Jason Williamson über die Weltlage: „Wir befinden uns längst in der Postapokalypse“
Jason Williamson über Klassismus, Gespräche mit sich selbst und die Stimmenvielfalt auf dem neuen Album des britischen Elektropunk-Duos Sleaford Mods.
taz: Jason Williamson, bisher assoziierte man den Sound der Sleaford Mods eher mit wütenden Tiraden und sarkastischen Kommentaren. Auf Ihrem neuen Album hat man den Eindruck, einem Hörspiel zu lauschen: Verschiedene Stimmen nehmen unterschiedliche Perspektiven ein. Was veranlasste den Wandel?
Jason Williamson: Das war weniger eine konzeptuelle Entscheidung, als dass es sich einfach ergeben hat. Bestimmte Passagen der neuen Songs konnte ich nicht singen. Also suchten wir nach KollegInnen, die das statt meiner tun. Dass es immer mehr wurden, fühlte sich stimmig an – gar nicht willkürlich, wie es oft passiert, wenn ein Gaststar nach dem anderen als Feature eines Albums aus dem Hut gezaubert wird. Deshalb stehen charakteristische Stimmen für konkrete Songideen.
taz: Bei der Vorab-Single „The Good Life“ ist neben dem Soul-Punkduo Big Special auch die Schauspielerin Gwendolyn Christie zu hören, die dem Song einen düsteren, hysterischen Vibe gibt. Wir kennen sie vor allem wegen ihrer Rolle als Brienne in der Serie „Game of Thrones“. Wie kam es zur Zusammenarbeit?
Das Duo: Gegründet 2007 in Nottingham von Sänger/Rapper Jason Williamson und Simon Parfrement. Letzterer wurde bald Manager und Fotograf der Band; 2011 stieg Andrew Fearn als Produzent ein. Den Durchbruch hatte das britische Post-Punk-Duo mit dem Album „Austerity Dogs“ (2013). Seither erschienen sieben Alben, geprägt von minimalistischen Lo-Fi-Beats und wütendem Sprechgesang. Mit seinen assoziativen, oft sarkastischen Texten beleuchtet der Mittfünziger Williamson den prekären Alltag der Working Class.
Das neue Album: „The Demise of Planet X“ (Rough Trade/Beggars/Indigo)
Die Tour: 15. 3. 2026, Berlin, „Tempodrom“; 16. 3. 2026, Hamburg, „Große Freiheit“
Williamson: Wir hegten schon länger den Plan, etwas Gemeinsames zu machen. Gwendolyn hatte allerdings noch nie gesungen. Ich schlug vor, dass sie in einem Video mitwirkt – das lehnte sie ab. Also textete ich einige Zeilen – die sie sich dann eher beiläufig angeeignet hat. Die Aufnahme entstand übrigens beim ersten Take.
taz: Worum geht es in dem Stück – die Stimmen bringen ja sehr unterschiedliche Gefühlslagen ein?
Williamson: Alle Stimmen nehmen an einem Gespräch teil, das ich immer wieder mit mir selbst führe. Es handelt davon, dass ich fast zwanghaft KollegInnen runtermache. Seit ich in Therapie bin, ist mir klarer geworden, warum das geschieht: aus Neid und Eifersucht. Andere Bands bekamen mehr Aufmerksamkeit und sprachen ein breiteres Publikum an. In dem Song gibt es verschiedene Perspektiven. Die Tirade zum Auftakt spricht mein altes Selbst, das kritisiert. Big Special übernehmen den Gesangspart, der zeigt, dass einvernehmliches Miteinander möglich ist. Und Gwendolyns Zeilen bilden meinen widerstreitenden inneren Dialog ab.
taz: An der Postpunk-Band Idles haben Sie sich abgearbeitet, weil diese in Ihren Augen eine Arbeiterklassen-Position einnimmt und sozialkritische Themen auf eine Weise aufgreift, die Sie als kaum glaubwürdig empfinden. Klassenkonflikte sind nicht ungewöhnlich in der britischen Popkultur.
Williamson: Rückblickend kann ich sagen: Selbst wenn die Idles auf einen Zug aufgesprungen sind, könnte mir das egal sein. Mich frustriert vor allem, was ich als Muster wahrnehme: dass Musiker:innen mit Working-Class-Background zurückgedrängt werden, während von Haus aus privilegierte Menschen immer mehr Gatekeeper-Positionen besetzen, in der Musikindustrie und auch sonst in der britischen Gesellschaft.
Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
taz: Das wird verschärft dadurch, dass die Lebenshaltungskosten in den Großstädten für junge Leute kaum mehr zu stemmen sind. Wer heute nach London zieht, um eine Band zu gründen, braucht reiche Eltern.
Williamson: So gesehen bin ich jetzt Teil des Problems. Ich bin inzwischen wohlhabend, davon werden meine Kinder profitieren. Sie haben eine günstigere Ausgangssituation, verglichen mit Kindern von Leuten, die mit dem Mindestlohn auskommen. Doch für meine Wutausbrüche war die Inszenierung der Idles eher der Aufhänger als die Ursache. Oft traf mein Ärger Bands, die wenig mit uns zu tun haben und zudem weniger bekannt sind. Ich war ziemlich obsessiv.
taz: Unlängst haben Sie dann doch einen Podcast mit Joe Talbot, dem Sänger der Idles, gemacht. Warum?
