Hamburger Appell zum Holocaust-Gedenktag: Gedenken nicht erst am St.-Nimmerleins-Tag
Das Dokumentationszentrum zur Deportation der Sinti und Roma verzögert sich, weil ein Investor Steuern sparen will. 44 Aktive formulieren einen Appell.
Der Holocaust, das sind nicht nur Konzentrationslager: Überall in Deutschland finden sich Orte, von denen die Vernichtung ausgegangen ist. Zum Gedenktag an diesem Dienstag wird das durch zahlreiche Veranstaltungen wieder einmal etwas sichtbarer. In Hamburg etwa kann man bei einem Rundgang in der HafenCity der 8.000 Jüd*innen, Sinti*zze sowie Rom*nja gedenken, die zwischen 1941 und 1945 vom Hannoverschen Bahnhof aus deportiert wurden: in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager.
Auf 20 Tafeln stehen am Lohseplatz die Namen der Deportierten. Eine tiefe Fuge zieht sich entlang der alten Schienenverläufe 350 Meter durch den Park und führt – nun ja: durch den Park. Eigentlich soll sie mal ein Ziel haben.
Ab 2026 nämlich, so heißt es noch auf der Webseite Gedenkstätten in Hamburg, soll hier ein neues Dokumentationszentrum stehen; die Dauerausstellung dort will auch Täter*innen und Profiteur*innen in den Blick nehmen: Welche Handlungsspielräume hätte die Mehrheitsgesellschaft gehabt? Eine spannende Frage – aber 2026, das wird nix mehr.
Auch 2027 nicht, vermutet der Historiker Marut G. Perle aus dem Beirat des Auschwitz-Komitees, „vielleicht nicht mal 2028“. Für den Bau gibt es noch keinen Bauantrag. „Das Dokumentationszentrum Hannoverscher Bahnhof darf nicht scheitern“ – einen gemeinsamen Appell mit diesem Tenor haben 44 Mitglieder von NS-Opferverbänden, Forschende und Politiker*innen nun zum Holocaust-Gedenktag an Hamburgs Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) und seinen Senat gerichtet: „Werden Sie nicht wortbrüchig“, heißt es dort.
Im Koalitionsvertrag 2025 hatten sich SPD und Grüne verpflichtet, das Dokumentationszentrum zu realisieren. Das Problem: Die Stadt hat das aktuell gar nicht selbst in der Hand. Der Aufruf wendet sich deshalb auch an den Hamburger Investor Harm Müller-Spreer: „Beenden Sie den Planungsstopp, stehen Sie zu Ihren im Schenkungsvertrag abgegebenen Versprechen und fügen Sie der Erinnerungskultur in Ihrer Heimatstadt Hamburg keinen weiteren Schaden zu“, appellieren die Unterzeichnenden.
Der Investor Harm Müller-Spreer wollte der Stadt das Gebäude eigentlich schenken, für fünf Millionen Euro aus seinem Privatvermögen. Nicht ganz freiwillig: Eigentlich hätte Müller-Spreer die Gedenkstätte in seinem neu erbauten Bürokomplex unterbringen müssen. Als die Stadt ihm das Grundstück am Lohsepark verkaufte, gehörte zum Kaufvertrag ein Dauernutzungsvertrag für die künftige Gedenkstätte – 1.000 Quadratmeter über ganze 200 Jahre.
Doch dann zogen 2021 die ersten Mieter ein, darunter die Wintershall-DEA – eine Tochter der BASF, einem Nachfolgeunternehmen der IG Farben, die während der NS-Zeit Zyklon B für die Vernichtungslager lieferte. Es war klar, dass Müller-Spreer damit gegen die Auflagen des Dauernutzungsvertrags verstieß; dort hieß es, das Gebäude dürfe nicht auf eine Weise genutzt werden, „die in der Wahrnehmung der Opfer (…) im Konflikt mit dem Zweck des (…) Dokumentationszentrums steht.“
Investor spricht von „Herzenswunsch“ – und macht nichts
Die Opferverbände protestierten, Investor Müller-Spreers zierte sich. Am Ende einigte man sich anders: Eine eigene Gedenkstätte sollte es geben, der Bau dafür gestiftet von Müller-Spreers. Die Stadt entließ den Investor dafür aus dem alten Nutzungsvertrag. Ein „Herzenswunsch“ sei das Vorhaben für ihn, so ließ Müller-Spreer verlautbaren, eine „große Ehre“ und eine „innere Verpflichtung“.
Doch seit Herbst 2024 herrscht Stillstand: Steuerliche Gründe sind verantwortlich, das hatte eine Kleine Anfrage der Linksfraktion aus dem September 2025 ergeben. Offenbar will der Investor seine Auslagen sofort angerechnet bekommen damit nicht bis zur Fertigstellung der Gedenkstätte und der Ausstellung einer Spendenbescheinigung warten.
Details zu der Steuerfrage sind nicht bekannt, doch bis zur Klärung will Müller-Spreer die Vorplanungen nicht weiterführen. Dabei ist die Realisierung des Dokumentationszentrums zeitsensibel: Nur noch wenige hier verschickte Opfer leben. Noch etwas drängt: Der Schenkungsvertrag zwischen Stadt und Investor räumt beiden den Ausstieg aus dem Vertrag ein, wenn die Baugenehmigung nicht bis Ende Februar 2028 vorliegt. Die Steuerdebatte hält Historiker Perle vom Auschwitz-Komitee für unwürdig. „Wenn es Müller-Spreer wirklich eine Herzensangelegenheit ist, darf es doch nicht an einer popligen Steuerfrage scheitern.“
Zumal Müller-Spreer durch den Schenkungsvertrag zwar eine persönliche Last auf sich genommen hat – aber geschäftlich einiges gewonnen hat: Das Dauernutzungsrecht über 200 Jahre hat die Stadt ihm aus dem Vertrag für sein Bürogebäude herausgestrichen. „Ich vermute mal, dass er sehr froh ist, dass er diese Dauernutzung nicht mehr im Vertrag stehen hat“, so Perle. „Herr Müller-Spreer ist Segler. Ich glaube, er kann das gut: Er ist wendig und weiß, wie man am besten gegen den Wind und mit dem Wind segelt, um immer den Punkt anzusteuern, der für ihn der beste ist.“
zum Holocaust-Gedenktag, Dienstag, 27. Januar, 13 bis 14 Uhr, denk.mal Hannoverscher Bahnhof, Lohseplatz
Aber könnte nicht dennoch die Stadt dem Elend ein Ende setzen – und selbst zum Bauherrn werden? „Die Stadt geht davon aus, dass der Vertragspartner seine vertraglich zugesicherten Pflichten erfüllt und beabsichtigt nicht, ihn davon zu befreien“, antwortet die Kulturbehörde Hamburg. Würde sie selbst tätig werden, gibt außerdem Historiker Perle zu bedenken, müsste sie den Bauauftrag vermutlich ausschreiben und die Planungsarbeiten noch mal von vorne beginnen.
„Ich würde mir wünschen, dass diese pfeffersäckische Pfennigfuchserei endlich aufhört“, sagt er. Ich wünsche mir, dass sich Stadt und Investor zusammenreißen und das jetzt endlich mal zu Ende bringen.“ Mit dem Appell, so der Historiker vom Auschwitz-Komitee, „wollen wir alle an ihre Verantwortung erinnern“.
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