Weltrekord-Achterbahn in Saudi-Arabien: Im freien Fall
Die Falcon’s Flight in Saudi-Arabien gilt als höchste, schnellste und längste Achterbahn der Welt. Wer genau hinsieht, wird nicht nur vor Glück kreischen.
I ch befinde mich an der westlichen Endhaltestelle Riads. An der Decke blaue und grüne Leuchtstoffröhren, auf dem Boden schwarze Sitzsäcke. Auf zwei Flachbildschirmen läuft ein Video in Dauerschleife. In schnellen Schnitten sieht man grüne Golfanlagen, schreiende Menschen in Achterbahnen, Ärzte, die über ein rotierendes Lungenhologramm diskutieren, Solaranlagen im Sonnenuntergang, Windräder, Familien mit VR-Brillen, illuminierte Arenen in einer Wüstenlandschaft.
Das Video zeigt Qiddiya City oder besser gesagt die Vision von Qiddiya City – einem der großen Infrastrukturprojekte Saudi-Arabiens. Rund 50 Kilometer westlich von Riad soll auf einer Fläche von etwa 360 Quadratkilometern ein hochmodernes Areal entstehen, das Arbeiten, Wohnen, Kultur, Unterhaltung und Sport miteinander verknüpft. Qiddiya City zählt zu den Leuchtturmprojekten der saudischen Reformagenda, die sich „Vision 2030“ nennt und auf die Modernisierung und Diversifizierung von Wirtschaft, Infrastruktur und Gesellschaft abzielt, um das Land langfristig unabhängiger vom Öl zu machen.
Ich warte auf den Busshuttle nach Qiddiya City, genauer gesagt in den einzigen Teil der geplanten Megastadt, der bereits besuchbar ist: den Freizeitpark Six Flags. „Play to Escape“ steht in weißen Leuchtstoffröhren an der Wand. Ein paar Frauen stehen scherzend an einem Snackautomaten, sie alle tragen eine Abaya, ein traditionelles, langärmeliges Gewand. Ein indisches Paar fläzt auf Sitzsäcken. Zwei Asiaten betrachten die Bildschirme. Eine weitere Gruppe von Frauen betritt den Raum, einige davon stark geschminkt, mit Nasenpiercings und langem offenem Haar.
Ein roter Bus fährt vor, „Experience the Power of Play“ ist auf seiner Seite zu lesen. Unsere Reisegruppe besteht mittlerweile aus rund 30 Leuten inklusive mir und meiner Begleitung, einem Achterbahnenthusiasten.
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Der Freizeitpark Six Flags ist in die Felslandschaft eingebettet und soll künftig Zentrum der geplanten Vergnügungsstadt sein. Er bietet 28 Attraktionen, darunter 8 Achterbahnen. Am 31. Dezember 2025 wurde der Park eröffnet mit einem Auftritt der Sängerin Alicia Keys, als Höhepunkt des Abends stieg in einer Drohnenlichtshow die Silhouette eines Falken in den Nachthimmel auf. Der Falke steht für die Achterbahn Falcon’s Flight, die nun als die krasseste Achterbahn der Welt gilt. Und die wollen mein Bekannter und ich ausprobieren, am fünften Tag nach der Eröffnung des Parks.
Wir fahren auf einer sechsspurigen Autobahn aus Riad hinaus. Im Bus tauscht eine Frau ihre Abaya gegen eine braune Lederjacke. „Wir sind hier, um mit der schnellsten Achterbahn der Welt zu fahren. Wir sind alle sehr aufgeregt“, sagt einer von drei jungen Männern, die heute schon acht Stunden mit dem Auto aus Mekka hergefahren sind, auf Englisch. Nach einiger Fahrzeit hat der Bus den Rand eines Felsplateaus erreicht.
Riad befindet sich auf einem Plateau, Qiddiya City im Tal hinter dem Felsabbruch. Die Autobahn führt hinab ins Tal – 200 Meter. 200 Meter, die später auch die Achterbahn im freien Fall zurücklegen wird. Vor uns erstreckt sich eine sandige und nahezu leere Ebene. Ab und zu stehen kleine Bagger im Wüstensand. Wir fahren vorbei an den frisch eröffneten Playmaker-Filmstudios. Ein historischer Actionfilm von den Machern von „Game of Thrones“ soll die erste große Produktion werden.
Ansonsten ist von einer Entertainmentmetropole noch nicht viel zu erahnen. Eine Weile fahren wir parallel zur Klippenkante, bis das erste Schild auf den Freizeitpark aufmerksam macht: „PLAY IS 4 KM AWAY“ – noch vier Kilometer bis zum Spielspaß.
Spiel, Spaß und Spannung
Dann halten wir endlich auf dem riesigen, verhältnismäßig leeren Parkplatz des neuen Freizeitparks. Mein Handy zeigt eine Warnung an: „Staubtreiben – aktuelle Luftqualität ist sehr schlecht.“ Am Eingang nimmt uns jede Menge Personal in Empfang. Die Mitarbeitenden zeigen uns den Weg mit freundlichen, aber bestimmten Handbewegungen. Überall sind Kameras installiert, jeder Millimeter scheint hier überwacht zu werden.
Mein Bekannter und ich passieren drei Kontrollen, bis wir schließlich den Park betreten dürfen. Es ist 16.20 Uhr, 20 Minuten nach Öffnung. Ich habe keine Zeit, mich groß umzusehen, mein Bekannter sagt: „Renn!“ Er will unbedingt zur Falcon’s Flight, für die er extra aus Deutschland hierhergekommen ist.
Er ist Teil einer speziellen Community, die bei Neueröffnungen relevanter Achterbahnen wie selbstverständlich um die komplette Welt reist. Der Worst Case für ihn wäre nun, die Falcon’s Flight gar nicht fahren zu können – auch das hat er in der Vergangenheit schon erlebt. „Die Wahrscheinlichkeit von Ausfallzeiten kurz nach der Eröffnung eines Parks ist groß – gerade bei technologischen Neuheiten“, sagt er.
Mit Wüstenstaub in den Lungen biegen wir Haken schlagend in die „City of Thrills“ ein. Wir rennen durch einen eckigen blauen Torbogen mit Falkenmotiv, vorbei an Fontänen. Und dort steht sie: die höchste (195 Meter), schnellste (250 Stundenkilometer) und längste (4,3 Kilometer) Achterbahn der Welt. Die angezeigte Wartezeit: 20 Minuten.
In der Schlange unterhält sich ein Paar, beide sehen aufgeregt aus. „Unsere erste Achterbahn“, erzählen sie. Die Stimmung ist heiter. „Ich bin hier geboren und aufgewachsen, aber ich arbeite jetzt in Großbritannien. Ich bin extra für die Falcon’s Flight angereist“, sagt ein Mann, der mit seinen jüngeren Geschwistern zu Besuch ist. Wir steigen eine Treppe hinauf und betreten eine riesige Starthalle, die auch ein Raumschiff sein könnte.
Eine Betriebsleitstelle sitzt wie auf einer Brücke oberhalb des Treibens hinter einer gläsernen Front. Sechs Mitarbeiter mit Headsets schauen konzentriert auf Monitore und überwachen die Technik. Die Abläufe sind noch etwas ruckelig, das Ein- und Aussteigen, das Richten der Bügel dauert. Trotzdem klatschen die Menschen, wenn sie wieder in die Halle einfahren. Und sie klatschen auch, wenn sie die Halle verlassen.
Plötzlich gehen die Sicherheitsbügel eines eigentlich startklaren Zugs noch einmal hoch, die Betriebsleitstellenbesatzung gerät in Bewegung. Vermutlich handle es sich um ein übersensitives Warnsignal, fachsimpelt mein Begleiter. „Erst mal nichts Ungewöhnliches“, sagt er. Meine Anspannung steigt trotzdem.
