doppelblind: Wann es anfängt mit der Moral
Worum geht’s?
Hintergehe ich meinen Mitbewohner? Ein Gedankenexperiment: Auf dem Wochenmarkt schenkt man mir zwei Mangos. Ich mag Mangos, mein Mitbewohner liebt sie. Ich komme nach Hause, er ist nicht da – ich habe Hunger. Beide essen oder eine Mango für den Mitbewohner aufbewahren? Er würde es nie erfahren, wenn ich ihm die geliebte Mango vorenthielte. Ich bin allein mit der Moral und den Mangos. Was ist richtig, was falsch? Moral macht uns aus: Keine künstliche Intelligenz fragt sich bislang, ob sie das Richtige tut. Sie folgt gleichgültig unseren Regeln. Wir Menschen dagegen streiten seit ewig, was genau wir für richtig oder falsch erachten. Oft lässt sich Moral nur schwierig festnageln. Andere Menschen, andere Sitten: In manchen Ländern gilt die Todesstrafe als probates Mittel, um Gerechtigkeit herzustellen, andere lehnen das Prinzip Auge um Auge ab. Wie kommt die Moral in die Welt? Welchen Einfluss haben unser Alter und unsere Kultur auf die Moral?
Die Studie
Diese Fragen stellten sich die AutorInnen einer neuen Studie im Fachmagazin Proceedings B der Royal Society aus Großbritannien. Konkret untersuchten sie, wie sich Kinder im Alter von drei bis elf Jahren aus Norwegen, Japan, den USA und Italien angesichts von Korruption verhalten. Dabei stellte das Team fest, dass sich von der grundsätzlichen Ablehnung der Kinder gegenüber Ungleichheit nicht auf ihre Ablehnung von Bestechung schließen ließ.
Um die 700 Kinder unterschiedlicher Alters- und Ländergruppen auf ihre Bestechlichkeit zu testen, versetzte sie das Forschungsteam in die Rolle von JurorInnen eines Mal-Wettbewerbs. Dem erkennbar schlechteren Bild war dabei ein Geschenk beigelegt. Kulturübergreifend erkannten die Kinder mit zunehmenden Alter, dass es sich um Bestechung handelte. Sie lehnten ab. Dieses Handeln führen die AutorInnen auf die kognitive Entwicklung der Kinder zurück.
Bei einem zweiten Experiment verteilte das Team Süßigkeiten so, dass die Kinder sie nicht gleich unter sich aufteilen konnten. Während die jüngeren Kinder die Ungleichheit hinnahmen, löste sich der kulturelle Einfluss auch hier bei den Älteren auf: Sie tolerierten die ungleiche Verteilung der Süßigkeiten unabhängig vom Heimatland weniger.
Was bringt’s?
Neue wissenschaftliche Studien stellen wir jede Woche an dieser Stelle vor – und erklären, welchen Fortschritt sie bringen. Sie wollen die Studie im Internet finden? Jede hat einen Code, hier lautet er: doi.org/10.1098/rspb.2025.2523
Die Forschenden schließen, dass wir Moral nicht von Geburt an verstehen, sondern sie erst in unserer kognitiven Entwicklung erlernen. Moralische Entscheidungen setzen erstens die Fähigkeit voraus, die Auswirkungen des eignen Tuns zu verstehen. Die jüngeren Kinder waren teils nicht in der Lage, die Bestechung als solche zu erkennen – was wiederum die Voraussetzung für moralische Verantwortlichkeit bei Entscheidungen wäre.
Das bedeutet zweitens, dass Moral universell ist. Kultur beeinflusst sie zwar, aber sie reicht darüber hinaus. Menschen können sich also nicht hinter ihrer kulturellen Vielfalt vor ihrer Verantwortung verstecken. Und vor der Moral sind alle gleich. Tim Feldmann
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen