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Wen Russland für den Krieg rekrutiertStanislav weiß nicht, wofür er kämpft

Daten aus dem Moskauer Rathaus zeigen: Potenzielle Rekruten werden – trotz dass sie offensichtlich einfache Fragen nicht beantworten können – in den Dienst der Armee gestellt.

Sie werben auf den Straßen: Ein Plakat des Militärs in Sankt Petersburg, Russland Foto: Anton Vaganov/reuters

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Am 21. Januar 2026 öffnet Verstka mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland.

Im vierten Kriegsjahr wurde es für Kreml schwieriger, Russen für den Krieg gegen die Ukraine zu rekrutieren. So schickte Moskau beispielsweise ein Viertel weniger Rekruten an die Front als noch 2024. Und Militärs beklagten sich über die schlechte „Qualität“ der Rekruten.

Der Text (auf Russisch) basiert auf Tonbandaufnahmen und statistischen Daten, die Verstka von einer Quelle im Moskauer Rathaus zur Verfügung gestellt wurden. Verstka hat die Namen der Vertragssoldaten sowie die Orte, aus denen sie beim Verteidigungsministerium angeworben wurden, geändert.

„Waren Sie schon einmal bei einem Psychiater?“„Ja.“„Ja?“„Nein.“„Nein? Waren Sie schon einmal dort?“„Wo?“

Ein solcher Dialog fand im vergangenen Herbst im Moskauer Auswahlzentrum für den Wehrdienst auf Vertragsbasis statt. Der Sprecher, Stanislav, kam aus einem Dorf in der Region Swerdlowsk in die Hauptstadt, um einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium abzuschließen. Mit dem Standardfragebogen kam er nicht zurecht: Er konnte 17 von 25 Fragen nicht beantworten. Und hatte im Vorstellungsgespräch Schwierigkeiten, seine Gedanken zu formulieren, und konnte kein einziges Ziel für seine Teilnahme im Krieg zu nennen.

„Worüber denken Sie nach?“ (fragt der Mitarbeiter der Auswahlstelle Stanislav)„Über meine Frau.“„Wann haben Sie geheiratet?“„Am Freitag.“„Und heute ist Sonntag. Wo haben Sie geheiratet?“„Hier, in Moskau.“„Ist sie Moskauerin? Sind Sie schon lange hier?“„Seit Donnerstag.“„Sie sind am Donnerstag angekommen, am Freitag haben Sie geheiratet und am Sonntag sind Sie zu uns gekommen, um in den Krieg zu ziehen?“

Daraufhin erklärte Stanislav, dass er eigentlich schon am Samstag kommen wollte, aber etwas dazwischen gekommen sei. Seine Frau habe er im Internet kennengelernt, warum er in den Krieg ziehe, wisse er nicht, auch die Ziele dieses Krieges verstehe er nicht.

„Was glauben Sie, worum geht es in diesem Krieg, welche Ziele werden verfolgt?“„Ich weiß es nicht.“„Sie wissen es nicht, aber Sie möchten sich daran beteiligen und sind bereit, dafür Ihr Leben und Ihre Gesundheit zu riskieren?“„Ja.“

Stanislav unterzeichnete den Vertrag. Wie sich Stanislavs Schicksal an der Front entwickelte, konnte „Verstka“ nicht feststellen. Fälle wie seiner häuften sich im vergangenen Jahr, berichtet Verstka.

Anweisung, die Auswahlkriterien zu lockern

Dennoch geht die Zahl der Freiwilligen zurück, sagt eine Quelle von Verstka im Moskauer Rathaus. Er übermittelte der Redaktion Daten zur Rekrutierung von Vertragssoldaten in der Hauptstadt in den letzten zwei Jahren.

Die Zahlen und Trends wurden auch von einem zweiten Gesprächspartner in der Verwaltung des Moskauer Bürgermeisters gegenüber Verstka bestätigt: „Unsere Einstellungspläne sind faktisch gescheitert. Anstelle des versprochenen Wachstums von 30 bis 40 Prozent ist genau das Gegenteil eingetreten. Das ist mit bloßem Auge zu erkennen: Es gibt weniger Menschen, keinen Zustrom“.

Insgesamt wurden laut des Mediums im Jahr 2025 24.469 Menschen über Moskau in den Krieg geschickt – ein Viertel weniger als im Jahr zuvor. Im Jahr 2025 war laut den Gesprächspartnern von Vestka der Rückgang des Interesses an der Vertragsdienstleistung besonders am Ende des Jahres spürbar – im Dezember schlossen in Moskau nur 879 Personen Verträge ab. Der Rückgang sei damit verbunden, dass diejenigen, die wirklich an die Front wollten, dies bereits längst getan hätten.

„Wir wissen, dass der Krieg bereits länger dauert als der Zweite Weltkrieg. Und jeder Krieg führt zu einer zunehmenden Ermüdung, sodass der Zustrom natürlich zurückgehen wird“, sagt der Gesprächspartner im Rathaus und prognostiziert einen weiteren Rückgang der Zahlen aufgrund der „sich verschlechternden finanziellen Lage“ in Russland.

„Es gab direkte Anweisungen von der Führung, die Auswahlkriterien zu lockern und nur in Extremfällen abzulehnen. Und diese Anweisungen zur Lockerung der Kriterien galten für alle Mitarbeiter der Auswahlstelle“, sagt eine Quelle im Rathaus gegeüber Verstka.

Die medizinischen Anforderungen wurden im August 2025 gelockert – beispielsweise sind Schizophrenie und einige andere psychiatrische Diagnosen nun kein Hindernis mehr für den Abschluss eines Vertrags mit der russischen Armee oder ein Grund für die Entlassung aus dem Verteidigungsministerium. Soldaten mit diagnostizierten Persönlichkeitsstörungen und anderen psychiatrischen Diagnosen werden manchmal direkt aus Krankenhäusern abgeholt.

Kandidaten werden nur aufgrund „besonderer Artikel“ abgelehnt: beispielsweise aufgrund von Straftaten im Zusammenhang mit sexueller Gewalt gegen Minderjährige. Eine Ablehnung erhalten diejenigen, die in einer Drogen- oder Psychiatrieklinik registriert sind – allerdings nur, wenn sie dort aktuell geführt werden.

Wie Verstka bereits im letzten Jahr berichtete, hat sich in Russland eine ganze Branche privater Kriegsrekruter gebildet, die staatliche Aufträge ausführen und Hunderttausende Rubel verdienen.

Auch private Rekrutierer sprechen heute von einem Rückgang der „Qualität“ derjenigen, die bereit sind, gegen die Ukraine zu kämpfen. Einer von ihnen berichtete, dass in den letzten Monaten nur noch diejenigen ans den Front gehen, die vorbestraft sind- Mörder und Räuber.

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