Blicke, die Küsse. Sogar das gemeinsame Essen und andere Zusammenkünfte haben eine nicht zu unterschätzende kommunikative Bedeutung.
Und dann gibt es die Art und Weise, wie die Mafia ihre Präsenz nach außen vermittelt, wie sie über sich selbst spricht. Zum Beispiel das Phänomen der „Lieder der Unterwelt“ mit Texten, in denen die Größe eines Mafiabosses gefeiert, der Tod oder eine lange Haftstrafe beklagt, von einer abenteuerlichen Flucht erzählt wird. Oder wo die Schweigepflicht, die Omertà, eingefordert wird und der Staat und seine Organe verhöhnt werden.
Die Mafia ist archaisch, aber sie ist auch modern. Es wird immer schwieriger, die neuen Mafiosi zu identifizieren. Die Mafia steckt heute im sozialen und wirtschaftlichen Gefüge, in der „sauberen“ Gesellschaft; sie muss nicht mehr schießen, aber sie muss sich die tödliche Gewalt immer als Option, als letztes Mittel vorbehalten. Wenn die Mafia nicht tötet, wenn sie mit dem Tod kein „Spektakel“ bietet, arbeitet sie nicht an ihrem Mythos. Und doch ist sie gerade dort, wo sie nicht schießt, am mächtigsten.
Drohungen via Social Media
Mafiosi nutzen sehr häufig Instant-Messaging-Anwendungen. Sie überwachen Portale, die über Zwangsversteigerungen informieren. Sie konsultieren die Websites von Behörden, auf denen Ausschreibungen und öffentliche Aufträge zu finden sind.
Am 15. Juni 2022 ging die italienische Polizei gegen fünfzehn Personen vor, die dem Ciarelli-Clan aus Latina in der Region Latium angehören. Kronzeugen hatten zahlreiche Erpressungen durch Personen gemeldet, die aus der Haft heraus weiterhin versuchten, Unternehmer zu erpressen.
Auch Drogenhändler haben begonnen, Social Media zu nutzen, nicht nur, um neue Mitglieder zu rekrutieren, sondern auch, um ihre „Ware“ zu verkaufen. Als er 2012 festgenommen wurde, konnten die Strafverfolgungsbehörden feststellen, dass der aus Palermo stammende Mafioso Salvino Bonomolo, der lange Zeit in Venezuela untergetaucht war, Facebook nutzte, um sein Business zu steuern. Über die sozialen Netzwerke gelang es ihm, mit italienischen und südamerikanischen Drogenhändlern zu kommunizieren.
Immer häufiger nutzen die Mafiaorganisationen VoIP-Kommunikation, die nicht so einfach abgehört werden kann. Die Kriminellen haben Experten und professionelle Hacker in ihre Reihen integriert. Nicht nur, um Kontrollen zu umgehen, sondern auch, um Informationen über ihre Opfer zu erlangen, etwa um das Geschäftsvolumen eines Unternehmens zu bewerten, das erpresst werden soll, oder um Unternehmer und Politiker unter Druck setzen zu können.
US-amerikanische Wissenschaftler bezeichnen diese Vorgehensweise als „Cyberbanging“. Im Netz werden Ziele gefunden und getaggt – die neue Dimension der alten Auftragsmorde.
Bosse als Helden
Die Mafia ist mittlerweile zu einer Marke geworden, und die sozialen Medien sind ihr ungestörtes Propagandainstrument. X wird zu ihrer Presseagentur, Instagram zu einer Illustrierten, in der sie ihre luxuriösen Urlaubsziele präsentieren, Facebook zu einem Sammelsurium, in das man so ziemlich alles hineinwerfen kann, TikTok zur Reality-Show, vor allem für die Jüngsten.
Die Mafia ist eine Macht, sie kontrolliert die Wirtschaft und das Territorium, lenkt aber auch gesellschaftliche Phänomene, mit ihrer Fähigkeit, junge Menschen anzuziehen. Auch die Jugendlichen im Umfeld der Clans sind Digital Natives. Und so stellen sie ihre neuesten Anschaffungen in Sachen Kleidung und ihren neuen Haarschnitt zur Schau, glänzende Anzüge und Jacken, bunte Schuhe oder die teuerste Flasche Champagner.
Ein besonderer Fall ist der Babyboss Emanuele Sibillo, der mit neunzehn Jahren ermordet wurde und Roberto Saviano zu „La paranza dei bambini“ („Paranza – Der Clan der Kinder“) inspirierte. Sibillo ging so weit, sich in den sozialen Medien zu geolokalisieren, als Provokation für seine Rivalen, die ihn ausschalten wollten. Er nannte sich ES17 und war vor allem auf TikTok der Renner.
ES17, das Akronym seines Namens, Emanuele Sibillo, gefolgt von der Nummer. Genau wie ein Fußballstar. Ein großer Champion wie Cristiano Ronaldo zum Beispiel hat auch aus Marketinggründen sein eigenes Akronym CR7 geschaffen. Und ES17 hatte Zugriffszahlen wie ein Weltklassespieler oder ein Hollywoodstar, mit Hunderttausenden von Aufrufen.
In den sozialen Medien werden die sogenannten stese verewigt: Schüsse, die von Scootern wild abgefeuert werden, vor allem von sehr jungen Leuten – manchmal sogar Minderjährigen – auf den Straßen von Neapel und darüber hinaus. Seiten und Videos, die Tausende von Fans und Aufrufen zählen.
Sehr beliebt ist auch die Verwendung von Emojis wie Ketten, die für das Gefängnis stehen, oder das schwarze Herz, ein Symbol der Traurigkeit über die Inhaftierung eines Freundes – oder vielmehr eines „Bruders“.
Dieses Konzept von Brüderlichkeit und Zugehörigkeit kommt durch bestimmte Bekleidungsmarken, aber auch durch Tattoos zum Ausdruck – ein Jesusgesicht, die Madonna oder eine andere religiöse Figur, eine Pistole, eine Kalaschnikow, ein aufgeklapptes Rasiermesser oder die Gravur der Namen verstorbener Freunde oder Daten, die auf den Tod einer Person, das Datum der Einlieferung ins oder der Entlassung aus dem Gefängnis hinweisen können.
Das gilt für junge Menschen. Aber nicht nur. Die sozialen Medien widerlegen nämlich das Klischee der schweigsamen Mafia, das jedoch eben nur ein Klischee war. Denn die Mafia hat schon immer zu allen gesprochen.
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