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Mitten drin: Trainerin Clara beim Handballtraining Foto: Cosima Hanebeck / Fotoetage

Ehrenamt in SportvereinenAm Ball bleiben

Während die Mitgliederzahlen von Sportvereinen wachsen, geht ehrenamtliches Engagement zurück. Die HSG Verden-Aller hat gleich mehrere Lösungen parat.

Eiken Bruhn

Aus Verden An Der Aller

Eiken Bruhn

I n einer Sporthalle rennen 17 Kinder quer durcheinander, von einer kurzen Seite der Halle zur anderen. Sie spielen ein Aufwärmspiel, bei dem ein Ball auf einer von zwei dicken blauen Matten abgelegt werden muss. An diesem Freitagnachmittag Ende Februar trainieren drei E-Jugendmannschaften der HSG Verden-Aller. Das HSG steht für „Handball-Spielgemeinschaft“. Darin zusammengeschlossen haben sich die Handballsparten von drei Sportvereinen der Kleinstadt Verden, 40 Kilometer südöstlich von Bremen gelegen.

Das Quietschen von Schuhsohlen hallt durch den hohen Raum, manch Kinderkopf glüht rot vor Anstrengung. Am Spielfeldrand stehen die Trainerinnen: Clara und Hanna, 15 und 16 Jahre alt. Beide tragen das Vereinstrikot, goldene Creolen im Ohr, die Haare in Zöpfen straff aus dem Gesicht geflochten. Konzentriert beobachten sie das Geschehen. „Macht keine Glückspässe“, ruft Clara, und noch eine Korrektur. Sie hält kurz inne. „Aber gut gesehen!“

Menschen wie Clara und Hanna, die sich etwa als Trai­ne­r:in­nen ehrenamtlich in einem Sportverein engagieren, werden dringend gesucht. Denn die Mitgliederzahlen im nicht-kommerziellen Sport steigen und lagen im vergangenen Jahr mit 29,3 Millionen so hoch wie nie zuvor. Mehr als ein Drittel aller Ein­woh­ne­r:in­nen Deutschlands ist damit Mitglied in einem Sportverein; zahlt wenig Geld dafür, etwas für die Gesundheit zu tun und Gemeinschaft zu erleben.

Das ist gerade in diesen Zeiten eine gute Nachricht, weil sich in Sportvereinen Menschen unterschiedlichen Alters treffen, unterschiedlicher Bildungsgrade, politischer Überzeugungen und Nationalitäten. Wobei der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund niedriger ist als in der Gesamtbevölkerung und das Engagement vieler Vereine für behinderte Menschen, Alte, Arme, Geflüchtete, Frauen und Mädchen ausbaufähig ist, wie der jüngste Sportentwicklungsbericht im Auftrag des Bundesinstituts für Sportwissenschaft zeigt.

Dennoch: Wenn es um die Frage geht, was in Deutschland am meisten zum Zusammenhalt beiträgt, stehen Sportvereine an erster Stelle. Zu diesem Ergebnis kam im vergangenen Jahr eine repräsentative Umfrage im Auftrag der öffentlich-rechtlichen Medien.

Immer weniger Freiwillige

Doch dem wachsenden Interesse an Sport im Verein steht eine gegenläufige Entwicklung gegenüber: Die Zahl von Menschen, die ein Ehrenamt ausüben, geht insgesamt zurück – auch im Sport, wo anteilig mit Abstand die meisten Freiwilligen tätig sind. Das zeigt der aktuelle Freiwilligen-Survey der Bundesregierung.

Laut Sportentwicklungsbericht werden am dringendsten gesucht: Funktionsträger:innen, die den Verein managen. Aber auch Schieds- und Kampf­rich­te­r:in­nen werden knapp sowie Trai­ne­r:in­nen für bestimmte Sportarten beziehungsweise Übungs­lei­te­r:in­nen im Breitensport. 80 Prozent von ihnen sind ehrenamtlich tätig, nur vier Prozent hauptamtlich.

Manche Vereine geben deshalb auf oder schließen sich mit anderen zusammen, so dass die Wege für die Vereinsmitglieder weiter werden. Je ländlicher gelegen, desto größer das Problem. Seit 2014 sinkt die Gesamtzahl der im Deutschen Olympischen Sportbund organisierten Vereine kontinuierlich, zeigt dessen Bestandserhebung: 2014 wurden 90.802 Mitgliedsvereine gezählt, 2025 nur noch 85.916.

