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Briefe an politische Gefangene„Das Wertvollste, was ein Häftling besitzt“

Gefangene in Russland und Belarus erzählen, wie Post sie schützt. Wie man selbst auf dem Papier solidarisch werden und worüber man schreiben kann.

Der Deutsch-Russe Kevin Lick im August 2024 in Bonn Foto: Christoph Reichwein/dpa

„Natürlich sind Briefe eine emotionale Stütze. Sie haben mir Kraft gegeben“, antwortet der 20-jährige Kevin Lick auf die Frage der taz, welchen Stellenwert Zuschriften während seiner anderthalbjährigen Haftzeit in Russland bei ihm gehabt hätten. Außerdem würden Briefe auch Schutz bedeuten, so Lick – erhalte ein Gefangener viel Post, signalisiere das dem Anstaltspersonal, dass Menschen sein Schicksal verfolgen.

Der deutsch-russische Doppelstaatler Kevin Lick wurde im Februar 2023 festgenommen und im Dezember desselben Jahres wegen Landesverrats zu vier Jahren Haft verurteilt. Lick hatte im südrussischen Maikop, wo er damals lebte, Fotos einer Militäreinheit gemacht und versucht, sie an die deutsche Botschaft in Moskau weiterzuleiten. Später schrieb Lick in seinem Telegramkanal, er habe damit zur Aufklärung russischer Kriegsverbrechen beitragen wollen. Am 1. August 2024 kam er bei einem großen Gefangenenaustausch frei und lebt nun in Würzburg, wo er die 12. Klasse eines Gymnasiums besucht.

Menschen, die Lick persönlich nicht kannte, schickten ihm zahlreiche Briefe und Postkarten, sowohl in herkömmlicher Papierform als auch elektronisch, wofür es spezielle Dienste gibt. „Mir schrieben verschiedene Personen aus ganz Russland. Es gab auch Briefe aus dem Ausland – aus Salt Lake City, aus München, aus Paris“, schildert Lick. Doch auch die Zuschriften aus dem Ausland seien immer auf Russisch abgefasst gewesen, denn die Gefängniszensur lässt keine Fremdsprachen zu. Einmal habe er zwei Wochen lang überhaupt keine Briefe erhalten, erzählt er. „Weil die Gefängnisleitung Druck auf mich ausüben wollte.“

Lick zählt zu den jüngsten „politzeki“, zu Deutsch „politischen Gefangenen“. Sie stellen sich mit ihren Worten oder Taten gegen die Regime in Russland und Belarus. Üblicherweise erhalten sie drakonische Haftstrafen. Dass Licks vergleichsweise mild ausfiel, war seinem jungen Alter geschuldet. Bei der Menschenrechtsorganisation Memorial sind derzeit 1.307 politische Gefangene in Russland gelistet. Die NGO Viasna schreibt in Belarus aktuell 1.145 Personen diesen Status zu.

Starkes Instrument der Unterstützung

Bis vor Kurzem war der 25-jährige anarchistische Aktivist Akihiro Gaevsky-Khanada einer von ihnen. „Wenn man einen Brief von einem unbekannten Menschen aus einem anderen Land erhält, er ausführlich von seinem Leben erzählt, Fotos beilegt und sich sichtbar große Mühe gegeben hat, freut einen das sehr“, schildert er der taz im Gespräch. „Das ist wirklich ein starkes Instrument der Unterstützung – Briefe sind das Wertvollste, was ein Häftling besitzt.“

Gaevsky-Khanada, der neben der belarussischen auch die japanische Staatsangehörigkeit besitzt, wurde 2020 in Minsk kurz nach Beginn der Proteste gegen die gefälschten Präsidentschaftswahlen verhaftet und kam im Juni 2025 zusammen mit 13 anderen politischen Gefangenen frei. Er wurde aus Belarus nach Litauen deportiert und studiert jetzt an der Universität in Vilnius.

