Naturschützerin über neues Jagdrecht: „Zäune bringen mehr gegen Wolfsrisse als Abschüsse“
Die Bundesregierung will Wolfsjagden ermöglichen. Das würde Weidetieren nicht helfen, aber den Wolfsbestand gefährden, sagt Naturschützerin Neuwald.
taz: Frau Neuwald, der Bundestag berät gerade über den Vorschlag der Regierung, Abschüsse von Wölfen zu erleichtern. Das soll bei der vergleichsweise artgerechten Haltung von Vieh auf der Weide vor Rissen schützen. Wie finden Sie das?
Marie Neuwald: In dem Gesetzentwurf geht es um die Aufnahme des Wolfs als jagdbare Tierart ins Bundesjagdrecht. Die Sicherheit von Weidetieren zu erhöhen, ist absolut erstrebenswert – das Jagdrecht ist jedoch der falsche Weg. Denn dann wäre eine sehr weitreichende Nutzung dieser geschützten Tierart mithilfe von Abschüssen möglich.
taz: Was genau kritisieren Sie an dem Entwurf?
Neuwald: Wir lehnen die generelle anlasslose Jagdbefugnis ab, die über den gezielten Abschuss einzelner problematischer Tiere hinausgeht. Der Jagdverband beispielsweise fordert, 40 Prozent der Jungtiere jährlich abzuschießen. Darin sehen wir überhaupt keinen Sinn. Im Gesetzentwurf steht keine Quote, nur, dass die Jagdzeit vom 1. Juli bis zum 31. Oktober gehen soll. Das sind die Monate, in denen man die Welpen noch von den Alttieren unterscheiden kann. Jetzt auch auf die Jungtiere Jagd zu machen, hat nichts damit zu tun, dass Weidetiere gesichert werden sollen. Denn Welpen gehen ja nicht auf die Jagd. Diese Gesetzesänderung soll zur Folge haben, dass sich der Wolf langsamer ausbreitet. Dabei hat sich das Wachstum des Wolfsbestands schon ziemlich abgeflacht. Die Regierung gibt hier dem Druck der Agrar- und Jagdlobby nach.
taz: Im Jahr 2024 haben Wölfe rund 4.300 Nutztiere wie Schafe und Rinder gerissen oder verletzt. Würde der Gesetzentwurf Weidetiere besser vor solchen Übergriffen schützen?
Der Bundesrat will sich am Freitag zu den Plänen der Regierung positionieren, den Wolf ins Bundesjagdgesetz aufzunehmen. Der Agrarausschuss der Länderkammer will die Tierart ganz aus dem besonderen und strengen Schutz des Naturschutzgesetzes entlassen. Der Umweltausschuss kritisiert unter anderem, dass der Gesetzentwurf trotz zahlreicher Bitten nicht mit den Umwelt- und Agrarressorts der Länder und deren Praxiserfahrungen abgestimmt worden sei. Ob der gute Erhaltungszustand auf diese Weise beibehalten werden könne, sei fraglich – der Bund müsse dafür klare Vorgaben machen. Der Entwurf der Bundesregierung kann nur mit Zustimmung des Bundesrats in Kraft treten.
Neuwald: Nein, weil der entscheidende Faktor der Herdenschutz ist, nicht die Zahl der Wölfe. Zäune bringen mehr gegen Wolfsrisse als Abschüsse. Das zeigt auch die Tatsache, dass es 2024 ganze 25 Prozent weniger Risse gab als im Vorjahr – trotz mehr Wölfen.
taz: Aber ist es nicht logisch: Wenn es weniger Wölfe gibt, dann gibt es auch weniger Tiere, die Vieh fressen können?
Neuwald: Stellen Sie sich vor, es gibt ein Rudel von acht Tieren in dem Gebiet, wo ich meine Weide habe. Wenn ich davon jährlich drei schieße, sind ja immer noch fünf Wölfe übrig, die meinen Tieren gefährlich werden könnten, wenn ich keinen Herdenschutz etwa durch ausreichende Zäune betreibe. Und auch die Vorstellung, Wölfe halten durch menschliche Bejagung mehr Abstand zu Weiden, ist unrealistisch – denn von denen geht ja keine Gefahr für Wölfe aus. Die Wölfe, die Herdenschutz überwinden, sind wirklich Ausnahmen. Gegen diese Wölfe sollte und kann auch schon vorgegangen werden.
taz: Wie sind die Erfahrungen aus anderen Ländern, die den Wolfsbestand stärker beschränken?
Neuwald: Zum Beispiel in Schweden zeigt sich, dass Territorien von Rudeln, die geschossen werden, schnell von anderen Wölfen besetzt werden. Es gibt dort immer noch Risse und die Herden müssen weiterhin beispielsweise durch Zäune geschützt werden. Frankreich lässt schon seit Jahren bis zu 19 Prozent des Bestandes schießen, nicht über eine generelle Jagdfreigabe, sondern über einzelne Abschussgenehmigungen, wenn es Schäden gab. Dennoch werden dort immer noch zwischen 10.000 und 11.000 Tiere im Jahr gerissen, bei einem ähnlich großen Wolfsbestand wie hier. Generell sagt die Literatur: Damit eine anlasslose Bejagung wirklich die Risszahlen senkt, muss sie sehr umfassend sein. Da muss der Bestand wirklich drastisch runtergebracht werden. Aber das ist nicht vereinbar mit der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU.
taz: Der Gesetzentwurf soll komplett wolfsfreie Weidegebiete ermöglichen, in denen Herdenschutz unzumutbar schwierig wäre. Wie sehen Sie das?