Die fehlenden Freiwilligen sind nicht der einzige Grund fürs Aufgeben, aber der häufigste. „Mehr als jeder sechste Verein sieht sich mittlerweile in seiner Existenz bedroht, weil er Probleme damit hat, ehrenamtlich Engagierte zu finden und im Verein zu halten“, heißt es im Sportentwicklungsbericht, für den vor zweieinhalb Jahren knapp 20.000 Vereine befragt wurden.

Zu wenig Zeit fürs Ehrenamt

Damit setze sich ein seit 20 Jahren beobachteter Trend fort, der sich seit 2020 verschärft habe, sagt Svenja Feiler, eine der Au­to­r:in­nen des Berichts und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Die Gründe sind vielfältig, haben viel mit fehlender Zeit zu tun. Zudem ist der bürokratische Aufwand gewachsen, das schreckt Neue ab. Aber es gibt auch Stellschrauben, an denen die Vereine selbst drehen können – anstatt nur zu klagen.

Der Vorstand der HSG Verden-Aller arbeitet seit 2020 strategisch gegen das Problem an. 2024 verabschiedete er ein Gesamtkonzept zum Freiwilligenmanagement für alle Phasen des Engagements. Für seine besondere Ehrenamtsfreundlichkeit bekam der TSV Borstel, einer der drei Mitgliedsvereine der HSG, vom Landessportbund Niedersachsen die Goldmedaille verliehen, als einem von bislang 41 Vereinen. Etwa 110 weitere wurden mit Silber und Bronze ausgezeichnet. Insgesamt gibt es im Bundesland 9.000 Sportvereine.

Ein Leben für den Verein: Juri Wolkow ist schon seit Kindertagen in der HSG Verden aktiv Foto: Cosima Hanebeck / Fotoetage

Voraussetzung für die Auszeichnung ist die schriftliche Definition von Schritten zur Gewinnung, Einarbeitung, Begleitung, Aus- und Weiterbildung von Freiwilligen sowie, ganz wichtig, die fortlaufende und öffentlich sichtbare Anerkennung des Geleisteten auf Festen und im Internet, formal festgehalten in der „Ehrungsordnung“. Von besonderer Bedeutung ist Paragraf 7: „Engagierte, die den Verein nach mehr als einem Jahr verlassen, erhalten eine Urkunde und eine Anerkennung für ihr geleistetes Engagement.“

Eine wertschätzende Verabschiedung, die die Chance erhöht, dass jemand zurückkehrt, ist nicht selbstverständlich. In vielen Vereinen hagle es Vorwürfe, den Verein im Stich zu lassen, heißt es in einer vom Land Niedersachen geförderten Studie zu ehrenamtlichen Engagement im Auftrag des Landessportbunds Niedersachsen.

Transparenter Umgang mit Aufwandsentschädigung

Auch nicht selbstverständlich: Eine Willkommensmappe, wie sie in der HSG neue Ehrenamtliche bekommen, mit Telefonnummern aller An­sprech­part­ne­r:in­nen sowie eine Aufgabenbeschreibung. Geregelt ist zudem die finanzielle Anerkennung, je nach Qualifikation und Aufwand. Clara und Hanna erhalten fürs Trainieren und Betreuen der Mannschaften jeweils 100 Euro Aufwandsentschädigung im Monat. Sie freue sich darüber, sagt Hanna, das Trainieren mache mehr Spaß als viele andere Schülerjobs. Aber das Geld sei für sie nicht ausschlaggebend.

Das gilt nicht für alle. Dwain Schwarzer, Referent beim Landessportbund Niedersachsen für Vereinsentwicklung, bestätigt, dass der transparente Umgang mit Aufwandsentschädigungen nicht flächendeckend geregelt sei. Das sei aber notwendig, um bislang unterrepräsentierte Gruppen wie Menschen mit jüngerer Zuwanderungsgeschichte für die Vereinsarbeit zu gewinnen: „Wer arm ist, kann sich Ehrenamt nicht leisten.“

Hinter dem Konzept bei der HSG steckt harte Arbeit. Ehrenamtliche Arbeit. Niemand weiß das besser als Juri Wolkow. Der 38-Jährige hat in der HSG mit elf Jahren mit Handball angefangen, vier Jahre zuvor war er mit seiner Familie aus Kasachstan übergesiedelt. Seinem damaligen Trainer ist er heute noch dankbar, dass der ihn unter die Fittiche nahm. Später übernahm er selbst Aufgaben im Verein. „Ich wollte etwas zurück geben.“ Sein Horizont habe sich erweitert, seine Persönlichkeit entwickelt. Er ist überzeugt, dass ihn die Gemeinschaft und der Erfolg als Sportler nachhaltig beeinflusst haben, ihm das nötige Selbstvertrauen gaben, um zum Beispiel sein Fachabitur zu machen.

