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Solidarität mit Geflüchteten in Italien„Ich hoffe, dass er die Staatsbürgerschaft erhält“

Zwischen Grace aus Nigeria und Teresa aus Kalabrien besteht ein festes Band. Raphael heißt der Kleine, der auch in Teresa Platìs Familie hineinwächst.

Foto: Michael Braun
Michael Braun

Aus Cardinale

Michael Braun

Als es dann darum ging, wer denn Taufpate von Raphael werden sollte, sah Grace mir direkt in die Augen und sagte bloß: „Du!“ Knapp acht Jahre sind seitdem vergangen, doch Teresa Platì erinnert sich noch genau an das Gespräch mit Grace, der aus Nigeria geflüchteten jungen Frau, die sie erst wenige Monate zuvor kennengelernt hatte, in der Aufnahmeeinrichtung, in der Teresa damals arbeitete.

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Es war ein Gespräch, das sowohl Raphaels als auch Teresas Leben veränderte, das ein bis heute erhaltenes Band zwischen dem nigerianischen kleinen Jungen und der Frau aus Kalabrien knüpfte. Dort, im tiefsten Süden, an der Spitze des italienischen Stiefels, ist Teresas Familie seit Generationen zu Hause, in einem kleinen 1.800-Einwohner-Nest namens Cardinale.

Cardinale, das heißt auf Deutsch Kardinal, „aber es ist ein Kardinal, der niemals Papst werden wird“, dämpft Teresa mit einem Schmunzeln überhöhte Erwartungen an den Ort mit dem weihevollen Namen. Cardinale muss man sich als eines jener abgelegenen Dörfer Süditaliens vorstellen, mit zweistöckigen Einfamilienhäusern, die die Straßen säumen, einen Ort, der massiv von der Abwanderung vor allem der Jüngeren betroffen ist – in den letzten 35 Jahren halbierte sich die Einwohnerzahl.

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Wo sich Graces und Teresas Wege kreuzten

Genauso sieht es im noch kleineren Nachbarort Brognaturo aus. Dort befand sich die Aufnahmeeinrichtung, in der sich Graces und Raphaels Wege mit denen Teresas kreuzten. Kreuzen konnten sie sich allerdings nur, weil auch Teresa über reichlich Migrationserfahrung verfügt. „Ich bin englische Muttersprachlerin“, sagt sie. Wie so viele süditalienische Familien hatten sich auch ihre Eltern entschlossen, angesichts der Misere zu Hause ihr Glück in der weiten Welt zu versuchen.

Beim Kaiserschnitt wollte Teresa dabei sein.

„Mein Vater war in Frankreich, in Deutschland, ich wurde dann in Turin geboren“, erzählt sie, „doch daran habe ich keine Erinnerung, ich war schon mit sieben Monaten weg“. Von Turin zog ihre Familie nach Toronto. „Gutes Geld“ habe der Vater in der kanadischen Millionenstadt verdienen wollen, als Mechaniker in der Reparaturwerkstatt der städtischen Busbetriebe, während die Mutter als Näherin in einer Fabrik arbeitete.

Doch auch dort blieb Kalabrien äußerst präsent: „Papa war ein echter Kalabrier, er war sehr streng mit mir“, erzählt sie. „Ich wuchs in einer Großstadt auf, doch ich führte ein Leben, als lebte ich im Dorf. Jungs? Nichts da! Freunde bei uns zu Hause? Nichts da! Ich bei Freunden? Nichts da!“ Schule allerdings schon: Teresa machte in Toronto ihr Abitur.

Zurück nach Italien

Danach wollte sie zurück nach Italien, zum Studium in Rom. Zuerst aber stand ein Urlaub bei der Oma an, im kalabrischen Cardinale. Ein Urlaub, der ihre Pläne durcheinanderbrachte. „In dem Sommer habe ich mich verleibt, in einen Jungen aus dem Ort“, berichtet sie. Der ermutigte sie, ihr Studium aufzunehmen, und den Aufnahmetest an der Uni in Rom bestand sie auch, „doch ich wollte eine Familie gründen“. Ein Jahr später heirateten die beiden, im Jahr darauf kam ihre Tochter zur Welt, „da war ich 21“. Mit 22 gebar sie einen Jungen, mit 26 dann noch einen Sohn, „da war ich erst mal Vollzeitmutter“.