Vor seiner Verhaftung habe er selbst Briefe an politische Gefangene geschickt und oft nicht gewusst, was er schreiben soll. Jetzt sagt er: „Auch alltägliche Kleinigkeiten sind sehr interessant. Den Menschen fehlt es dort sehr an visueller Abwechslung, sie brauchen Fotos, Ausdrucke, Bilder.“ Das sei so wichtig, weil es in den belarussischen Haftanstalten keine Farben gebe, alles sei grau und anonym. Die Zuschriften seien nicht nur die einzige Möglichkeit, Fotos zu erhalten, sondern auch überhaupt zu erfahren, was in der Welt vor sich geht. „Jeder Brief bedeutet Freude. Nicht nur für einen selbst, sondern auch für die anderen.“ Man zeige die Post nämlich auch seinen Mithäftlingen.

Mittlerweile sei der Briefverkehr leider stark eingeschränkt, es käme oft nur noch Post von nahen Verwandten zu den Häftlingen durch, so Gaevsky-Khanada, doch auch da gebe es keine Garantie. Das Zurückhalten von Zuschriften solle bei den politischen Gefangenen den Eindruck erwecken, man hätte sie vergessen. „Das sagen einem die Mitarbeiter der Haftanstalten sogar so direkt: ‚Sie kriegen keine Briefe, also hat man Sie vergessen.‘“

Briefe als Mittel der Solidarität

Wegen dieses Problems empfiehlt Marco Fieber von der NGO Libereco, die sich für Menschenrechte in Belarus und der Ukraine engagiert, Fotos der Briefe an seine Organisation zu schicken, damit diese nach der Freilassung der Gefangenen gesammelt elektronisch an sie weitergeleitet werden können. Die Organisation informiert darüber, wie Zuschriften an belarussische politische Gefangene sowie an in Russland oder von Russland besetzte Gebiete verschleppte ukrainische Zivilisten gesendet werden können. Briefe seien ein Mittel, um Solidarität zu zeigen, so Fieber gegenüber der taz.

„Generell rufen wir dazu auf, nicht nur die prominentesten Inhaftierten auszuwählen, weil sie sowieso schon viel Post bekommen“, sagt Fieber. Libereco stellt nicht nur Anleitungen auf der Homepage bereit, sondern organisiert auch regelmäßig Workshops. Dort können Menschen aus der belarussischen und ukrainischen Diaspora ebenso wie Menschen ohne Sprachkenntnisse Briefe verfassen – unterstützt durch maschinelle Übersetzung und Muttersprachler.

Neben Organisationen sind es auch Privatpersonen wie Ira P. (der volle Name ist der Redaktion bekannt), die zum Briefeschreiben animieren. Die selbständige PR-Managerin für Kulturprojekte hat Russland nach Beginn der Großinvasion verlassen. Sie gelangte mit einem humanitären Visum nach Berlin und schreibt nun regelmäßig Briefe an politische Gefangene. Hin und wieder organisiert sie auch informelle kollektive Schreibworkshops mit.

Während man auf keinen Fall über Politik oder das Strafverfahren des Häftlings schreiben dürfe, sei etwa ein kürzlich gesehener Film hingegen ein geeignetes Thema, sagt sie der taz. Sie selbst schreibt oft über ihre Reisen. Eine der Gefangenen habe ihr einmal in einem Antwortbrief geschrieben, sie sei im Leben noch nie so viel gereist wie durch ihre Briefe. Ira P. hofft zukünftig auf mehr Mitstreiter: „Ich würde mir wünschen, dass die Menschen eine neue Gewohnheit entwickeln – morgens beim Kaffee Briefe an politische Gefangene zu verfassen.“

Anmerkung der Redaktion: Wir hatten ursprünglich von 1.387 politischen Gefangenen in russischen Gefängnissen geschrieben. Mit Stand vom 10. Februar sind es aber 1.307 politische Gefangene.

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