Kurze Zeit später geht es dann aber doch weiter. Unser Achterbahnzug rollt mit acht massiven Wagen an. Ein gelb-blau gestreifter Falkenkopf bildet die Front, seine strengen Augen sind in wechselnder Intensität illuminiert. Die Wagen sind aus Carbon gefräst, Schweißnähte wären im Wüstensand zu wartungsanfällig. Einer Frau hinter mir wird erklärt, wie sie sich in ihrer Abaya am besten platziert, dann geht es los.
Beschleunigung auf 250 km/h
Mein Blick wandert nach unten zum Boden, den wir gleich verlassen werden. Das Fundament der Falcon’s Flight wurde von der Tochtergesellschaft eines bayerischen Unternehmens, der Bauer Foundation Contractors Ltd., im Wüsten- und Felsgelände verankert. Auch Bayerns damaliger Wirtschaftsstaatssekretär Roland Weigert hatte die Baustelle besucht und das Projekt als weiteres „internationales Rekordbauwerk“ gelobt, das die Kompetenz seines Bundeslandes im Spezialtiefbau unter Beweis stelle.
Kaum sind wir aus der Halle, erfolgt die erste Beschleunigung durch ein elektromagnetisches Antriebssystem, das sich LSM-System nennt. Es ist die erste von drei Beschleunigungen. Laut Daniel Schoppen von der liechtensteinischen Firma Intamin Amusement Rides, der am Design und Layout von Falcon’s Flight mitgearbeitet hat, soll sich die Fahrt „langsam“ aufbauen, „da der Park hauptsächlich von einer demografischen Gruppe besucht wird, die nicht unbedingt jeden Tag Achterbahn fährt“. Aber langsam ist hier gar nichts.
Wir werden in die Sitze gedrückt, kaum haben wir Platz genommen. Vor uns türmen sich die sandigen Klippen auf, auf die sich die Schienen später hinaufschrauben werden, um Schwung für den höchsten Achterbahnhügel der Welt zu holen. Wir rasen durch den Park und überqueren die Baustelle der neuen Formel-1-Strecke, die voraussichtlich 2027 fertiggestellt wird.
Dann folgt die zweite Beschleunigung – und wir schießen auf das Felsplateau hinauf. Ein Setting von bisher ungekannter Dimension breitet sich vor uns aus. In Texas gibt es die Steinbruchwand der Achterbahn Iron Rattler mit einer Abschusspiste von 50 Metern, hier ermöglicht die Topografie einen Drop von fast 200 Metern. Mein Atem stockt.
Oben angekommen, verlangsamt sich „der Flug des Falken“ erst mal. In weiten, eleganten Bögen steuern wir auf die Klippe zu. Am Horizont geht gerade die Sonne unter, eine diesige, orange Stimmung liegt über der sandigen Fläche. Ich frage mich, was ich hier eigentlich mache. Dann kippt der Zug um 90 Grad, und der Falke stürzt in die Tiefe, als stürze er sich auf eine Beute. Ich reiße meine Arme in die Luft. Wir schreien.
Als Nächstes wird es schwarz, ein Tunnel. In der Dunkelheit beschleunigen wir erneut. Dieses Mal erreicht der Zug seine Weltrekordgeschwindigkeit von 250 Stundenkilometern – fahrbar ohne Schutzbrille aufgrund aerodynamischer Flügel am Wagen, die einen Luftstrom erzeugen, der über die Fahrgäste hinweg geleitet wird, so erklärte es mir vorher der Bekannte.
Wir schießen auf den höchsten Achterbahnhügel der Welt hinauf. Ich werde noch tiefer als zuvor in den Sitz gedrückt. Es fühlt sich fantastisch an. Alle Widerstände sind aufgegeben, als würde man sich einer Ohnmacht hingeben. Doch kurz vor der tatsächlichen Bewusstlosigkeit, weil ich bei dieser Geschwindigkeit tatsächlich kurzzeitig aufgehört habe zu atmen, hebt mich die abnehmende Steigung etwas aus dem Sitz, am Scheitelpunkt schwinden die wirkenden Kräfte. Alles ist leicht auf dem Gipfel des höchsten Schienenbogens der Welt. Und die Fahrt hält für einen Moment inne.
