Massenproteste in Iran: Fragen und Antworten zur Internet-Sperre
In Iran sollen tausende Menschen getötet worden sein. Seit Donnerstag ist das Netz dort blockiert. Was bedeutet der Internet-Blackout für die Menschen?
Im Zuge der aktuellen Massenproteste gegen das iranische Regime mehren sich die Berichte über massenhafte Tötungen von Regimegegner*innen. Am Montag berichtet der Exil-Sender „Iran International“ gar von einem Massaker an mindestens 12.000 Menschen. Die meisten Menschen sollen dabei am vergangenen Donnerstag und Freitag ermordet worden sein.
Ebenfalls seit Donnerstag erlebt Iran eine vollkommene technische Kommunikationssperre. Es ist nicht das erste Mal, dass in Iran Massenmorde durch Internetabschaltungen und Informationszensur flankiert werden. Das Regime versucht damit, seine Verbrechen zu verschleiern und die Organisation von Protesten zu erschweren.
Die aktuelle Kommunikationssperre ist die umfassendste, die Iran je gesehen hat. Die taz hat mit Exil-Iraner*innen und IT-Expert*innen über den aktuellen Stand, technische Hintergründe und Gegenstrategien gesprochen.
Was ist der Stand bei der Sperre des Internets in Iran?
Das Land erlebt seit fünf Tagen eine landesweite Abschaltung des Internets. Weder können Internetseiten angesteuert werden, noch Messengerdienste genutzt oder Telefonate geführt werden. Diese Kommunikationsblockade in Iran ist in dieser Form beispiellos: Seit dem Abend des 8. Januars werden die Internetverbindungen in der Islamischen Republik gekappt. Das betrifft Kommunikation nach außen sowie auch nach innen. Auch Telefongespräche über Mobiltelefone und Festnetz sind betroffen. So umfassend kam das in Iran noch nicht vor.
Laut dem „Internet Outage Detection and Analysis“-Dienst des Georgia Institute of Technology in den USA sind die Internetverbindungen im niedrigen einstelligen Bereich des Normalwerts. Nur ein Prozent der IP-Adressen, die international erfasst werden, funktionieren. Laut dem IT-Experten Alp Toker, Gründer der Plattform NetBlocks, die weltweit Internetblockaden untersucht, ist die wenige verbleibende Kommunikation für die Regimepropaganda reserviert, die sehr gezielt zugelassen wird.
Kam eine solche Internetsperre schon mal vor?
Bereits bei den Protesten 2017 und 2018 blockierte das Regime in Iran gezielt bestimmte Messengerdienste wie Telegram und störte regional den Mobilfunk. Bei der Revolte im Jahr 2019 wurde das Internet für insgesamt zwölf Tage abgeschaltet und zensiert. Bereits 2019 nutzte das Regime die Kommunikationssperre für Hunderte Morde an Regimegegner*innen. Auch 2022 sowie während des Israel-Iran-Krieges im Juni 2025 schaltete das Mullah-Regime das Internet teilweise und regional aus.
Funktionieren Telefongespräche in Iran?
Betroffen von der aktuellen Kommunikationssperre in Iran sind nicht nur Internetverbindungen, sondern auch Telefongespräche über Mobiltelefone und Festnetzleitungen.
Seit Montagmorgen gibt es vereinzelte Berichte darüber, dass manche Festnetz-Gespräche von Iran nach außen wieder funktionieren. Der IT-Experte Toker warnt allerdings, dass diese sehr wenigen Gespräche vom Regime streng überwacht werden. Eine offene Kommunikation ist darüber nicht möglich. Das erschwert es Journalist*innen und Menschenrechtsaktivist*innen, sich gegenseitig über das Ausmaß der Repression und der Gewalt des Regimes zu informieren.
Wie ist es für das iranische Regime technisch möglich, die komplette Kommunikation nach außen abzuschalten?
Die digitale Infrastruktur in Iran ist besonders gut kontrollierbar. Es existiert nur eine einstellige Anzahl an Verbindungen aus dem Land heraus ins weltweite Internet. Diese Schnittstellen, aber auch der Rest der Internet-Infrastruktur ist zentralisiert und wird durch das Regime kontrolliert.
In Deutschland beispielsweise ließe sich eine solche vollkommene Internetblockade dagegen kaum realisieren. Hierfür existieren zu viele einzelne „Brückenköpfe“ ins weltweite Internet.
Funktioniert das „nationale“ Internet im Inneren von Iran?
Nein. Auch innerhalb des Iran soll die Internetkommunikation unmöglich sein.
Eigentlich hatte das Regime das sogenannte „Nationale Informationsnetzwerk“ (kurz NIN) ab 2013 genau dafür entwickelt: Durch dieses landeseigene Netzwerk sollten Bankingdienste, Gesundheitsportale und Regierungskommunikation auf iranischen Servern gehostet sein. Sie sollten somit auch abrufbar sein, wenn die Internetkommunikation nach außen abgeschnitten wird. So sollten unter anderem die Kosten eines kompletten Blackouts für das Regime vergleichsweise gering gehalten werden. Mehr als sechs Milliarden Dollar hat die Regierung in das NIN investiert.
Wie Recherchen von taz, Netzpolitik und Correctiv im Jahr 2022 aufdeckten, war an diesem iranischen Zensurprojekt auch eine deutsche Tarnfirma des iranischen Unternehmens Arvancloud beteiligt.
Wie kommuniziert das Regime?
Einer der wenigen, der von der Internet-Sperre nicht betroffen ist, ist wohl der Ayatollah Ali Khamenei. Auf der Social-Media-Plattform X postet er – oder zumindest das Social-Media-Team des 86-jährigen obersten Führers – weiterhin Propaganda im Sinne des Regimes: Er teilt gegen die USA aus, stellt die Proteste als fremdgesteuert dar und lobt Videos patriotischer Gegenproteste im Land.
