Kunstwerke von Klara Lidén in den KW: Abtauchen ist ihre Spezialität
Eine umfassende Ausstellung im Berliner KW Institute for Contemporary Art widmet sich dem Werk der schwedischen Künstlerin. Mehr Berlin könnte es kaum sein.
Und dann steht man da, im zweiten Stock der Berliner KW, zwischen aufeinandergepappten Plakaten, die wie Skulpturen mit zerfledderten Rändern in den Raum ragen, so wie sie das ja auch sonst gern auf Litfaßsäulen und Häuserwänden tun. Nur dass hier obendrüber weißes Papier geklebt wurde, sodass man nicht mehr sehen kann, wofür eigentlich mal geworben wurde. Auf längst vergessene Partys und Konzerte vielleicht, in Läden, die es nicht mehr gibt.
Man bestaunt die mit Flechten bewachsenen, mit Schmutz überzogenen und mit Flyern und Postern beklebten Stromverteilerkästen, stumme, in ihrem Einheitsgrau gut getarnte Dinger, funktional und gebaut, um ignoriert zu werden. Im Ausstellungsraum werden sie zu Anschauungsobjekten.
Und dann bleibt man an einem Foto der schwedischen, seit einiger Zeit in Berlin lebenden Künstlerin Klara Lidén hängen. Lidén, wie sie sich entblößt. Die Pose mit geöffnetem Trenchcoat gleicht der eines Exhibitionisten, die Künstlerin zeigt aber nicht ihren Körper vor – der steckt in Jeans und T-Shirt –, sondern das Handwerkszeug – Bolzenschneider, Taschenlampe, Schraubenschlüssel, Kanaldeckelheber –, mit dem sie sich die Stadt erschließt. Der Titel spricht für sich: „Self Portrait with the Keys to the City“ (2005).
Die Stadt während Corona
Sich die Stadt erschließen, sie sich aneignen auf Wegen, die nicht dafür vorgesehen sind, das tut Lidén etwa, wenn sie sich im Moonwalk rückwärts durch Manhattan bewegt wie in „The Myth of Progress“ (2008). Oder wenn sie für „You’re all places that leave me breathless“ in Kreuzberg an den Hochbahngleisen der U1 entlangklettert. Aus 2020 stammt diese Arbeit, dem ersten Jahr der Coronapandemie also, die von heute aus betrachtet Ewigkeiten her zu sein scheint, die damals aber Städte leerblies, Wahrnehmungen des Außenraums veränderte, Strukturen offenlegte, Zugänglichkeiten infrage stellte.
Auch Abtauchen ist eine Spezialität Lidéns. Sie steigt mit der Kamera in die Seine ab. Oder in Gullys, unter den Teppich, in einen Papierkorb oder einen Kühlschrank. Und das Umnutzen, wenn die Künstlerin urbanes Inventar in die Kunst überführt. Vom „Un-building“ spricht sie dann selbst. Mülleimer. Baustellendurchgänge für Fußgänger:innen. Straßenleuchten. Leicht manipuliert dann oft. Eine Apothekenleuchte ohne das A. Ein Bushaltestellenschild ohne Text. Billboards, die nichts mehr anzeigen. Bis man sich beim Betrachten fragt, was das eigentlich für eine merkwürdige Welt ist, die wir uns da gebaut haben. Lidén stellt sie aus, führt sie vor, baut sie um.
Kaum zu glauben, dass jetzt erst eine solche Überblicksschau zum Werk der seit 20 Jahren in Berlin lebenden und mit der Stadt und ihrer Kunstszene verbundenen Künstlerin zustande gekommen ist. Im vergangenen Jahr erst hatte die Kunsthalle Zürich mit einer Einzelausstellung Lidéns vorgelegt. „Over out und above“ versammelte vor allem neue Arbeiten, Readymades, Diaprojektionen, Bohrkerne, zur Ringen geschlossene Baustellenzäune.
Älteste Arbeit aus Stockholm
Die KW wagen indes den Rundumschlag. Die älteste unter den ausgestellten Werken – „Kunstwerke“ lautet der so schlichte wie mehrdeutige Titel der Schau – die Videoarbeit „Paralyzed“ (2003) stammt noch aus Stockholm. Gedreht hat Lidén sie in der S-Bahn der schwedischen Hauptstadt. Lidén tut dort etwas, was sie auch sehr gerne tut, tanzen nämlich. Wenig grazil, eher wild windet sie sich um Haltestangen, schwingt sich hin und her, kickt die Beine in die Luft zieht sich halb aus dabei, wälzt sich auf dem Boden, mit schmutzigen Knien, springt über Sitzreihen und klettert in die Gepäckablage.
Auch noch aus Stockholm, aus ihrer dortigen 30 Quadratmeter großen Wohnung stammt „Unheimlich Manöver“ (2007), eine Installation aus allem, was da so rumstand und mal heimlich, im Sinne von heimelig, ein Heim bildete: ein rostiger Herd, Regale voller Bücher, Zeitschriften, CDs, Umzugskisten, ein Bett, ein Farrad, eine Yogamatte, Lampen und einiges mehr.
All das sich ausführlich anzusehen macht irre viel Spaß, lässt schmunzeln, stimmt aber auch wehmütig, weil es an Orte erinnert, die verschwunden sind, an einen öffentlichen Raum, an ein New York, vor allem ein Berlin, das es so nicht mehr gibt. Ein Berlin, das seine Nadeln verliert, wie die vor sich hin gammelnden Christbäume, die sich in der Pogo Bar dicht an dicht aneinanderdrängen und intensiven Duft verströmen, stimmungsvoll und modrig zugleich. Ein Bild ist das, ein Geruch ist das, den man nicht so schnell vergisst.
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