Handball ist auch Kopfarbeit: Teambesprechung in der Trainingsrunde Foto: Cosima Hanebeck / Fotoetage

2013 legte er eine kurze Pause ein, weil er seine Ausbildung bei der Bundespolizei in Düsseldorf absolvierte und die Pendelei zu den Spielen zu viel wurde. Kaum war er 2014 zurück, übernahm er den Förderverein und begann mit Unterstützung des Vorstands den Verein zu modernisieren, dazu gehört die konsequente Digitalisierung.

Beziehungen gingen zu Bruch

Innerhalb von drei Jahren verdoppelte sich die Mitgliederzahl und damit auch die Arbeit. Juri Wolkow gab alles, auch als Angreifer auf dem Spielfeld, wie Spielberichte in der Lokalzeitung erkennen lassen. Mehrere Beziehungen seien zerbrochen, sagt er, weil er so viel Zeit im Verein verbrachte, auch mal Nächte durchmachte, wenn zum Beispiel noch Dauerkarten für die Fördervereinsmitglieder laminiert werden mussten.

Heute hat die HSG um die 550 Mitglieder und Juri Wolkow ist unter anderem deren Jugendwart. Wegen des Pressebesuchs schaut er kurz beim Training vorbei, mitgebracht hat er seine zweijährige Tochter. Mit seiner Frau hat er den Deal, dass er eine statt drei Mannschaften trainiert und am Wochenende an nur einem Spiel teilnimmt, als Spieler oder als Jugendtrainer.

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So hat er auch Clara und Hanna entdeckt, sie haben bei ihm vor fünf Jahren mit Handball angefangen. Seit zwei Jahren trainieren sie selbst Jüngere, motiviert von Juri Wolkow. „Ich gucke, wer Verantwortung im Spiel übernimmt, solche Persönlichkeiten können meistens gut trainieren.“

15 Ju­gend­trai­ne­r:in­nen beschäftigt die HSG derzeit. Das Training am Freitag machen sie eigentlich zu fünft. Aber heute haben die weiterführenden Schulen zu Besichtigungen eingeladen. Daher fehlt die Hälfte der Kinder, nur die Zehn- und Elfjährigen sind da und Clara und Hanna schaffen es alleine. Die gezielte Förderung der Jugendlichen gehöre ebenfalls zum Konzept, sagt Juri Wolkow. Der Verein schickt sie auf Lehrgänge, beteiligt sie an Entscheidungen und am Social-Media-Auftritt. „Wir bauen unseren Trainer-Nachwuchs selbst auf.“

Förderung von Jugendlichen zahlt sich aus

Das unterscheidet sie von vielen anderen Vereinen. Nur 2,8 Prozent aller Trai­nie­r:in­nen und Übungs­lei­te­r:in­nen waren im Jahr 2018 minderjährig, heißt es in einer Auswertung eines Sportentwicklungsberichts zum Trainingspersonal. Der Altersdurchschnitt lag zu dem Zeitpunkt bei 45 Jahren.

Dabei zeige die Forschung, dass sich die Förderung von Jugendlichen im Sportverein doppelt auszahlt, sagt Svenja Feiler von der Sporthochschule in Köln. Zum einen würden sie demokratische Prozesse kennenlernen. Zum anderen wachse die Bereitschaft, als Erwachsene feste Ämter ehrenamtlich zu übernehmen. „Beides dient dem Gemeinwohl.“

Clara und Hanna sieht man an, wie sehr sie das Training erfüllt, auch wenn sie später beruflich nicht mit Kindern arbeiten wollen. Am anstrengendsten sei, sich Respekt zu verschaffen, sagt Clara. Toll sei es, die Fortschritte zu sehen, Hanna pflichtet ihr bei. Die beiden verbringen fast ihre ganze Freizeit in Sporthallen. Kennengelernt haben sie sich über das Handballtraining. „Seitdem sind wir so“, sagt Hanna und hält eine Hand mit verschränktem Zeige- und Mittelfinger hoch.

Die Trainerinnen Clara und Hanna haben hier selbst mal als Jugendspielerinnen angefangen Foto: Cosima Hanebeck / Fotoetage

Beide sagen, sie hätten im Verein an Selbstbewusstsein gewonnen, ihre Stärken kennengelernt. Hanna, die über sich sagt, sie habe früher den Mund vor Schüchternheit kaum aufbekommen, kündigt mit lauter Stimme die jeweils nächste Trainingseinheit an. Heute üben sie Passwurf, Angriff, Verteidigung. Zum Schluss gibt es ein kurzes Spiel auf zwei Tore, um das Gelernte anzuwenden. Hanna pfeift immer wieder ab, um den Kindern zu zeigen, auf welcher Position sie sich befinden.

Ein Trainer für die jugendlichen Trai­ne­r:in­nen

„Freeze“, einfrieren, heiße die Methode, erklärt Dimche Atanasov, der den Jugendlichen als Co-Trainer zur Seite steht und ihnen Hinweise gibt, was sie noch besser machen können. So sollen sie vor Überforderung geschützt werden. Viel zeigen müsse er ihnen nicht, sagt er, das sei eher die Sahne auf dem Kuchen. „Das Pädagogische.“

Der 51-jährige Sportlehrer stammt aus Nord-Mazedonien, hat mehrere Studienabschlüsse, darunter einen in Sportpsychologie, und hat lange als hauptberuflicher Vereinstrainer in Niedersachsen gearbeitet. In der HSG engagiert er sich seit einem Jahr, im Gegenzug übernimmt der Verein die Kosten für die Verlängerung seiner Trainerlizenz.

In der Halle dabei ist heute auch Hannas Mutter, Simone Dunker. Sie trägt die rote Trainingsjacke mit dem Vereinslogo und hat eine der wichtigsten Funktionen in der HSG: Seit zwei Jahren ist die 57-Jährige deren Freiwilligenmanagerin. Im Ehrenamt, wobei sie zusätzlich im TSV Borstel einen vom Land Niedersachsen geförderten Minijob für dieselbe Aufgabe inne hat, dort aber alle Sparten betreut, nicht nur den Handball.

Vor der Geburt von Hanna und deren Zwillingsbruder hat die gelernte Hotelfachfrau als Personalberaterin gearbeitet, seitdem engagiere sie sich dort, „wo die Kinder sind“. Auch den Elternverein zur Kinderbetreuung habe sie damals mitgegründet. „Wenn man mich fragt, ob ich helfen kann, geht’s los.“ Gefragt hat sie, wer sonst, Juri Wolkow.

Motiv sich zu engagieren: Spaß

Studien zur Motivation von Ehrenamtlichen identifizieren unterschiedliche Faktoren, die zum Engagement führen. Bei den Trai­ne­r:in­nen und Übungs­lei­te­r:in­nen steht laut Sportentwicklungsbericht der Spaß an erster Stelle, bei den Funk­ti­ons­trä­ge­r:in­nen die persönliche Überzeugung, etwas für die Gemeinschaft zu tun. Bei Simone Dunker kommt beides zusammen. Sie hat Spaß an dem, was sie wichtig findet. „Ich rede einfach gerne mit Menschen, netzwerken ist mein Ding.“ Juri Wolkow grinst. „Sie kommt ja auch aus dem Pott, die können das besser als wir Norddeutschen.“

Dabei ist er alles andere als ein schweigsamer Zeitgenosse. Der Unterschied zwischen den beiden, daraus machen sie keinen Hehl: Simone Dunker redet nicht nur, sondern hört mindestens genauso viel zu, sucht nach Lösungen, vermittelt. „Sie ist das Herz des Vereins“, sagt Juri Wolkow, „sie weiß, wie man die Leute mitnimmt.“ Das gelinge ihm oft nicht. Wenn er von etwas überzeugt ist, wolle er dies umsetzen. „Manchen geht es zu schnell“, sagt er, „es sind auch Leute deswegen gegangen“.