Besäße man jetzt tatsächlich die glühenden Augen eines hoch technisierten Falken, könnte man von hier in etwa 50 Kilometern Luftlinie das Gefängnis Al Malaz inmitten Riads sehen, zwischen Zoo und dem angrenzenden Wohnviertel mit seinen ummauerten Villen und Parks. Dort ist Manahel al-Otaibi inhaftiert, eine 31-jährige Fitnesstrainerin und Frauenrechtsaktivistin. Am 9. Januar 2024 verurteilte das Sonderstrafgericht Saudi-Arabiens sie in einem geheimen Prozess zu elf Jahren Haft wegen angeblicher „terroristischer Straftaten“.
Al-Otaibi hatte sich in den sozialen Medien für Frauenrechte eingesetzt und Fotos von sich im Einkaufszentrum ohne Abaya veröffentlicht. Daraufhin wurde ihr vorgeworfen, Inhalte zu verbreiten, die „öffentliche Sünden“ beinhalten und gegen die Moral und Ordnung verstoßen.
Mit den Augen eines Falken könnte man keine 70 Kilometer weiter Richtung Nordosten vermutlich auch 3.500 seiner cremefarbenen, gefiederten Artgenossen erspähen. Das King-Abdulaziz-Falconry-Festival, das größte Falkenturnier der Welt, findet alljährlich um den Jahreswechsel herum nördlich von Riad statt und verteilt Preise im Wert von rund 10 Millionen US-Dollar. Der nächste Weltrekord.
Und würde man seinen Falkenblick in die Zukunft schweifen lassen, sähe man sicher den königlichen Yamama-Palast, wo Mohammed bin Salman und Friedrich Merz ein paar Wochen nach unserer Achterbahnfahrt „herzlich und offen“ miteinander sprechen werden. Merz wird sagen, dass die „Vision 2030“ den einzigen G20-Staat am Golf zu einem attraktiven Markt für die deutsche Industrie macht. Siemens hilft zum Beispiel gerade, die neue U-Bahn in Riad zu bauen.
Im Gegensatz zu Olaf Scholz, der den Mord an dem saudischen Regierungskritiker Jamal Khashoggi bei einem Besuch 2022 noch thematisierte, wird der Name Khashoggi in der Pressekonferenz von Friedrich Merz nicht mehr fallen – sondern verschwindet in einem Satz über „ungleiche Werte“.
Die Konsequenzen dieser Werteunterschiede lassen sich auch ohne Falkenaugen beobachten. 2025 wurden laut der britischen Nichtregierungsorganisation Reprieve, die Menschen in Todeszellen vertritt, in Saudi-Arabien so viele hingerichtet wie nie zuvor: 356 Menschen, im Mittel beinahe eine Hinrichtung täglich. Zwei Drittel der Opfer wurden wegen Drogendelikten zum Tode verurteilt, aber auch in anderen Fällen wird die Todesstrafe weiterhin eingesetzt. So wurde 2025 der Journalist Turki al-Jasser hingerichtet, der über Frauenrechte und Korruption berichtet hatte. Von den Behörden wurde er deshalb des „Terrorismus“ bezichtigt.
„Es scheint, als sei den Behörden egal, wen sie hinrichten, solange sie der Gesellschaft klarmachen, dass bei Protesten, Meinungsfreiheit oder Drogen null Toleranz herrscht“, sagt Jeed Basyouni, Leiterin der Abteilung für Todesstrafe im Nahen Osten und Nordafrika bei der NGO Reprieve.
Die US-amerikanische Botschaft im Regierungsviertel von Riad könnte man von hier oben mit Falkenaugen ebenfalls sehen: ein monumentales sandsteinfarbenes Gebäude mit rautenförmigen Fassadenöffnungen, das am 3. März – keine zwei Monate später – von zwei iranischen Drohnen getroffen werden wird. Zahlreiche weitere Drohnen werden an diesem Tag über Riad abgefangen. Denn amerikanisch-israelische Militärschläge im Iran werden dazu führen, dass Teheran Gegenattacken in der Golfregion startet.