Es scheint, als ließen die Zensoren des Regimes sehr gezielt einzelne Kommunikation zu – jene ein Prozent an Verbindungen, die sich noch beobachten lassen. Amin Sabeti, exiliranischer IT-Experte und Gründer der Organisation Certfa, die sich auf Cybersicherheit im Zusammenhang mit dem Iran spezialisiert hat, erklärt das mit einer Art „Whitelisting“, also einer umgedrehten Zensur. Dabei werden alle Verbindungen gekappt – bis auf wenige einzelne, die gezielt zugelassen werden. Auch Regime-Institutionen mit einer festen, identifizierbaren Internetadresse kann so die Kommunikation weiterhin möglich sein.
Lässt sich beziffern, was der Shutdown für Iran kostet?
Vor ein paar Jahren bezifferte die iranische Handelskammer die Kosten einer kompletten Abschaltung des Internets für die iranische Wirtschaft mit etwa 1,5 Millionen Euro pro Stunde. Der Monitoringdienst NetBlocks rechnet für Iran mit Kosten von etwa 31 Millionen Euro pro Tag.
Wie gelangen Informationen überhaupt noch nach draußen?
Eine der wenigen Möglichkeiten, Informationen auf digitalem Weg aus Iran nach außen dringen zu lassen, ist die Kommunikation über Satelliten. Die günstigste Variante dabei ist das „Starlink“-System des US-Milliardärs Elon Musk. Wie das Fachportal Netzpolitik.org und auch etwa der britische Independent berichten, soll es mehrere Zehntausend „Starlink“-Geräte in Iran geben.
„Ich habe es geschafft, für ein paar Minuten eine Verbindung herzustellen, nur um zu sagen, dass es hier ein Blutbad gibt“, berichtete etwa Saeed, ein Geschäftsmann aus Teheran, der New York Times.
Die Satelliten-Geräte wurden wohl unter anderem von Aktivist*innen ins Land geschmuggelt. „Sie helfen Menschen dabei, Informationen in völliger Dunkelheit zu versenden, wenn diese aufgrund der Abschaltung des Internets in der Steinzeit leben“, sagt der IT-Experte Sabeti. Wer damit erwischt werde, müsse damit rechnen, wie ein ausländischer Spion behandelt zu werden. Es drohe die Todesstrafe.
Was unternimmt das Regime gegen Starlink-Sender?
Selbst gegen diese Art der Satelliten-Kommunikation scheint sich das islamistische Regime mittlerweile gewappnet zu haben. So berichtet das Exil-Medium Iran Wire unter Berufung auf den Cybersicherheit-Experten Amir Rashidi, dass auch Starlink-Verbindungen mittlerweile gestört werden. Seit Donnerstagabend werde rund 80 Prozent der Starlink-Kommunikation blockiert. Dies betrifft anscheinend vor allem die Städte. Das Regime scheint mit militärischen Störsendern dagegen vorzugehen, die im Land verteilt sind und aus China oder Russland stammen könnten.
Was könnte man von außen tun, um Menschen bei der Kommunikation zu helfen?
Individuell kann man den Menschen in Iran in der aktuellen Situation zumindest technisch kaum helfen. Bei früheren Versuchen des Regimes, das Internet zu zensieren, war es möglich, die Kommunikation über sogenannten Proxy-Server umzuleiten und VPN-Tunnel zu nutzen, wobei die Kommunikation selbst verschlüsselt werden kann. Auch die TOR-Technologie hilft dabei, anonym zu surfen. Diese Infrastruktur kann man auch von Deutschland aus unterstützen. Aber in der aktuellen Situation einer vollkommenen Kommunikationssperre helfen auch solche technischen Umwege nicht weiter.
Zu den Gegenmaßnahmen gehörte auch das Surfen über den sogenannten TOR-Browser, bei der die Zugriffe auf Webseiten von Nutzer*innen über verschiedene Zwischenstationen geleitet werden, um die Herkunft zu verschleiern. Wer bei dieser Infrastruktur helfen will, kann sich die kostenlose Browser-Erweiterung namens „Snowflake“ installieren. Damit stellt man dezentral einen Teil der eigenen Internetbandbreite zur Verfügung, um anderen das anonyme Surfen zu ermöglichen.
All diese genannten Gegenmaßnahmen helfen allerdings in der aktuellen Situation nicht weiter. Denn derzeit sind die Verbindungen ins weltweite Internet aus Iran schlicht komplett abgeschaltet. Wo kein digitaler Verkehr fließt, kann man sich auch nicht als jemand anderes tarnen.
Eine der wenigen effektiven technischen Maßnahme gegen die aktuelle Kommunikationssperre wäre es, mehr Satelliten-Technologie wie Starlink illegal ins Land zu schmuggeln.
Was kann ich als Einzelne*r tun?
Das Regime in Iran wird diese Art der vollkommenen Internetsperre nicht für immer aufrechterhalten können. Wer mit den Protestierenden in Iran auf technischem Weg solidarisch sein will, kann sich bereits jetzt beispielsweise am TOR-Projekt beteiligen. Die einfachste Möglichkeit dazu ist es, die Browser-Erweiterung „Snowflake“ zu installieren. Damit hilft man jetzt schon Menschen, die anonym surfen wollen, weil man damit das Netz erweitert, über das die Kommunikation verschleiert wird. Sobald in Iran wieder Verbindungen ins Ausland möglich sind, werden Menschen einen großen Bedarf haben, etwas sicherer zu kommunizieren. Darauf sollten sich auch kommerzielle Anbieter von VPN-Diensten einstellen.
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