Neuwald: Das hat mich sehr überrascht, weil das Umweltministerium in zwei Forschungsvorhaben die Erfahrungen mit Herdenschutz am Steilhang und am Deich hat zusammentragen lassen. Die zeigen, dass es geht, auch wenn es definitiv mehr Aufwand bedeutet. In Niedersachsen und in Sachsen-Anhalt gibt es Dutzende von Tierhaltern, die ihre Herden auf Deichen seit vielen Jahren erfolgreich schützen.
taz: Sie haben kritisiert, dass die Bundesregierung vor Kurzem den Erhaltungszustand des Wolfs fast überall in Deutschland als „günstig“ eingestuft hat. Das bedeutet, dass die Art eine ausreichende Population hat und langfristig überleben kann. Es gibt hierzulande schätzungsweise 2.000 Wölfe. Das ähnlich große Finnland will nur 273 Wölfe behalten. Warum sollen bei uns noch nicht einmal 2.000 Tiere reichen?
Neuwald: Wir als Nabu verlassen uns da auf den wissenschaftlichen Prozess, den das Bundesamt für Naturschutz angestoßen hat. Dafür hat das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung mit sehr aufwendigen Modellierungen Werte etwa für die notwendige Zahl an Wolfsterritorien bestimmt. Die Politik hat aber diese Werte deutlich nach unten korrigiert. Schweden hat als neue Zielvorgabe 150 Wölfe, obwohl der kleine Bestand jetzt schon genetisch verarmt. Da hat jetzt allerdings die Europäische Kommission reingegrätscht und das Land aufgefordert, die Zahl zu korrigieren.
taz: Sie fordern sogar mehr Wölfe als für den günstigen Erhaltungszustand nötig. Warum?
Neuwald: Der günstige Erhaltungszustand ist das absolute Minimum. Es kann mal eine Krankheit geben, die unter Wölfen grassiert, oder die Verkehrsunfälle mit Wölfen oder illegale Abschüsse nehmen zu. Dann ist die Existenz des Bestands schnell wieder gefährdet. Deshalb sollte der günstige Erhaltungszustand nicht gleichzusetzen sein mit dem Maximum, das wir hier dulden. Und generell: Der Wolf ist ein heimisches Tier und findet hier guten Lebensraum. Er trägt auch dazu bei, die Wildpopulationen etwa von Rehen in Schach zu halten, die in vielen Regionen Deutschlands große Waldschäden verursachen. Außerdem muss Jagd einen vernünftigen Grund haben. Den sehe ich beim Wolf nicht. Rehe, Wildschweine und Hirsche kann man verzehren. Das fällt beim Wolf weg. Seinen Pelz müssen wir auch nicht mehr nutzen.
taz: Mit dem aktuellen Recht ist es sehr schwierig, sogenannte Problemwölfe zu entnehmen. Solche Anordnungen wurden regelmäßig von Gerichten gekippt. Ist der Gesetzentwurf in diesem Punkt also doch nötig?
Neuwald: Nein, das Naturschutzrecht reicht dafür. In Brandenburg sind zwei Wölfe über eine Ausnahmegenehmigung entnommen worden. Es war also möglich. Aber dass so wenige Wölfe darüber geschossen wurden, ist erstens vor allem damit begründet, dass es nur sehr wenige Wölfe gibt, die überhaupt in die Kategorie fallen würden. Und zweitens waren die Genehmigungen manchmal juristisch schlecht gemacht, teils fehlte einfach die Begründung. Das wäre vermeidbar gewesen. Mittlerweile gilt der Wolf in der EU nicht mehr als „streng geschützt“, sondern nur noch als „geschützt“. Das heißt, die Anforderungen an solche Genehmigungen würden auch etwas großzügiger ausgelegt werden als noch vor einem Jahr.
taz: Für viele Landwirte ist es zu aufwendig, die unteren Elektrodrähte von Weidezäunen ständig freizuhalten von Grashalmen, damit der Strom fließt und Wölfe tatsächlich abgeschreckt werden. Wie sehen Sie das?
Neuwald: Ich würde es begrüßen, wenn mehr über solche praktischen Herausforderungen beraten würde und das Landwirtschaftsministerium zum Beispiel einen Kongress zu dem Thema veranstalten würde: Wie kann man Zäune von Bewuchs freihalten? Es gibt mittlerweile Aufsätze für Mähmaschinen, mit denen man unter Zäunen mähen kann. Aber ein Mehraufwand ist es, das kann man nicht wegreden. Manche Bundesländer, zum Beispiel Baden-Württemberg, fördern den Mehraufwand von Herdenschutz und das finde ich absolut richtig.
taz: Manche Menschen haben auch Angst, dass Wölfe zum Beispiel Kinder angreifen könnten. Das passiert weltweit sehr selten. Aber es gibt solche Fälle. Haben Sie da keine Sorge?
Neuwald: Ich kann das natürlich nachvollziehen. Die Wahrscheinlichkeit für einen Angriff durch einen gesunden Wolf auf Menschen ist äußerst gering, Tollwut gibt es hier nicht mehr. Aber es ist ein Wildtier; natürlich kann da niemand eine absolute Garantie aussprechen, genauso wenig wie für andere Wildtiere oder für Haus- und Nutztiere. Doch dieses Risiko lässt sich gering genug halten, indem die Behörden weiterhin sofort einschreiten, wenn Wölfe um Futter betteln oder ein gesteigertes Interesse an Nähe zu Menschen zeigen sollten. So hätte sich der Fall im Sommer in den Niederlanden sehr wahrscheinlich verhindern lassen. Der Wolf, der einen Jungen gebissen hat, war schon in den Jahren davor aufgefallen.
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