In Saudi-Arabien werden unter anderem Ölanlagen und eine US-Militärbasis im Osten des Landes angegriffen. Zwei ausländische Staatsangehörige – ein Inder und ein Bangladescher – werden getötet und zwölf weitere Menschen verletzt. Wolodymyr Selenskyj wird auf X schreiben, dass er mit Mohammed bin Salman über das „Abwehren von Bedrohungen durch das iranische Regime“ gesprochen habe und ukrainische Expertise in der Drohnenabwehr anbiete.
Am 18. März 2026 wird das Königreich Saudi-Arabien ein beratendes Treffen der Außenminister:innen von 13 arabischen und islamischen Ländern in Riad ausrichten, um auf die iranische Eskalation zu reagieren. Die Teilnehmer werden Iran auffordern, „sofort und bedingungslos seine Aggression einzustellen“ und warnen vor „ernsten Konsequenzen, da die Völker der Region nicht tatenlos zusehen werden, wenn ihre Ressourcen bedroht werden“.
Mit diesem Konflikt wird die Stabilität des gesamten Nahen Ostens auf dem Spiel stehen. Es wird weitere Einschläge geben, vor allem im ölreichen Osten des Landes. Bilder von brennenden Ölfeldern und zerstörter Infrastruktur werden in den Nachrichten zu sehen sein und die „Vision 2030“ – Saudi-Arabien als ein sicheres, stabiles und hochmodernes Ziel für internationale Vergnügungssuchende, Saudi-Arabien als attraktiver Markt für internationale Investitionen – erst einmal überdecken.
Doch der Freizeitpark wird geöffnet bleiben. Auch wenn weitaus weniger Tourist:innen ins Land kommen. Den Verhandlungen zwischen den USA und Iran wird man in Qiddiya City gebannt folgen.
Aber wir haben keine Falkenaugen, wir können weder so weit in die Ferne noch in die Zukunft schauen, wir sind Six-Flags-Besucher und sitzen noch immer, gehalten von Carbonbügeln, am Gipfel der höchsten Achterbahn der Welt. Ich schaue kurz nach hinten, das Paar hinter mir ist ganz still. Noch einmal grüßt uns die Sonne, sie wird gleich untergehen, und dann schießen wir in die Tiefe und biegen in die letzte Schlusskurve, die bodennahe Helix, ein.
In der Einfahrt steht ein Mann, der zum Klatschen animiert. Meine Hände wissen nicht, dass sie zu meinem Körper gehören, aber klatschen können sie noch.
Nach der Fahrt werden wir sehr schnell aus der Halle herausgeleitet. Ein kurzer Blick auf die Wartezeitanzeige: 300 Minuten. Es hat sich eine lange Schlange gebildet. Ein junger Mann kommt aus dem Ausgang und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Ich habe keine Worte, es zu beschreiben, aber es war fantastisch!“ Ich frage, ob er nochmals fahren werde. Die Hände noch immer an seinem Kopf, als hätte er Angst, ihn zu verlieren, antwortet er: „Nein, niemals!“
Der Park ist mittlerweile gut besucht, viele Familien, Jugendliche und ältere Menschen. Während sich mein Bekannter weiter auf dem Gelände umsieht, esse ich mit einer arabischen Frauengruppe zu Abend, sie laden mich zu Pepsi, Pizza und Linsensuppe in einen mensaähnlichen Imbiss des Freizeitparks ein. Die Freundinnen sind alle aus Riad, eine Freundin von ihnen arbeitet als Personal der Falcon’s Flight. Sie hoffen auf ein Short-Track-Ticket, um die fünf Stunden Wartezeit zu umgehen.
Sie tragen dunkle, weite Kleidung, Gucci- und Chanel-Handtaschen. „Wir tragen, was wir wollen“, sagen sie. „Kennst du den indischen Sari? So ist es auch bei uns, eine traditionelle Kleidung, die du entweder tragen kannst oder eben nicht. Außer in den Vororten von Riad, in den Randbezirken, da ist es etwas anders.“
Im Wartebereich Tumulte und Schlägerei
Wir verabschieden uns vor einem riesigen Kettenkarussell, und ich schlendere alleine weiter durch den Park, es ist jetzt 22 Uhr und die Temperatur ist rapide gesunken. Die Wartezeiten der meisten Attraktionen betragen jetzt weniger als fünf Minuten, ein Großteil der Restaurants ist leer. Die Mitarbeiter davor grüßen mit „Enjoy“ – „Genieße es“. Alle sagen ständig „Enjoy“. Menschen sitzen auf den Bänken an ihren Handys.