Eine Weltkarte mit Stecknadeln, die ein Netzwerk markieren
Solidarisch vernetzt

Im Wissen über Netzwerke liegt viel Macht. Wer weiß, wer mit wem verbunden ist, bleibt handlungs- und widerstandsfähig. Zum internationalen feministischen Kampftag wollen wir deshalb Menschen sichtbar machen, die sich für ein Leben einsetzen, dass die Rechte aller achtet. Auch sie haben Netzwerke. Wir starteten vor der Haustür und haben uns auf die Suche begeben. Wir wollten wissen: Wer lebt und kämpft solidarisch? Und haben Menschen kennengelernt, die uns bis vor kurzem völlig fremd waren.

Auf die Dauer aber reichte ihr das nicht, Teresa wollte arbeiten – ihr Migrationshintergrund und ihr perfektes Englisch kamen ihr dabei zugute. Sie wurde Lehrerin für Englisch-Konversation am Gymnasium. Dafür bedurfte es keines Studiums, ein in einem englischsprachigen Land abgelegtes Abitur reichte. Nach diversen Jahren mit prekären Ein-Jahres-Verträgen jedoch, „war meine Lehrerinnentätigkeit an einem Standstill“ – immer wieder streut Teresa ganz selbstverständlich englische Worte in ihre Erzählung ein. Sie erhielt ein Angebot aus der Aufnahmeeinrichtung für Geflüchtete. Teresa fing dort im Jahr 2014 als Kulturmittlerin an. Sie betreute Mi­gran­t*in­nen vor allem aus Afrika und gab ihnen Italienischunterricht.

Unter denen, die in der Einrichtung aufgenommen wurden, war Grace, eine sehr junge Frau, schwanger. Die Sozialarbeiterin der Einrichtung und Teresa nahmen sie unter ihre Fittiche, sie begleiteten Grace zum Geburtsvorbereitungskurs, erklärten ihr alles zum Stillen und Windelwechseln.

Als die Wehen einsetzten, fuhr Teresa und blieb über Nacht bei Grace. Am nächsten Morgen ordnete der Arzt den Kaiserschnitt an, Teresa war dabei, als Raphael das Licht der Welt erblickte.

Zwei Monate später wurde sie Raphaels Taufpatin. „Madrina“ heißt das auf Italienisch, eine zweite Mutter gleichermaßen. Bei Teresa jedenfalls ist der Begriff mehr als passend. „Letztes Jahr habe ich mit Raphaels Grundschullehrerin gesprochen“, erzählt sie, „und ihr sagt er immer, er habe eine große Familie. Dann zählt er uns auf: mich, meine Mutter – sie nennt er Oma –, meinen Mann, meine Kinder und deren Kinder.“

Häuschen am Meer

Jedes Jahr im Sommer nimmt Teresa Raphael für drei Wochen zu sich, er verbringt seine Ferien in Cardinale und in dem Häuschen am Meer, das Teresas Mutter gehört. Und natürlich war er 2021 als dreijähriger Knirps auch bei der Hochzeitsparty von Teresas Sohn Salvatore dabei. Als Salvatore, der mittlerweile in Mittelitalien lebt, letztens auf Heimatbesuch auch bei Raphael vorbeifuhr und mit ihm einen Nachmittag verbrachte, „da klammerte der Kleine sich beim Abschied an seinen Hals und wollte gar nicht mehr loslassen“, berichtet Teresa.

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Seit 2020 arbeitet Teresa nicht mehr in der Aufnahmeeinrichtung. Sie ist zurückgekehrt in den Schuldienst – und erstmals in ihrem Leben hat die 60-Jährige nun eine unbefristete Anstellung im Staatsdienst. „Unbefristet“ – so sähe sie auch gerne Graces und Raphaels Position in Italien. „Ich hoffe bloß, dass er mit 18 die italienische Staatsbürgerschaft erhält“, sagt sie mit sorgenvollem Blick. Grace, die Mutter, sei immer noch ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus. Da könne Italien von Kanada lernen. „Meine Eltern wurden dort nach sieben Jahren eingebürgert, und wir alle in der Familie – auch meine in Italien geborenen Kinder – haben den Doppelpass.“

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