Von ganz oben nach unten links: Torwurf beim Training Foto: Cosima Hanebeck / Fotoetage

Allerdings ist Juri Wolkow nicht nur Angreifer, sondern auch Teamplayer. Wie Simone Dunker hat er einen zentralen Gedanken beim Freiwilligenmanagement verinnerlicht: Beide holen die Leute bei dem ab, worauf sie Lust haben. An diesem Freitag ist zum Beispiel Jakob dabei, ein 16-jähriger Torwart, der ausschließlich Torwarttraining macht. „Dafür brennt er, das ist seine Leidenschaft“, sagt Juri Wolkow.

Nach dem Training zeigt Simone Dunker auf einen Mann, der durch die Halle läuft. „Das ist Eugen, Juris Cousin, der fotografiert gerne und macht das jetzt auch für uns.“ Und wenn sie weiß, dass jemand in der Buchhaltung arbeitet, fragt sie, ob sich die Person vorstellen könne, das im Verein zu übernehmen. Juri Wolkow glaubt, dass das Konzept aufgeht. „Früher waren die Eltern in der Nehmerrolle“, sagt er, „die haben die Kinder abgegeben und sind wieder gegangen“. Jetzt würden sie sich mehr engagieren – auch, weil sie sich von Simone Dunker gesehen fühlen.

Auch die Trikots muss jemand waschen

Aufgaben im Verein gebe es jede Menge, sagt die, auch in dem, was sie „kleines Ehrenamt“ nennt. Trikots waschen, Würstchen verkaufen, während der Turniere Toiletten reinigen, Fahrdienste bei Auswärtsspielen, bei den Spielen über die Zeit wachen. Die Tür würden ihr die Leute nicht einrennen, sagt die Freiwilligenmanangerin. Aber es kämen immer auch welche auf sie zu, die fragen, was sie tun können, gerade neulich ein junger Mann aus der Inklusionsmannschaft.

128 Personen, demnächst 130, stehen in ihrer Talentdatenbank, die sie ansprechen kann, 15 bis 20 von ihnen haben feste Positionen. Letzteres betrifft die Vereinsverwaltung, aber auch die Organisation des Trainings- und Spielbetriebs sowie die Wartung der Anlagen. Weil diese Aufgaben zeitaufwendig sind, haben sie einige von ihnen aufgeteilt. So besteht der Sportwart in der HSG aus vier Personen: Eine ist zuständig für die Spielplanung, die anderen für Hallenbuchung, Schiedsrichtereinsatz und eine für die Pässe, die alle Spie­le­r:in­nen brauchen.

Das sei weniger abschreckend als das ganze Paket übernehmen zu müssen, sagt Simone Dunker. „Ein bis zwei Stunden in der Woche hat jeder mal Zeit.“ Tatsächlich ist fehlende Zeit mit 37 Prozent knapp vor Gesundheitsproblemen der häufigste Grund, den Menschen für die Beendigung ihren Engagements im organisierten Sport anführten, wie die Landessportbund-Studie ergab.

Die HSG musste sich diese und andere Lösungsideen nicht selbst ausdenken. Die Dachverbände veröffentlichen die wichtigsten Erkenntnisse aus der Sport- und Ehrenamtsforschung, geben Tipps und bieten Lehrgänge an.

Qualifikation: Freiwilligenmanagerin

So hat Simone Dunker eine Qualifizierungsmaßnahme des Landessportbunds Niedersachsen zur Freiwilligenmanagerin absolviert, die es seit 2015 gibt. Seitdem hätten 500 Personen den Basiskurs besucht, 200 weitere den zur Vertiefung, sagt der Referent Dwain Schwarzer. Die meisten kämen aus mittelgroßen Vereinen mit 500 bis 1.000 Mitgliedern. Die größeren – das sind in Niedersachsen nur fünf Prozent – würden mehr Hauptamtliche beschäftigen und hätten professionellere Strukturen. Und den kleineren sei es wahrscheinlich zu viel Arbeit.

An der Stelle beißt sich die Katze in den Schwanz. In Vereinen, die sich nicht gezielt um Ehrenamtliche bemühen, müssen die Verbliebenen immer mehr Aufgaben schultern. Liegen bleibt, was nicht unmittelbar mit dem Sport zu tun hat, auch das lässt sich aus dem Sportentwicklungsbericht ablesen. Kinderschutz zum Beispiel.