Ich schaue zur Falcon’s Flight, deren filigrane Stahlstruktur vor dem dunkelblauen, matten Nachthimmel erstrahlt. Die Felswände im Hintergrund sind in wechselnden Farben erleuchtet, und Scheinwerfer scheinen vom Plateau aus wie ein Fächer ins Tal. Die Achterbahn steht still. Ich laufe vor zur Halle. Die Wartezeitanzeige steht noch immer bei 300 Minuten.
Plötzlich springt die Notausgangstür auf. Im Inneren gab es wohl Tumulte und eine Schlägerei, wie das Achterbahnpersonal erklärt. Die Stimmung ist aufgekratzt. Ab diesem Zeitpunkt fährt die Achterbahn gar nicht mehr. Das Personal reagiert nur noch mit Achselzucken, und die Schlange löst sich langsam auf.
Ich treffe Ishan. Er sieht müde aus. Er kommt aus einer kleinen Küstenstadt im Süden von Sri Lanka und arbeitet seit drei Wochen hier im Six-Flags-Freizeitpark. Seine Aufgaben wechseln wöchentlich – mal ist er Rollercoaster-Operator, mal Eingangspersonal. Heute ist er Letzteres. „Es ist gut hier“, sagt er, „die Arbeit ist leicht, ich stehe nur herum oder drücke auf irgendwelche Knöpfe.“
Ishan, Mitarbeiter
Fünf Tage die Woche arbeitet er jeweils zwölf Stunden – von 12 Uhr mittags bis 1 Uhr nachts, mit einer Stunde Pause. Mindestens 50 Stunden pro Woche für umgerechnet etwa 900 Euro im Monat. Das lange Stehen bereitet ihm inzwischen Knöchelschmerzen. „Wenn du Arbeit willst, musst du stark sein“, sagt Ishan. Untergebracht ist er in einer firmeneigenen Unterkunft, wo er Kost und Logis erhält.
Er sagt, er habe zuvor in Katar und Dubai gearbeitet und sehr schlechte Erfahrungen gemacht, auch innerhalb Saudi-Arabiens seien die Bedingungen sonst nicht so. Das gibt es nur in Qiddiya City: „Bestes Gehalt, beste Örtlichkeiten.“
Tatsächlich gibt es eine Vielzahl bestürzender Berichte von NGOs, die außerhalb von Prestigeprojekten wie Qiddiya City über fatale Arbeitsbedingungen in Saudi-Arabien berichten. Der Global Slavery Index schätzt, dass im Jahr 2021 rund 740.000 Menschen in Saudi-Arabien in moderner Sklaverei lebten. Damit liegt das Land regional an der Spitze und weltweit auf dem vierten Platz.
Besonders gefährdet sind Arbeitsmigrant:innen, die den Großteil der Erwerbsbevölkerung stellen und im sogenannten Kafalasystem arbeiten. Dieses restriktive System für Arbeitserlaubnisse bindet Beschäftigte an ihre Arbeitgeber und schafft ein starkes Machtungleichgewicht, da Letztere weitreichende Kontrolle über Arbeitsbedingungen und Aufenthaltsstatus besitzen.
Offiziell trifft Saudi-Arabien zwar Maßnahmen gegen moderne Sklaverei, doch der Erfolg ist gering. Das Kafalasystem besteht weitgehend fort, und zentrale Verbesserungen gelten nicht für alle – insbesondere Hausangestellte sind häufig ausgenommen.