Williamson: Er sagte irgendwann, dass ich ihn mobbe. Meine erste Reaktion war: Wie bitte? Doch er hatte recht. Daraufhin habe ich mich bei ihm persönlich entschuldigt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde nach wie vor, dass es am Zustand der Gesellschaft viel zu kritisieren gibt. Und ich beziehe mich dabei auf Dinge, die ich gut kenne. In den meisten Songs des neuen Albums stecken Seitenhiebe auf Künstlerkollegen, auch wenn die Anspielungen vielleicht nicht alle verstehen. Das öffentliche Kritisieren verkneife ich mir eher.
taz: „Elitist G.O.A.T.“ ist ein weiterer Song auf dem neuen Album, der mit einem differenzierten Klangbild überrascht, dank der luftig-leichten Stimme der neuseeländischen Folksängerin Aldous Harding.
Williamson: In seiner Demofassung habe ich mich mit dem Stück zunächst schwergetan. Inzwischen ist es mein Lieblingssong. Für mich kam die Wende, als Andrew hinter dem Keyboard hervorkam und sich zu mir aufs Sofa setzte. Statt dass er weiter am Sound feilte – dafür bezahlen wir ja die Tontechniker –, arbeiteten wir gemeinsam am Arrangement. Er brachte eine neue Ebene ein, die es vorher nicht gab – zugleich ist sie ein „Fuck Off“ an alle, die zu wissen glauben, wofür die Sleaford Mods stehen.
taz: Wo finden Sie Ihre musikalische Inspiration?
Williamson: Ich habe seit jeher unterschiedliche Musik gehört, von Softpopsänger Kenny Loggins bis hin zu The Jam. Ich bin kein Experte für Postpunk oder Rap. Meistens greife ich auf Dinge zurück, die ich in meiner Jugend gehört habe. Ehrlich gesagt, tue ich mich eher schwer mit neuer Musik. Was mich vor allem fasziniert, sind Leute, die einen Sound entwickelt oder ein Genre mit geschaffen haben. Dass jemand die Weichen neu gestellt hat, wird oft erst Jahre später klar.
Haben Sie ein Beispiel?
Williamson: Bei der Arbeit am neuen Album habe ich mich mit dem Werk von David Bowie Mitte der 1970er beschäftigt, mit Alben wie „Low“. Vor dem Hintergrund, in welchem fragilen Zustand er damals war, finde ich besonders interessant, was ihn angetrieben hat, woher Bowie die Entschlossenheit nahm, Neues auszuprobieren.
taz: Nach den Verwerfungen, die entstanden sind, seit die Tories im Jahr 2020 den Brexit durchgeboxt hatten, reagiert seit 2024 in Großbritannien die Labour-Partei. Die politische Stimmung im Land ist dadurch kaum besser geworden. Aktuell sieht es eher danach aus, als könne bei der nächsten Unterhauswahl der Rechtspopulist Nigel Farage gewinnen. Erfüllt Sie diese politische Entwicklung mit Sorge?
Williamson: Es wird sicher noch reichlich Gelegenheiten geben, Farage an den Karren zu fahren. Vielleicht scheitert er ja auch an sich selbst. Die Frage ist, ob das vor oder nach der Wahl passiert. Und ob er überhaupt gewinnt – es gibt ja auch noch vernünftige Leute. Andererseits scheint sein Gerede, dass Großbritannien von Immigranten überschwemmt wird, wirklich zu verfangen. Viele Leute glauben, dass die Flüchtlingsboote, die über den Ärmelkanal kommen, unserer eigentliches Problem sind. Was mir auffällt: Seit ein, zwei Jahren hängen vielerorts englische Nationalfahnen.
taz: Ich dachte immer, St.-George-Beflaggung sei Folklore von Fußballfans?
Williamson: Die Art, wie die Fahnen präsentiert werden, hat sich verändert. Besonders präsent sind sie in Arbeitervierteln von Kleinstädten – nicht da, wo die Mittelschicht wohnt. Die Leute befestigen Plastikfähnchen mit Gefrierbeutelklammern an Laternenmasten. Alles wirkt superordentlich, mit den Fahnen im Mittelpunkt. Ehrlich gesagt erinnert mich diese Ästhetik an das Deutschland der 1930er Jahre.
taz: Rechtsruck ist ein globales Phänomen. Neben den sozialen Problemen gibt es auch noch die Klimakrise. Ihr Album heißt passenderweise „The Demise of Planet X“. Was folgt auf den Untergang?
Williamson: Eigentlich befinden wir uns längst in der Postapokalypse – und in einer Spirale von Hoffnungslosigkeit. Letztlich bleibt einem nichts anderes übrig, als das Positive im Negativen zu suchen. Damit meine ich keineswegs ein happy mindset oder positives Denken. Eher geht es mir darum, aus der Misere etwas Kreatives zu machen. Und dem Gefühl, eigentlich überflüssig zu sein, etwas entgegenzusetzen. Einfach, um sich seine Lebensenergie zu erhalten.
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