„Es braucht jemanden im Verein, der sich kümmert“, sagt die Sportwissenschaftlerin Svenja Feiler. Zum Beispiel um die Aus- und Weiterbildung der Vereinsmitarbeiter:innen. Das wirke sich positiv auf das Engagement aus. Die Forschung würde zeigen, dass qualifizierte Ehrenamtliche zufriedener seien und damit die Bereitschaft steige, sich zu engagieren und dem Verein treu zu bleiben.

Und aus einer Person, die sich kümmert, das beweist die HSG Verden-Aller, können viele werden. So sind Juri Wolkow, Simone Dunker, Clara und Hanna und all die anderen 130 Talente in Simone Dunkers Datenbank vielleicht nicht nur ein Vorbild für andere Sportvereine.

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5 Kommentare

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  • Das ist kein Phänomen, das hauptsächlich Sportvereine trifft. Es fehlen zunehmend Ehrenamtliche in allen Bereichen. Ob Tafel, Sozialstationen, Kirche, Seniorenbetreung, Flüchtlingshilfe und 1000 andere Organisationen die auf ehrenamtliche angewiesen sind: Der zunehmende Bereitschaftsmangel ehrenamtlich tätig zu werden, bedroht viele Hilfsangebote existenziell. Es ist ein weiter Ausdruck des zunehmenden Auseinanderdriftens der Gesellschaft. Sicher mögen die angegebenen Gründe bei Sportvereinen im Einzelfall zur Aufgabe führen, aber das Grundproblem der generell fehlenden Bereitschaft sich einzubringen wiegt viel stärker. Ich erfahre in meinem Ehrenamt eine tolle Wertschätzung die mich immer wieder motiviert. Ehrenamtliche sollten auch in der Gesellschaft generell mehr sichtbare Wertschätzung als Anerkennung erfahren dann steigt vielleicht auch wieder die Bereitschaft dafür.

    • @Krumbeere:

      Ich weiß nicht, fehlende Bereitschaft sich einzubringen ist meiner Erfahrung nach eher selten das Problem. Ich erlebe Menschen zunehmend erschöpft und ausgelaugt mit wenig Möglichkeiten, sich verbindlich und regelmäßig zu engagieren . Der Job, vielleicht mit Pendelzeiten, unregelmäßigen Arbeitszeiten, Schichtarbeit auch beim Partner, spontanen Überstunden, fehlendes Verständnis vom Arbeitgeber, danach oft Kinder - deren Schule, deren Hobbys , Partner, ältere Angehörige, Hausarbeit, Termine, Freundschaftspflege, eigene Hobbys . Und man soll ja auch noch Sport machen, am besten jeden Abend frisch einkaufen und kochen, sich gerne wirtschaftlich verwertbar weiterbilden .... Am Wochenende wird meist das erledigt, was unter der Woche liegen geblieben ist. Und ja, dann gönnt man sich und den liebsten halt auch mal ne Auszeit, was jetzt aber auch mal nötig ist.

  • Ich war etwas mehr als zwei Jahrzehnte Kindertrainer in einem größeren Sportverein und habe jetzt endlich aufgegeben.



    Aber nicht wegen der Kinder, sondern wegen der Eltern. Die werfen ihre Kinder ohne jegliche Grundlagen dem Leben zum Fraß vor. Sie können keine Schuhe binden, wissen nicht, wo links oder rechts ist,, können nicht zu zweien abzählen.....



    Und ich spreche nicht von Vorschulkindern, sondern von denen , die älter als 8 Jahre sind.



    Und ich weiß auch, dass es nicht für alle zutrifft, aber jedes Jahr sind es mehr.



    Trotzdem hätte ich weiter gemacht, würden die Eltern sich nicht immer als Besserwisser einmischen.

  • In meinem Verein finden wir keinen Nachwuchs für unsere Schiedsrichter. Wer lässt sich schon in seiner Freizeit von aufgeheizten Eltern anpöbeln, die fehlende Sachkenntnis mit der Gewissheit verbinden, dass ihr Kind keine Fehler macht. Jugendliche Schiedsrichter werden nicht nur beschimpft, sondern sogar noch vor der Halle bedroht. Das ist die Kehrseite des Vereinssports.

  • Sag ich schon lang. Gebt das ganze Geld, das den ganzen sinnlosen NGOs gegeben wird den Sportvereinen. Keiner tut mehr wie die Gesellschaft. Gesundheit, Kommunikatiin, Integration