Ich frage Ishan, was er in seinen freien Stunden macht: „Viele von uns haben Angst, etwas falsch zu machen, was gegen ein Gesetz verstößt. Also machst du gar nichts. Keine Frauen, kein Alkohol. Nur essen, arbeiten, schlafen.“ Noch ein ganzes Jahr wird er in Qiddiya City arbeiten, bevor er sich von seinem Gehalt in Sri Lanka ein Haus für seine Familie bauen möchte.
Softpower mit Fußballstars und Kunst
Qiddiya City und der Freizeitpark sind keine einzelnen Projekte, sondern Teil einer nationalen Strategie. Seit Jahren investiert Saudi-Arabien massiv in unterschiedlichste Bereiche mit internationaler Strahlkraft, um seine Soft Power auszubauen. Fußballstars wie Cristiano Ronaldo und Neymar werden mit Millionensummen für saudi-arabische Vereine verpflichtet, und die Fußball-Weltmeisterschaft soll 2034 in Saudi-Arabien stattfinden. Investitionen in den wachsenden E-Sport-Sektor werden getätigt, und auch der Esports World Cup 2026 ist bereits in Planung.
Zugleich wird kräftig in den Kunstmarkt investiert, mit neuen Museen und Kunstmessen. Kürzlich kaufte Mohammed bin Salman für 450 Millionen US-Dollar das teuerste Gemälde der Welt als Publikumsmagneten für das neue Kunstmuseum: Riads „Mona Lisa“ wird „Christus als Heiland der Welt“. Von Leonardo da Vinci.
All diese Projekte werden in Kooperation und mit dem Know-how westlicher Firmen entwickelt und umgesetzt. Das Kopenhagener Architekturbüro Bjarke Ingels Group (BIG), das an der Entwicklung des Masterplans von Qiddiya City beteiligt ist, sagt: „Wir tragen dazu bei, den Weg für eine dringend notwendige soziale und kulturelle Reform des Landes zu ebnen.“
Den einzigen Weg, den ich hier noch nehme, ist der mit einem Taxi zum Flughafen, mein Bekannter reist weiter. Ich trage ein Cap, als ich einsteige. Das erste Mal seit Beginn meines Aufenthalts werde ich von einem Fahrer im lockeren Plauderton gefragt, wie es mir geht: „Ich dachte, du bist ein Junge!“ Er arbeitet tagsüber in Qiddiya City, und abends fährt er noch ein paar Stunden Uber, den Eintritt für den Freizeitpark kann er sich trotzdem nicht leisten.
Wir fahren an der Metrostation im Finanzviertel vorbei, die Teil des selbstfahrenden Metrosystems ist, das 2024 eröffnet wurde. Der futuristische Bau stammt von Zaha Hadid Architects, in der geschwungenen Eingangshalle steht eine monumentale Skulptur von Alexander Calder. Dann geht es vorbei an einem Flugzeug, das auf einem ansonsten leeren Parkplatz steht.
Das Flugzeug war Teil einer Challenge des US-Youtubers MrBeast, für die eigens eine Autobahn in Riad gesperrt wurde. Hundert Piloten liefen kilometerlang neben dem fahrenden Flugzeug her und mussten es dabei durchgängig mit der Hand berühren. Die Challenge entwickelte sich zu einem Durchhalte- und Schlafentzugswettbewerb, wie es ihn in ähnlicher Form schon einmal in den 1990ern im Süden der USA gegeben hatte. Damals erlangten diese Wettbewerbe tragische Bekanntheit, weil sich ein Teilnehmer nach 48 Stunden mit der Hand am Truck erschoss.
Links und rechts vertrockneter Buchsbaum in der Autobahnunterführung. Und überall das Triptychon der drei Generationen der saudischen Herrscherfamilie, auch großformatig auf der Tür des Supermarkts. Mir wird schwindelig, ich bin erschöpft. Diese Reise fühlt sich an wie ein Fiebertraum.
Am Flughafen habe ich bei der Passkontrolle schwitzige Hände. Die Dame schaut mich nur freundlich an und sagt: „Haben Sie eine gute Reise, und kommen Sie bald wieder.“ Ich denke an die Worte des jungen Manns mit den über dem Kopf zusammengeschlagenen Händen nach seiner Fahrt mit der Falcon’s Flight.
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